Blut und zuckende Herzen für die Götter

Eine Welt ohne Metall und Rad, dafür mit grausigen Opfern: Die Kultur der Maya liefert einen Gegenentwurf zur Alten Welt. Das zeigt eine sensationelle Ausstellung in Berlin.

Der Ballspieler entstammt der Epoche der Maya-Spätklassik (600–900 n. Chr.). Foto: Inah, Museo Nacional de Antropología, Mexiko-Stadt

Der Ballspieler entstammt der Epoche der Maya-Spätklassik (600–900 n. Chr.). Foto: Inah, Museo Nacional de Antropología, Mexiko-Stadt

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Es gibt diese berühmte Karikatur mit den drei Affen, die nichts sehen, hören und sagen: Symbole der Reaktion in der Ära Metternich, als staatliche Zensur die Demokratie zu unterdrücken suchte. Dieses Bild kommt einem in den Sinn, wenn man jetzt im Berliner Martin-­Gropius-Bau vor dem Affen steht, der mit grosser Geste einen Stift vor sich hält. Es ist der Brüllaffenmann der Maya, Beschützer der Schreiber und ­Hüter der Erinnerung, Sendbote des ­zivilisatorischen Fortschritts.

Diese Erfahrung des frappierend Anderen kann man derzeit in einer spektakulären Schau über die Maya machen, jener vorkolumbischen Zivilisation, die über 1500 Jahre hinweg weite Teile Mittelamerikas prägte. Zum Auftakt des deutsch-mexikanischen Kulturjahres liefert das Nationale Institut für Anthro­pologie und Geschichte in Mexiko-Stadt eine abgeklärte Revision berühmter Funde aus der Perspektive neuester Forschungen. Das Ergebnis ist ein Projekt der Superlative.

Opfer fürs Volkswohl

Der Schlüssel liegt in der radikalen Reduktion. Die Ausstellungsmacher haben der Versuchung widerstanden, die Fülle an Ergebnissen in Vitrinen anzuhäufen, die allein durch die immensen Fortschritte bei der Entzifferung der Maya-Schrift – mehr als 50 Prozent ihrer Hieroglyphen können mittlerweile gelesen werden – gemacht wurden. Stattdessen haben sie 300 erlesene Stücke aus dem Nationalmuseum von Mexiko-City sowie aus zahlreichen Regionalsammlungen ausgewählt, mit denen sie Europäern des 21. Jahrhunderts eine völlig andere Kultur verständlich machen wollen.

Die originelle Leitlinie dabei ist die Spur der Körper, von Menschen, Tieren, Dämonen, Göttern. «Sprache der Schönheit» lautet der programmatische Titel der Schau. Aber die Ästhetik spielt nur vordergründig die Hauptrolle. Die Arbeiten von Maya-Künstlern werden als exemplarische Zeugnisse gedeutet, die eine andere Lebenswirklichkeit, andere ökologische Bedingungen und einen ­anderen Götterhimmel offenbaren.

Schon die Chancen, die sich den Maya auf der Halbinsel Yucatán und weiter südlich boten, unterschieden sich grundlegend von den Möglichkeiten, mit denen Griechen und Römer in der Alten Welt ihre Weltreiche zimmerten. Die Maya mussten ohne Zugtiere und werkzeugfähige Metalle auskommen, ohne Wagen, Rad und Töpferscheibe. Ihre Fähigkeiten zum interkontinentalen Handel waren ebenso eingeschränkt wie zu Expeditionen auf hoher See.

Dennoch folgten sie den Instinkten und Trieben des Homo sapiens. Die ­mexikanischen Wissenschaftler räumen mit der Wunschvorstellung der 80er-Jahre auf, nach der die Bewohner der amerikanischen Subtropen keineswegs so blutige Rituale vollzogen hätten, wie die spanischen Eroberer berichteten. So führt die Ausstellung gleich mehrere Skulpturen vor, die adelige Gefangene in demütiger oder leidender Haltung zeigen. Durch ihre perforierten Ohrläppchen, die einst Schmuckstücke aus Jade füllten, sind Stofffetzen gezogen, auf ihrem Lendenschurz prangen ihre Namen und die ihrer Überwinder, und es gibt kaum einen Zweifel, dass ihrem ­Leben mit einem Messer aus vulkanischem Obsidian ein Ende gesetzt wurde. Blut und zuckende Herzen waren der Stoff, der die Götter nach dem Glauben der Maya dazu brachte, die Fruchtbarkeit der Erde sicherzustellen. Sie gaben ­ihnen reichlich davon.

Die Inschriften, von denen immer neue in den Maya-Ruinen ans Licht kommen, berichten von endlosen Kriegen zwischen den Stadtstaaten der frühen (250 bis 600 n. Chr.) und späten Klassik (600 bis 900), der Hochblüte der Maya-Kultur. Ganze Städte wurden ausgelöscht, ihre Eliten geopfert, die Überlebenden vermutlich versklavt. Aber auch die lebenden Könige und Fürsten mussten für ihre hohe Stellung Opfer bringen. Bilder von Adeligen, die sich zum Wohl ihrer Völker einen Knochendolch in den Penis stiessen, um die Götter milde zu stimmen, lassen erschaudern.

Die Steinmetze, Töpfer und Kunsthandwerker der Maya haben ihre Mitmenschen und ihre Umwelt aus sehr unterschiedlichen Perspektiven gesehen. Den Körper einer alten Frau stellten sie höchst naturalistisch, mit schlaffen Brüsten und zahnlosem Gebiss dar, mit dem die Greisin als Zeichen ihrer Umnachtung ihre Finger traktiert. Die berühmten Schlangenfiguren, die die Tempelpyramiden schmückten, sind dagegen Meisterwerke reduzierter Stilisierung, die Oberflächen mit feinsten Details übersät. Wohlgemerkt, ihren Schöpfern standen nur Hilfsmittel aus Stein oder vulkanischem Glas zur Verfügung.

Eigentümliches Schönheitsideal

Nur wenige Schriften der Maya sind dem Büchersturm der Spanier entronnen. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet ein Text des Franziskaners und Inquisitors Fray Diego de Landa, der im 16. Jahrhundert massgeblichen Anteil an der Vernichtung der Maya-Texte hatte, zum Schlüssel für die Ent­zifferung der Hieroglyphen und vieler Kunstwerke wurde. So beschreibt Landa in seinem «Bericht über die Angelegenheiten in Yucatán» ein eigentümliches Ritual: «Das Neugeborene wurde bäuchlings ausgestreckt hingelegt und sein Kopf zwischen zwei Bretter gesteckt, eines am Hinterkopf und das andere an der Stirn. Zwischen den Brettern pressten sie den Kopf so fest zusammen und überliessen das Neugeborene seinen Schmerzen, bis der Kopf nach einigen Tagen platt und künstlich geformt war, so wie es bei ihnen üblich war.»

Diese Deformation des Kopfes war in allen sozialen Schichten üblich und folgte den Traditionen der Familie. Damit wurde ein Kind in die Gemeinschaft einge- und zugleich mit dem Kosmos verbunden. Das idealisierte Ergebnis modulierten Maya-Künstler in Ton, weisse Fahnen aus Mund und Nase standen für den Atem der Seele, die im Kopf ihre Heimat hatte.

Auch anderer Körperschmuck lässt sich mithilfe von Landas Buch verstehen. Tätowierungen brachten die Maya sich mit Schnitten in die Haut bei, die sie mit Erde oder Kohle füllten. In Ermangelung von Metallscheren brannten sie sich das Haar ab. Besonders schmerzhaft geriet auch der Pubertätsritus, von dem Landa berichtet: «Sie hatten die Tradition, sich die Zähne abzusägen, bis sie wie Sägezähne aussahen.»

Ungleich intensiver als die Kulturen der mediterranen Antike orientierten sich die Maya an der Fauna ihrer Umwelt. Sie waren überzeugt, dass jedes Tier ein Gegenstück in der göttlichen Sphäre habe. Entsprechend wurden Vögel, Affen oder Raubkatzen dargestellt, zum einen höchst realistisch, zum anderen idealistisch verklärt. Auch Hieroglyphen, Architekturelemente, Accessoires und Kopfschmuck der Oberschicht lassen sich als Spiegelbilder der Natur lesen, die mit dem etwa 50-köpfigen Pantheon aufs Innigste verwoben war und deren Weltplan die Maya mit einem ungemein leistungsfähigen Kalender auf die Spur zu kommen suchten.

Selbstverschuldeter Untergang

Ihr Götterbild war von dem extremen Dualismus ihrer Umwelt geprägt: Wie die Sonne Leben und Dürre brachte, konnten die Höchsten wunderbare Dinge schaffen oder dämonische Zerstörungen anrichten. Das war auch das Wesen von Quetzalcoatl, der «gefiederten Schlange»: Das Standbild dieses Gottes der Elemente kam erst während der sogenannten Endklassik ins Maya-Gebiet. Wandernde Sprecher des Nahuatl hatten ihn ab 900 n. Chr. mitgebracht. Zu ihnen gehörten die Azteken, die später ihr Imperium im Becken von Mexiko errichten sollten. Quetzalcoatl fand nur noch Reste der Maya-Zivilisation vor. Ihre Städte im Regenwald von Guatemala und Südmexiko waren längst verlassen und in Ruinen zerfallen.

Nur auf der Halbinsel Yucatán erlebte die grosse Kultur noch eine Nachblüte. Wissenschaftler nehmen dies als wichtiges Argument für die These, dass die Maya nicht durch Invasoren zu Fall gebracht wurden, sondern durch endlose Kriege und das selbst verschuldete Schwinden vieler Ressourcen. Erst verloren die Metropolen des Südens ihre Lebensgrundlagen, in der Postklassik (1000 bis 1527) schwanden auch die Kräfte im Norden. Mit den Überlebenden hatten die spanischen Konquistadoren leichtes Spiel.

Ihre didaktische Leistung zeigt die Ausstellung an ihrem fulminanten Schlusspunkt. Es ist ein Weihrauchgefäss aus Ton, in dem dämonisches, menschliches und göttliches Wesen zu einer unauflöslichen Einheit verschmolzen sind. Der Betrachter ahnt zu verstehen, was den Künstler getrieben haben mag, als er die Reise eines jungen Mannes ins Totenreich darstellte. Mehr kann eine Ausstellung kaum zeigen. Wem die Reise ins Nationalmuseum von Mexiko-Stadt zu weit oder zu beschwerlich ist, muss jetzt nach Berlin gehen.

«Die Maya – Sprache der Schönheit», Martin-Gropius-Bau, Berlin, bis 7. 8. Katalog ca. 30 Franken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.04.2016, 17:21 Uhr

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