Der Mythos vom jüdisch-christlichen Abendland

Europa hat sein Wissen und seine Kultur dank jahrhundertelanger Vermittlung durch Muslime ausgebildet. Eine grossartige Berliner Ausstellung illustriert dies auf instruktive Weise.

Wissenstransfer mittels Hand- und Abschriften: Koranfragment (9. oder 10. Jahrhundert). Foto: Nationalbibliothek Wien

Wissenstransfer mittels Hand- und Abschriften: Koranfragment (9. oder 10. Jahrhundert). Foto: Nationalbibliothek Wien

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Eine opulente Ausstellung von Handschriften und Büchern aus dem Jahrtausend zwischen 500 und 1500 zeigt im Berliner Gropiusbau, wie der Wissenstransfer vom Westen über den Orient und wieder zurück in den Fächern Medizin und Sternenkunde verlief (zu Letzterer gehörte im Mittelalter auch die Astrologie). Die glanzvoll schönen, unglaublich interessanten Bücher und Handschriften stammen aus der Wiener Nationalbibliothek, wo sie in ähnlicher thematischer Zusammenstellung vor einem Jahrzehnt schon einmal ausgestellt wurden.

Inzwischen hat das Thema der Ausstellung eine politische Brisanz gewonnen, die vor zehn Jahren noch nicht spürbar war. Denn sie widerlegt für jeden, der lesen und schauen kann, die abgrenzende Rede vom Abendland, gar einem christlichen. Die heidnische Vorzeit gehört dazu, sie ist in den Wissenschaften womöglich sogar das wichtigste Element. Und dann führt kein Weg an der Tatsache vorbei, dass griechische Philosophie und Wissenschaft jahrhundertelang in den arabischen Schulen besser aufgehoben waren als in europäischen Klöstern oder Kathedralschulen.

Das Gerede von den «jüdisch-christlichen Wurzeln» des «Westens» (oder des «Abendlandes») ist schon deshalb ziemlich heuchlerisch, weil es den Eindruck erweckt, das Miteinander von Juden und Christen sei eine 2000 Jahre lange Zeit der Brüderlichkeit gewesen. Zugleich unterschlägt es, dass Juden und ihre Gemeinschaften viele Jahrhunderte lang in den arabisch-osmanischen Reichen mehr Luft zum Atmen hatten als in der vormodernen Christenheit.

Im Uhrzeigersinn um die Welt

Die Verhältnisse waren viel komplizierter und reicher. Eine nicht untypische Geschichte verläuft etwa so: Im neunten Jahrhundert wurden im «Haus der Weisheit», einer Übersetzerakademie im abbasidischen Bagdad, Texte der antiken Medizin von Hippokrates und Galen aus dem Griechischen ins Arabische übersetzt. Von Bagdad gelangten sie ins muslimische Spanien und von dort in die christlichen Königreiche, und zwar nach Toledo. Dort wurden sie in der Mitte des zwölften Jahrhunderts ins Lateinische übersetzt, unter Beteiligung von des Arabischen kundigen Juden. So konnten sie in den akademischen Unterricht von Paris oder Köln eingespeist werden.

Der Wissenstransfer verlief also in einer gewaltigen raumzeitlichen Bewegung im Uhrzeigersinn vom Zweistromland über Nordafrika und Spanien bis nach Mitteleuropa – auf einem Weg, der gern 400 Jahre dauern konnte. Dabei wechselten solche Texte bis zu viermal ihre Sprache und mindestens dreimal die Schrift.

So konnten aber auch geistige Titanen arabischer Sprache wie Avicenna (Ibn Sn, 980 bis 1037) oder Averroes (Ibn Ruschd, 1126 bis 1198) die abendländische Wissenschaft prägen. Der maurische Philosoph Averroes hat es in Dantes «Göttliche Komödie» geschafft, wo er schlicht als der genannt wird, «der den grossen Kommentar erschuf», also ein Grundlagenwerk zu Aristoteles, den das Mittelalter als grössten Philosophen überhaupt verehrte.

Vier Schriftsysteme verwendet

An diesen Rezeptionsvorgängen waren nicht nur mehrere Sprachen, sondern auch die vier europäisch-orientalischen Schriften beteiligt: die griechische, die lateinische, die hebräische und die arabische. Überhaupt lässt sich diese Geschichte von Einflüssen und Rezeptionen am sachhaltigsten als Geschichte von Handschriften und Abschriften erzählen. So sitzen ihre besten Kenner auch eher in den Manuskriptabteilungen der grossen Bibliotheken als auf Philosophielehrstühlen oder in wissenschaftsgeschichtlichen Zentren.

Der These vom «christlich-jüdischen» Europa stellt die Ausstellung gleich zu Beginn die Anschauung von diesen vier Schriftsystemen entgegen, in einer Serie prunkvoller Handschriften, aber auch in Lehrbüchern, die sie – dann schon in der frühen Zeit des Buchdrucks – zusammen abbildeten. Da liegen Korankalligrafien neben hebräischen Bibeln, byzantinische Evangeliare neben karolingischen Unzialen.

Farbig und drastisch illustriert

Wäre die Ausstellung bei der Philosophie geblieben, hätte sie zwar den bis heute geistig folgenreichsten Teil des westöstlichen Sprachschriftzusammenhangs gezeigt, aber nur wenige Bilder sehen lassen können. Der Schwerpunkt auf Medizin und Sternenkunde erlaubt dagegen einen Gang durch die grossartige Buchmalerei dieser 1000 Jahre vor dem Buchdruck. Die Illustrationen waren nicht nur farbig-schön, sie sollten auch hilfreich sein.

Da zeigt eine arabische Handschrift aus dem frühen 13. Jahrhundert, wie man Schlangen mit ausgestopften Puppen ablenkt und fängt. Ein oberitalienischer Kodex um das Jahr 1300 bringt die lateinische Übersetzung der Chirurgie des andalusisch-arabischen Arztes Abulcasis (Abu al-Qasim, 936 bis 1013) sowie die bildliche Darstellung der dafür benötigten Instrumente. Kräuter- und Theriakbücher schwelgen in der farbigen Darstellung von Pflanzen und Kleintieren. Geburtshilfe nötigt zu drastischen gynäkologischen Miniaturen im winzigen Buchstabengeflimmer.

In der Astronomie geht es nicht weniger farbig zu und her, dazu kommt die mathematische Präzision von Astrolabien und jenen ptolemäischen, geozentrischen Himmelssystemen, die in Europa von der Spätantike bis zu Kopernikus galten. Die Berliner Ausstellung hat neben erläuternden Wandtafeln einen Katalog, der mit gründlichen Aufsätzen das Wissensgebiet erschliesst, das sie vorführt.

Wer weiterarbeiten will, könnte zum Beispiel den fabelhaften Podcast von Peter Adamson zur Geschichte der Philosophie (historyofphilosophy.net) anklicken, der im Moment am eingängigsten die riesenhaften Zusammenhänge aufdröselt, um die es hier geht.

Die Ausstellung «Juden, Christen, Muslime im Dialog der Wissenschaften 500 bis 1500» läuft bis zum 4. März 2018 im Berliner Gropius-Bau. www.gropiusbau.de (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.01.2018, 19:11 Uhr

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