Das Selbstverständliche erfinden

Einfach? Ja, das ist die Musik von Mani Matter. Aber simpel? Nein, das nicht.

Meister der Melodien, die klingen, als hätte es sie schon immer gegeben: Mani Matter.

Meister der Melodien, die klingen, als hätte es sie schon immer gegeben: Mani Matter. Bild: Keystone

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Ein echter, grosser, lebensweiser Dichter war er, der Mani Matter: Das war zur Eröffnung der ihm gewidmeten Ausstellung im Zürcher Landesmuseum wieder überall zu lesen, auch in dieser Zeitung. Dass es auch eine Musik gibt zu seinen Versen: Davon war dagegen kaum die Rede. Die Musik sei nun mal das Unwesentlichste in diesen Liedern, sagt ein alles andere als unmusikalischer Redaktionskollege dazu. Und der Mundart-autor Pedro Lenz wurde in einem Interview noch deutlicher: Dieses Singen zur Gitarre, wie es Mani Matter gepflegt habe, sei inzwischen ja doch ein wenig antiquiert.

Kein Virtuose und Avantgardist

Nun ist es nicht das erste Mal, dass das Einfache als simpel unterschätzt wird. Und einfach ist sie tatsächlich, die Musik von Mani Matter. Die eine orientalisch erhöhte Note in «Dr Sidi Abdel Assar vo El Hama» ist schon das Exotischste, was sie zu bieten hat. Matter war kein Vokalvirtuose, der Tonraum seiner Lieder ist entsprechend begrenzt. Er war auch kein Gitarrenvirtuose, und erst recht kein Avantgardist, der neue Ausdrucksmöglichkeiten gesucht hätte. Es war ihm wohl in der guten alten Tonalität und in den Melodien, die klingen, als hätte es sie schon immer gegeben.

Nur: Er hat sie erfunden. Und wer all die vielen Chansons kennt, bei denen man aus jedem Takt den Stolz des Komponisten über seine Einfälle heraushört, der weiss, welche Kunst hinter der scheinbaren (und oft geradezu unscheinbaren) Selbstverständlichkeit von Matters Melodien steckt.

Musik als Schmiermittel

Es ist durchaus wahrscheinlich, dass Matter an diesen Melodien ebenso gefeilt hat wie an seinen Versen. Es kann ja nicht nur Zufall sein, dass seine viel gelobten Reime musikalisch immer so vorteilhaft inszeniert werden! Man denke etwa an Hansjakobli, Babettli und das Taburettli: Da setzt das «-ettli» einen bedächtigen Schlusspunkt hinter eine eilige Tonfolge, die Melodie führt also die Reime sozusagen in Zeitlupe vor, während die Geschichte dazu beschleunigt wird – das ist zumindest nicht unraffiniert.

Eben, kann nun der erwähnte Kollege einwenden: Die Melodien sind nur das Schmiermittel für die Texte. Aber was heisst da ‹nur›? Auch der grosse Claudio Monteverdi stellte seine Musik einst in den Dienst der Texte. Sie war, zugegebenermassen, abwechslungsreicher als die von Mani Matter. Aber sowenig die Libretti von Alessandro Striggio und Konsorten ohne Monteverdis Kompositionen überlebt hätten, so wenig würde man heute Matter-Gedichte rezitieren, wenn er sie nicht gesungen hätte. Dass immer noch fast jeder zumindest das «Zündhölzli» und den «Eskimo» kennt, dass sich diese Lieder sozusagen ins Ohr der Nation eingegraben haben, das ist das Verdienst der Musik.

Es ist eine Musik, die sich dieses Ins-Ohr-Graben zur Hauptaufgabe gemacht hat, und wenn man Qualität als das Einlösen eines Anspruchs versteht, dann sind Mani Matters Melodien so gut, wie sie nur sein können. Wie von selbst findet eine Phrase zur nächsten, mit unverkrampfter Diskretion begleiten sie einen durch die Harmonien, und der Schluss einer Strophe liefert oft gleich den Einstieg in die nächste. Auch damit liefert die Musik exakt das, was die Texte brauchen: So, wie sich die Worte spiralförmig vom Coiffeurstuhl in die metaphysische Unendlichkeit schrauben, so könnte auch die Melodie dazu ewig weitergehen. Wer das für naive Intuition hält oder immer noch an den Zufall glaubt, behauptet nicht weniger, als dass Meister vom Himmel fallen.

Verzicht auf den Refrain

Die Vorliebe für kreisende Melodien führt noch zu einer anderen Mani-Matter-Spezialität: Seine Lieder haben keinen Refrain. Es fehlt ihnen also das, was jeder Popstar produziert, damit die Fans etwas zum Mitsingen haben. Oder es fehlt ihnen eben nicht – weil einem bei Matter gleich das ganze Lied im Gedächtnis bleibt. Deswegen kann man ja all die Texte von A bis Z auswendig: weil man die Musik dazu von A bis Z intus hat. Und weil diese Musik in ihrer währschaften, unerschütterlichen Liebenswürdigkeit alles unbeschadet übersteht: Jahre. Bearbeitungen. Und ja, sogar eine antiquierte Gitarrenbegleitung.

PS: Ein einziges Mani-Matter-Lied gibt es übrigens doch, das den musikalischen Einfall demonstrativ zur Schau stellt. Es heisst «I han en Uhr erfunde», und schöner als mit dem hysterischen Austicken der Melodie könnte man den Erfinder einer Sinnlosigkeit wirklich nicht charakterisieren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.06.2011, 09:27 Uhr

«Das iPad bietet ein zusätzliches Erlebnis»: Kuratorin Pascale Meyer. (Video: Jan Derrer)

Die Ausstellung

Die Mani-Matter-Ausstellung im Landesmuseum Zürich läuft bis 18. September 2011. Wegen des grossen Andrangs wird derzeit die Möglichkeit einer Verlängerung diskutiert. Für den Eintritt in die Ausstellung werden seit kurzem Nummern verteilt, damit man die Wartezeit nicht in der Schlange verbringen muss.

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