35 Hektaren für die Kunst

Anselm Kiefer hat in Frankreich ein riesiges Ateliergelände geschaffen. Nun sollen Künstlerkollegen Werke hinzufügen. Eines ist schon da.

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Wie sähe der Ort Ihrer Erinnerungen aus? Ein paar Tagebücher im Regal? Gerahmte Fotos auf der Kommode? Wie wäre es, stattdessen mit einem 35 Hektaren grossen Gelände, auf dem Dutzende von Gebäude stehen, die Ihre Erinnerungen enthalten? Eine Utopie? Nicht für den deutschen Starkünstler Anselm Kiefer, der sich im südfranzösischen 2000-Seelen-Dorf Barjac mit La Ribaute genau dies erbaut hat. «Ich wollte einen Ort meiner Erinnerung schaffen. Erinnerung ist meine Heimat», sagte der 69-Jährige einmal. Kiefers Heimat scheint immens zu sein.

Auf dem Gelände standen einst nur drei Gebäude einer ehemaligen Seidenfabrik, die in Dornröschenschlaf lag – bis sie von Anselm Kiefer entdeckt, erweckt und in ein Atelier samt Lebensraum verwandelt wurde. Dort wirkte der Künstler während rund 16 Jahren, bis er 2009 in die Nähe von Paris übersiedelte. Zurück blieb eine einmalige Materialisierung von Erinnerungen und Gedanken.

Fantastisches Labyrinth

Bis vor kurzem barg La Ribaute nur Kiefers eigene Kunstschätze: gigantische Malereien und Skulpturen, ein mit Mohnkapseln verzierter Jagdbomber, in eigens errichteten Gewächshäusern wild herumliegende Betontrümmer, baufällige, bis zu 30 Meter hohe Containertürme und manches mehr. Doch genügte Kiefer der Raum zwischen Erde und Himmel nicht: Unter sein Reich liess er Stollen graben, hier und da mit einer Öffnung nach oben, um, wie in einem Termitenbau, Licht und Luft einströmen zu lassen.

Irgendwo in diesem fantastischen Labyrinth gelangt man in eine Grotte, aus deren einer Tür Schutt herauszufliessen scheint. Dahinter ein noch grösseres Gewölbe mit Säulen, jede einen halben Meter dick wie überdimensionale Tropf­steine. Doch bei genauerem Hinsehen bemerkt man, dass dies die Zementfundamente des darüberliegenden Raumes sein müssen: tief eingebohrt in die Erde und aufgefüllt mit Beton, worauf Kiefers Team die zwischen den Betonzylindern liegende Erde abtrug. Es entstand ein Ort zwischen Bewusstem und Unbewusstem, einem archaischen Tempel ähnlich.

«Wir teilen viel Gemeinsames»

Anlässlich der Anselm-Kiefer-Schau in der Fondation Beyeler 2001/02 hatte ein anderer deutscher Künstler, Wolfgang Laib, ein Video-Interview seines Kollegen zu sehen bekommen, das ihm diesen in einem neuen Licht erscheinen liess. «Wir teilen viel Gemeinsames, nicht so sehr in der Kunst, sondern in unserem Denken.» So schlug er Kiefer vor, je ein Kunstwerk auszutauschen: Laib würde eines in La Ribaute aufstellen, Kiefer eines bei Wolfgang Laib im Schwabenland. Zuerst dachte Kiefer an etwas Bescheidenes, Kleines. Doch als sein Kollege ihn besuchte, zeigte er kiefersche Grösse: «Du kannst tun, was du willst. Ich will nicht mehr allein in der Ribaute sein. Sie soll ein Treffpunkt verschiedenster Künstler werden.» Laib liess sich dies nicht zweimal sagen.

Biegt man nach der Säulenhalle in ­einen feuchten, dunklen Stollen, nimmt man feinen Wachsgeruch wahr. Folgt man ihm, gelangt man zu einer langen, nach unten führenden Betontreppe, an deren Ende es golden glüht. Je tiefer der Besucher hinuntersteigt, desto mehr öffnet sich ein wundersamer Raum, einer lang gestreckten Kapelle ähnlich, nur von sieben von der Decke baumelnden Glühlampen beleuchtet. Die mit einer zentimeterdicken Wachsschicht verputzten Wände des 40 Meter langen und fünf Meter hohen Raumes bilden ein organisches Ganzes, dessen Form an die «Betenden Hände» von Albrecht Dürer erinnern, nur dass sich die Fingerspitzen nicht berühren: eine Geste der Huldigung, die den Raum zu einem goldfarbenen Kultraum macht, schlicht, ergreifend, berührend.

Bald öffentlich?

«Er kann Dinge, die ich nicht kann, und ich solches, das er nicht kann», sagte Laib Ende Mai anlässlich der Fertigstellung seiner Wachshöhle. Damit brachte er die Gegensätzlichkeit der beiden auf den Punkt: der feine, introvertierte, asketisch anmutende Laib, der tagelang in Feldern steht, um Blütenstaub zu sammeln, den er dann geduldig wie ein Zen-Meister mithilfe eines Siebs auf den Boden einer Galerie oder eines Museums streut, auf ein grosses Quadrat begrenzt, genau, präzise.

Ganz anders Kiefer, der Künstler der grossen Geste, der sich nicht scheut, mit Baumaschinen und Äxten Kunst zu schaffen, dem rechte Winkel ein Gräuel zu sein scheinen und der einen Hang zum Unfertigen, Groben hat. Der eine den lichten, lebensbejahenden Seiten einer intakten Welt zugetan, der andere dem Apokalyptischen und Verdrängten – der Grausamkeit der Politik und Geschichte, vor allem derjenigen seiner Heimat Deutschland.

So ist nun La Ribaute nicht mehr nur ein kiefersches Gesamtkunstwerk, sondern ein Ort, wo ein spannender Antagonismus zu keimen beginnt, wo sich künftig auch andere Künstler mit dem «Grubenarbeiter einer Geschichte von Albträumen», wie Kiefer einmal genannt wurde, messen sollen. Noch ist diese Welt nur wenigen Besuchern vorbehalten, doch denkt Kiefer über eine Öffnung nach. Falls dieses grandiose Reich tatsächlich einmal frei zugänglich sein sollte, ist schon jetzt klar, dass dies kein Museum im üblichen Sinn wird. Denn La Ribaute ist kein Ort, an dem Kunst hinter Gläsern geschützt wird, wo Restauratoren ängstlich Licht und Klima kontrollieren. Nicht der Mensch bemächtigt sich des Objekts, sondern das Objekt verleibt sich den Betrachter ein. Das muss erst einmal gelernt werden.

Erst steht aber noch eine weitere Herkulesaufgabe an: Kiefer soll, so die Abmachung, bei Laib Gegenrecht erhalten. Wo genau und wann, ist noch offen. Das Kunstwerk aber soll bereits feststehen. Eines ist sicher: Es wird ein Gebäude mit kieferschen Dimensionen benötigen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.08.2014, 09:27 Uhr

Anselm Kiefer, Barjac, 2011

Quelle: Youtube

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