Darling, wie wunderbar!

Vor 50 Jahren wurde in Grossbritannien die Homosexualität legalisiert. Die Tate Britain in London zeigt in der Ausstellung «Queer British Art» die Codierungen eines Verlangens.

Verhaltene Darstellung von Homosexualität: «The Critics» («Die Kritiker») von Henry Scott Tuke, 1927. Foto: Warwick District Council

Verhaltene Darstellung von Homosexualität: «The Critics» («Die Kritiker») von Henry Scott Tuke, 1927. Foto: Warwick District Council

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Queer» kann, ins Deutsche übersetzt, eigenartig meinen. Oder seltsam. Oder komisch. Manchmal bedeutet es, dass einem jemand verdächtig erscheint: «A queer character» ist ein zweifelhafter Typ, «a queer customer» ein schräger Vogel.

Aber «queer» bedeutet natürlich noch etwas ganz anderes. «Queer» ist ein Synonym für homosexuell. Es ist ein Begriff, der heute das ganze LGBT-Spektrum (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender) umfassen würde. «Queer» sondert aus, was nicht ins «Normale» passt. Der negative Ton, der dem Wort in vielen seiner Bedeutungen anhaftet, lässt leicht erkennen, warum das Wort den damit Bezeichneten so lange verleidet war.

Die Regenbogenfahne über der Tate Britain

Erst in letzter Zeit hat ein neu gefundenes Selbstbewusstsein auch ein neues Verhältnis zu diesem Ausdruck zugelassen. «Früher habe ich mich vor diesem Wort gefürchtet», hat der Filmregisseur Derek Jarman einmal gesagt. «Aber das ist vorbei. Heute kommt die Benutzung des Wortes ‹queer› für mich einer Befreiung gleich.» Und so bietet, im Geiste Jarmans, auch Londons Tate Britain derzeit ohne Scheu eine Ausstellung unter dem Titel «Queer British Art» an – und hisst zugleich über dem eigenen Dach die Regenbogenfahne. Exakt 50 Jahre nach dem ersten Schritt zur Legalisierung der Homosexualität in England sucht das Museum an der Themse in diesem Frühjahr etwas auszuleuchten, was so viele Jahre im Halbdunkel lag.

Von mühsam unterdrückten Gefühlen, von verborgenen Neigungen und Sehnsüchten erzählt diese Schau. Aber auch von offenen Bekenntnissen zum Anderssein, von der Freude daran. Rätselhafte Beziehungen, Ambivalenz, ungeklärte Sexualität und nicht zuletzt auch Angst vor der Entdeckung gehören zu dieser Geschichte. Sie habe, sagt ­Tate-Kuratorin Clare Barlow, etwas von «Furcht und Freiheit» in diesem Bereich vermitteln wollen: «Das sind zwei der Schlüsselthemen in unserer Show.»

«Verschlüsseltes Verlangen»

Bilder, Zeichnungen, Skulpturen und Fotos der Ausstellung illustrieren nicht nur die ebenso selbstgerechten wie unbarmherzigen Gesellschaftsnormen vergangener Jahre. Sie sprechen auch von den Nischen homosexueller Existenz, den persönlichen Demütigungen, den Protesten, den zerbrochenen Existenzen, den Träumen, den zunehmend couragierten Manifestationen einer sich wandelnden Welt.

Den Anfang machen auf antike Vor­lagen zurückgreifende Idyllen aus dem späten 19. Jahrhundert, etwa «Sappho und Erinna» in ihrem Paradiesgärtlein, in liebevoller Zuwendung, gemalt von Simeon Solomon, einem der britischen Prä-Raphaeliten. «Verschlüsseltes Verlangen» hat die Tate diesen ersten Raum der Ausstellung benannt. Solomon nämlich wurde 1873 mit einem anderen Mann in einer öffentlichen Toilette in London entdeckt; das war das Ende seiner Karriere. Von einem Künstler, der in der Royal Academy ausstellte, sackte er ab zu jemandem, der immer wieder im Zucht- oder Armenhaus landete.

Bis 1861 stand auf «Sodomie» noch die Todesstrafe im Königreich.

Am anderen Ende des Spektrums, im letzten Saal, der Francis Bacon und David Hockney gewidmet ist, stösst man auf ein Aktgemälde, das Hockney 1962 als ironischen Kommentar auf «höhere» Erwartungen schuf. Es stellt einen Bodybuilder dar, auf dessen sorgsam kaschiertes Geschlecht die Worte «Life Painting for a Diploma» zulaufen. Hockney, der einiges beisteuerte zur Unterminierung des Verbots der Homosexualität in Grossbritannien, hatte diesbezüglich wenigstens das Glück, ein Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu sein. Denn bis 1861 stand auf «Sodomie» noch die Todesstrafe im Königreich. Legalisiert wurde Homosexualität erst 1967 – für die mindestens 21-Jährigen. Erst viel später wurde dieses Alter auf 16 Jahre gesenkt.

Darum konzentriert sich «Queer British Art» in der Tate Britain auf die Jahre zwischen 1861 und 1967. Von 1911 stammen Duncan Grants muskulöse Schwimmer in «Bathing». Dieses gross angelegte Tableau war als Wandgemälde für den Speisesaal einer Londoner Hochschule vorgesehen, aber Kritiker fürchteten, dass Studenten aus der Arbeiterklasse vom «degenerativen» Effekt des Bildes verunsichert werden könnten.

Ein anderes Bild (siehe oben), etwas verhaltener, stammt von Henry Scott Tuke und zeigt zwei sonnenbeschienene Jünglinge, die an einem Strand sitzen und einen badenden Dritten in Augenschein nehmen. «Die Kritiker» hat Tuke sein flimmerndes Bild von 1927 genannt. «Oft stand die besorgte Frage im Raum», meint Kuratorin Barlow, «was nun wirklich gemeint war.» Manche Betrachter hätten auf einem solchen Bild gar nichts Besonderes gesehen, für andere war es eine Darstellung von Homosexualität, die ihnen lieb und teuer war.

Nicht alles, was «Queer British Art» präsentiert, erweist sich als «grosse Kunst». Manches wirkt, als homoerotischer Versuch, eher kurios. Aber die Geschichten, die das Gezeigte erzählt, sind bemerkenswert. Zum Beispiel ist der Homosexualität und dem Theater eine Abteilung gewidmet: All dem, was an «Familienunterhaltung» mit verkehrten Geschlechterrollen und Überraschungsmomenten einmal akzeptabel war. Der Morgenmantel des Komikers Noel Coward ist hier zu besichtigen, begleitet von seinem beiläufigen Seufzer: «Warum erwartet man immer von mir, einen Morgenmantel zu tragen, Zigaretten aus einem langen Halter zu rauchen und zu sagen: ‹Darling, wie wunderbar!›? »

Groteske Gerichtsverfahren

Coward war einer, der über seine Sexualität nicht gross redete. «In Worthing gibt es bestimmt immer noch ein paar ältere Damen, die es nicht wissen», sagte er einmal. Wo die staatliche Zensur nicht zuschlug, bot die Bühne Raum zum Atmen. Notfalls liessen sich Stücke auch als Privatclub-Darbietungen klassifizieren. Damit entgingen sie der offiziellen Zensur. John Osbornes «A Patriot for Me» mit Maximilian Schell zum Beispiel wurde 1965 in Londons Royal Court Theatre «unter Club-Bedingungen» inszeniert, um den Zensor zu umgehen. Prompt traten damals dem «Englischen Bühnen-Club», der das Stück aufführte, 20 000 neue Mitglieder bei. Auch diese Reaktion half, das Ende der Zensur und des Verbots von Homosexualität in England zu beschleunigen – wie es zunehmend groteske Gerichtsverfahren taten, als erst einmal der soziale Wandel der 60er-Jahre Einzug hielt.

Einer von denen, die diesen Wandel nicht mehr erleben durften, war der Dichter mit dem wohl bekanntesten Prozess seiner Zeit: Oscar Wilde, in der Schau vertreten durch ein kolossales Porträt, festgehalten vom US-Maler Robert Goodloe Harper Pennington, als glücklicher, selbstbewusster 27-jähriger Autor von Welt. Das Gemälde erhielt Wilde von Pennington zu seiner Hochzeit. Aber Jahre später musste er es zusammen mit anderen Kunstwerken aus seinem Besitz verkaufen, um Gerichtskosten bezahlen zu können. Das Pennington-Porträt, eine Leihgabe aus Los Angeles, ist so zum ersten Mal in über hundert Jahren wieder in England zu sehen. Direkt daneben hat Kuratorin Barlow die Originaltür zur Zelle Wildes im Reading Prison gehängt.

Besonders stolz auf die Schau ist der Vorstandsvorsitzende aller britischen Tate-Galerien, Lord Browne, der früher einmal BP-Generaldirektor war. Mit «Queer British Art» habe die Tate Britain «den Fortschritt demonstriert, der in den letzten 50 Jahre gemacht wurde» – auch wenn viele Briten das neue Grossbritannien erst noch «voll akzeptieren» müssten. Browne weiss, wovon er spricht. Er brachte es erst vor zehn Jahren fertig, sich als schwul zu outen. Vorher, sagt er, «habe ich meine wahre Identität versteckt».

Bis 1. Oktober. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.04.2017, 17:44 Uhr

Artikel zum Thema

Ist das vielleicht ein Schwuler?

«Die Schöne und das Biest» wurde mit Emma Watson neu verfilmt. Eine Nebenrolle löst kontroverse Diskussionen über Homosexualität aus. Mehr...

Ist Homosexualität angeboren?

Von Kopf bis Fuss Sexualwissenschaftlerin Andrea Burri klärt auf, wie und wann unsere sexuelle Orientierung entsteht. Zum Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Schattenspiel: Biathleten trainieren im österreichischen Hochfilzen für den 10km Sprint im Weltcup. (13.Dezember 2018)
(Bild: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images) Mehr...