Aus Smog wird Geld

Der indische Forscher Anirudh Sharma hat ein Verfahren entwickelt, das den an Auspuffen gesammelten Russ zu Pigmenten für Künstlerfarbe werden lässt.

Blaue Tinte im Wasser: «Air Ink» heisst der Recycling-Farbstoff der Firma Graviky Labs. Foto: Peter Backens (Keystone)

Blaue Tinte im Wasser: «Air Ink» heisst der Recycling-Farbstoff der Firma Graviky Labs. Foto: Peter Backens (Keystone)

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Wie weit kommt man mit einer Dreiviertelstunde Autofahren? Kommt auf die Geschwindigkeit an und auf den Verkehr, klar. Aber ungefähr von Zürich nach Winterthur. Würden die meisten von uns sagen. Nicht so der indische Nachwuchsforscher Anirudh Sharma. Er sagt: 45 Minuten Autofahrt bringen dich – einen Stift weit. Klingt komisch, ist aber nachvollziehbar, wenn man Folgendes weiss: Sharma hat ein Verfahren entwickelt, mit dem aus dem Russ von Autoabgasen Pigmente gewonnen werden, die dann wiederum zur Herstellung von Malstiften, Tinte oder Sprayfarbe verwendet werden. Oder, anders formuliert: Sharma weiss, wie man aus Smog Geld macht.

Alles begann 2012, als Sharma, damals 24, zu Hause im indischen Bangalore mit ein paar Freunden zusammensass. Man sprach darüber, wie sich der Smog in Form einer feinen Russschicht auf die Kleidung legt. Wo andere einen Fall für die Waschmaschine sahen, witterte Sharma eine Möglichkeit. Hatte nicht schon der US-Visionär Richard Buckminster Fuller (1895–1983) gesagt, dass Schadstoffemission nichts anderes sei «als eine Ressource, die wir nicht nutzen, weil wir uns nicht über ihren Wert im Klaren sind»?

Sharma, Naturwissenschaftler und damals angestellt am MIT Media Lab, hatte Blut geleckt. Wenn sich das Zeug schon hartnäckig festsetzt, dachte er, dann müsste man es doch auch dazu bringen können, sich dort festzusetzen, wo es von Nutzen ist. Beflügelt von den Erfolgen seiner vorangegangenen Forschungsprojekte, für die man ihn zunächst belächelt hatte, die sich aber als erstaunlich erfolgreich erwiesen – zum Beispiel ein mit Sensoren ausgestatteter Schuh, der Menschen mit Sehbehinderung als Blindenhundersatz dient –, machte er sich selbstständig und mit einer Gruppe von befreundeten Forschern daran, systematisch nach einer Technologie zu suchen, mit der man die in Autoabgasen enthaltenen Mikro­russpartikel sammeln, reinigen und weiterverwenden könnte.

«We. Make. Magic.»

Im Jahr 2013 gründete Sharma die Firma Graviky Labs, die heute zehn Mitarbeiter zählt (plus Labrador Kaali, den Firmenhund). Die Porträtfotos auf der Graviky-Website sind verwackelt, die Nachricht auf dem Anrufbeantworter herrlich unausgefeilt; man steckt die Manpower halt da hinein, wo sie wirklich etwas nützt.

Sharmas Faible für innovative Ideen, an die zunächst nur er allein glaubte, wurde nicht ohne Humor zum Firmenmotto erkoren: «Graviky Labs: We. Make. Magic.» Und es hat tatsächlich etwas Magisches, was Sharma und sein Team in den letzten drei Jahren erreicht haben. Die Filtervorrichtung, die an handelsübliche Autoauspuffe montiert wird, wo sie dann 95 Prozent der anfallenden Russpartikel sammelt, ohne die Motorleistung zu beeinträchtigen: Sie ist fertig entwickelt. «Kaalink» heisst das Ding (benannt nach Firmenhund Kaali und gleichzeitig eine phonetische Spielerei, die nach «car-link» klingt), und es funktioniert wie ein ultrafeines Sieb: Die Russpartikel, die es sammelt, haben einen Durchmesser von kaum 2,5 Mikrometer, was einem Dreissigstel der Dicke eines Menschenhaares entspricht.

Und es liegt durchaus im allgemeinen Interesse, dass diese Teilchen in Sharmas Erfindung landen. Denn die, die es nicht tun, gelangen mit der Atemluft in unsere Lungen und richten dort erhebliche Schäden an. Studien haben gezeigt, dass allein in den USA 20 000 Todesfälle pro Jahr direkt mit den Russteilchen in der Luft zusammenhängen, dazu kommen jährlich 300 000 russpartikelbedingte Asthmaattacken. In China, dem Hotspot in Sachen Luftverschmutzung, dürften die Zahlen noch viel höher sein; Ärzte gehen davon aus, dass fast ein Zehntel der chinesischen Bevölkerung an Asthma oder vergleichbaren Atemwegserkrankungen leidet.

Dass etwas passieren muss, um diesen Trend zu stoppen, ist klar. Ebenso klar ist den Tüftlern von Graviky Labs, dass der von ihnen entwickelte Kaalink nicht einmal dem Tropfen auf dem heissen Stein gleichkommt.

Damit Sharmas Filter tatsächlich Auswirkung auf die Luftqualität hat, müsste Kaalink im grossen Stil über längere Zeit und auf grossem Raum zum Einsatz kommen. Theoretisch ist das Produkt so weit entwickelt, dass man es bereits auf LKW und sogar bei Industrieschornsteinen anwenden könnte. Erste Interessenten haben sich bereits gemeldet; Sharma sieht die kommenden drei Jahre als Testphase auf verschiedenen Anwendungsgebieten an.

Ist das rentabel?

Erste Früchte trägt das Projekt allerdings schon jetzt. «Air Ink» nennt sich die Tinte, die mit dem von Kaalink gesammelten Material hergestellt wird. Dem gesammelten Russ werden dafür in einem ausgeklügelten Verwahren Pigmente entnommen, gereinigt und zur Weiterverwendung aufgearbeitet. Seit kurzem gibt es Air Ink in Form von Malstiften, Künstlertinte und Sprayfarbe; im Sommer wurden die Produkte von Graffitikünstlern in Hongkong getestet – und sie stiessen auf Begeisterung. Nun hofft Sharma, Air Ink bis Ende Jahr regulär auf den Markt bringen zu können. Zudem soll die Produktepalette systematisch ausgebaut werden. Irgendwann, meint Sharma, könnte es möglich sein, ganze Skulpturen aus gereinigtem Smog herzustellen.

Ganz neu ist Sharmas Idee übrigens nicht. Bereits vor einigen Jahren wurde im US-Bundesstaat Ohio, wo stillgelegte Kohleminen bis heute Flüsse verpesten, etwas Ähnliches versucht. Umweltnaturwissenschaftler von der Ohio University hatten aus dem im Wasser vorhandenen Eisenoxid Pigmente gewonnen, mit denen anschliessend Künstlerfarbe hergestellt wurde. Das Problem war, dass das Verfahren teuer war. Zu teuer: Solange Gewinnung und Reinigung sich wirtschaftlich nicht lohnen, so lange wird die Farbindustrie dem billigen, aus China importierten Eisenoxid jenem aus einheimischem Giftschlamm gewonnenen den Vorzug geben.

Ob Sharma und seine Graviky Labs es schaffen, nicht nur ein ökologisch sinnvolles, sondern auch ein rentables Produkt auf den Markt zu werfen, bleibt also noch abzuwarten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.09.2016, 23:59 Uhr

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Die Lösung

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Wer einen Filter ans Auspuffrohr montiert, kann dabei helfen,
Farbe herzustellen.

Naturwissenschaftler Anirudh Sharma.

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