Basel, güldenes

Kaiser Heinrich II. beschenkte einst das Basler Münster. Die goldene Altartafel ist nun wieder in Basel zu sehen.

Christus in der Mitte, das Stifterpaar Heinrich II. und seine Frau Kunigunde ganz klein zu seinen Füssen. Paris, Musée de Cluny - Musée national du Moyen Âge

Christus in der Mitte, das Stifterpaar Heinrich II. und seine Frau Kunigunde ganz klein zu seinen Füssen. Paris, Musée de Cluny - Musée national du Moyen Âge Bild: Michel Urtado

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Sie leuchtet schon aus grösster Distanz und zieht alle Blicke auf sich: die goldene Altartafel, die Kaiser Heinrich II. als Geschenk für das von ihm gestiftete Basler Münster vor 1000 Jahren mitbrachte. Neben dem sogenannten Heinrichskreuz ist sie das Prunkstück der Ausstellung «Gold und Ruhm – Geschenke für die Ewigkeit». Und sie war in all den Jahrhunderten bis zur Reformation in Basel Anfang des 16. Jahrhunderts schon das Prunkstück im Münster selber. 

Jetzt ist sie also erstmals wieder in Basel zu sehen. Das letzte Mal war das 1956 der Fall, als zum hundertjährigen Bestehen des Historischen Museums Basel 60 Objekte des Basler Münsterschatzes zusammengetragen und hier ausgestellt wurden. 

Anlässlich der grossen Ausstellung des Basler Münsterschatzes im Jahr 2001 – exakt 500 Jahre nachdem Basel der Eidgenossenschaft beigetreten war – fehlte die Altartafel allerdings, die sich heute im Besitz des Musée de Cluny – Musée national du Moyen Âge in Paris befindet. Damals war zu lesen, diese Altartafel werde wohl nie mehr als Leihgabe Paris verlassen. Nun ist sie hier. Unter grössten Sicherheitsvorkehrungen – konkret in Begleitung einer Polizeieskorte – kam sie aus der französischen Hauptstadt nach Basel. 

Und wenn man sie schon von weitem sieht, im zweitletzten Saal des zweiten Stocks im Neubau des Kunstmuseums, und man sie so zum Fokus und Höhepunkt von «Gold und Ruhm» gemacht hat, so hat das absolute Berechtigung. Denn anhand der Altartafel lässt sich erklären, was Basel war, was Basel sein sollte und was Basel geworden ist.

Der geschichtliche Hintergrund: Basel um die vorletzte Jahrtausendwende gehörte zum Königreich Burgund, das sich vom Mittelmeer bis ins heutige Nordfrankreich erstreckte.

Rechte und Güter

Basel lag an der Ostgrenze Burgunds. Heinrich II., um 973 geboren, König des ostfränkisch-deutschen Reichs seit 1002, ab 1014 römisch-deutscher Kaiser, eignete sich die Stadt an, um sich so auch einen Zugang zum Burgund zu verschaffen, dessen Herrscher Rudolf III. (sein Onkel übrigens) kinderlos war. Heinrich stattete den Bischof von Basel mit zahlreichen Rechten und Gütern aus und machte ihn somit zum mächtigsten Fürsten in der Region – unter anderem mit Kontrolle über Silberminen im heutigen Baden-Württemberg.

Aus der bislang ländlich geprägten Siedlung am Rheinknie wurde in der Folge eine richtige Stadt. Symbol dieser neu erworbenen Bedeutung Basels wurde das von Heinrich geförderte Münster. Und zum Münster gehörte der Schatz, die Reliquien, um in der von der Geistlichkeit geprägten Welt auch die gebührende Anerkennung zu erhalten.

Noch bis vor zehn Jahren war da und dort zu lesen, die Altartafel, rund 1,8 Quadratmeter gross, mit rund 5,5 Kilo Gold bestückt, sei ursprünglich gar nicht für Basel gedacht gewesen. Heinrich II. habe sie umgewidmet, um bei der feierlichen Einweihung des Heinrichsmünsters am 11. Oktober 1019 eine passende Gabe mitbringen zu können. Die neuere Forschung geht jedoch davon aus, dass die Altartafel zwar vermutlich in Bamberg, im Norden Bayerns, entstand, aber durchaus für Basel gedacht gewesen sein könnte. Denn in Basel oder der näheren Umgebung gab es offenbar gar keine Goldschmiede, der solch eine Arbeit zuzutrauen war. In Bamberg dagegen schon.

Zwischen 1019 und 1529, dem Jahr, in dem die Reformation auch in den Basler Gotteshäusern alles Hergebrachte über den Haufen warf, wurde die Altartafel nur bei den höchsten sieben Kirchenfesten – Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Fronleichnam, Heinrichsfest, Mariä Himmelfahrt und Allerheiligen – vor und nicht auf den Hauptaltar des Münsters gestellt.

Noch vier goldene Altartafeln

Mit der Reformation, und das ist durchaus ungewöhnlich, wurde diese Altartafel aber nicht etwa eingeschmolzen oder vernichtet. Stattdessen wurde sie in der Sakristei des Münsters zusammen mit dem restlichen Münsterschatz eingeschlossen und aufbewahrt. Über Jahrzehnte, über Jahrhunderte. Sie gehört neben jenen von Aachen, Venedig und Mailand zu den wenigen erhalten gebliebenen goldenen Altartafeln des Mittelalters. 

Nachdem Napoleon die alte Ordnung in Europa und auch in der Eidgenossenschaft unwiederbringlich umgestossen hatte und vormaligen Untertanen allenthalben den Floh ins Ohr gesetzt hatte, sie könnten gut und gern gegen Obrigkeiten aufbegehren, entzündete sich der Händel in Basel so, dass Vorsichtsmassnahmen angezeigt erschienen.

Der Münsterschatz inklusive Altartafel wurde sicherheitshalber ins Basler Rathaus verfrachtet. Was Schutz und Sicherheit hätte bedeuten sollen, kehrte sich, Ironie des Schicksals, ins Gegenteil. Als die Kantonstrennung nach den Wirren von 1833 Wahrheit wurde und nach Geheiss der anderen Orte die Besitztümer Basels gemäss der Grösse der Bevölkerungsanteile zu zwei Teilen an Basel-Landschaft gingen und nur zu einem Teil in der Stadt verblieben, wurde auch der Münsterschatz dazugezählt, denn er war ja im Rathaus.

In Liestal versteigert

Zusätzliches Pech war dann, dass die Stadt bei der Verlosung weder das Heinrichskreuz noch die Altartafel zugeteilt erhielt. Beide Heinrichsgaben kamen in der Folge 1836 in Liestal zur Versteigerung, denn der bitterarme, junge Halbkanton Basel-Landschaft brauchte Kohle, nicht Kostbarkeiten.

Erster weltlicher Besitzer der Altartafel wurde der Basler Goldschmied Johann Jakob Handmann. Als er kurze Zeit später die Altartafel weiterveräusserte, hätte es wiederum eine Gelegenheit gegeben, dieses Kernstück der Geschichte Basels wieder in den Besitz der Stadt zu bringen.

Marc Fehlmann, Direktor des Historischen Museums Basels, sagte gestern anlässlich der Presseführung durch die Ausstellung, es sei Zeit, mit der Legende aufzuräumen, dass das Schicksal der Altartafel quasi unabdingbar war, in den Besitz Frankreichs zu kommen. «Für zwei Jahressaläre eines damaligen Basler Universitätsprofessors hätte man die Altartafel kaufen können. Und es gab auch damals genügend reiche Basler, die dieses Geld hätten aufbringen können.»

Allein, es hat nicht sein sollen. Und so ist dieses güldene Herz der Stadt Basel nun nur für drei Monate bloss ausgeliehen und wird danach – samt gebührender Polizeieskorte – wieder seinen Weg zurück nach Paris finden (müssen). Umso mehr lohnt sich ein Besuch der spektakulären Ausstellung!

«Gold und Ruhm – Geschenke für die Ewigkeit», Kunstmuseum Basel (Neubau), bis 19. Januar 2020; zur Ausstellung erscheint ein wissenschaftlicher, reich bebilderter Katalog im Hirmer-Verlag, München. www.kunstmseumbasel.chwww.hmb.ch

Erstellt: 20.10.2019, 14:44 Uhr

Neun Räume, thematisch gegliedert

Die Ausstellung «Gold und Ruhm – Geschenke für die Ewigkeit» im Neubau des Kunstmuseums Basel gliedert sich in neun Räume und neun Teile; eine starke, gedeckte Farbe gibt jedem Raum eine besondere Stimmung.

Zum Einstieg: «Europa vor 1000 Jahren» erklärt anschaulich die politische Situation rund um das Jahr 1000. Es geht weiter mit «Basel um 1019». Da sieht man dank Bildprojektion, wie es am Basler Petersberg aussah – oder am Zunzger Büchel. Grabungsfunde geben Aufschluss über die Lebensgewohnheiten. «Basel von Burgund zu Heinrich II.» heisst es in Saal 3, ein etwas holprig gewählter Titel. «Unterwegs im Reich» widmet sich der Mobilität von vor 1000 Jahren und bietet einige erstaunliche Einsichten. Im Mittelstück ist ein Modell des Heinrichsmünsters zu sehen. In «Kirche und König» geht es um die Vermischung zwischen weltlicher und kirchlicher Macht. «Geschenke für die Ewigkeit» zeigt vor allem Reliquien, wertvolle Bücher, Tragaltäre und dergleichen. Unter anderem eine ganz besondere Leihgabe aus Cleveland (USA). In «Eine Sternstunde Basel» stehen die Prunkstücke der Ausstellung: das Heinrichskreuz und die Altartafel. «Basel und der Kult um das Kaiserpaar» beschliesst die Ausstellung. Hier wird Heinrich und seiner Gattin Kunigunde die Ehre erwiesen. Sie wurden beide heiliggesprochen. (mw)

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