Die Kunst des Plakatabreissens

Das Tinguely-Museum Basel zeigt eine Ausstellung der Affichisten: Kunst, die Action und Illegalität verband.

Wolf Vostell: «Ihr Kandidat», 1961. © Pro Litteris, Zürich; Bonn; Foto: Axel Thünker

Wolf Vostell: «Ihr Kandidat», 1961. © Pro Litteris, Zürich; Bonn; Foto: Axel Thünker

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Plakate abreissen ist normalerweise entweder Vandalismus oder Stadtreinigung. Nicht so für die Affichisten, eine Künstlergruppe aus dem Umfeld der Nouveaux Réalistes, die in den 50er- und 60er-Jahren die raue «Poesie der Grossstadt» mit beiden Händen packten, von der Wand ab- und auf Leinwand aufzogen. Für die Affichisten war der Plakat­abriss eine Kunstform zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit: kollektiv, anonym, assoziativ und illegal. Im Schutz der Dunkelheit streiften sie durch die Boulevards von Paris, um aus vorgefundenen Motiven und Materialien (Papier, Leim, Blech, Mauer- und Holzreste) Neues zu collagieren: Bilder urbaner Kultur, heimlich von Bauzäunen und Häuserwänden gekratzt.

Fünf von ihnen stellt das Museum Tinguely jetzt in der ersten Affichisten-Ausstellung in der Schweiz vor, darunter auch den letzten noch lebenden Veteranen, den 88-jährigen Jacques Villeglé, der bei der Eröffnung noch einmal seine wilden Jahre beschwor: morgens radikal, mittags Dokumentarist, abends Knüpfkünstler dekorativer Tapisserien. Zusammen mit Raymond Hains schuf Villeglé 1949 «Ach Alma Manetro». Das Gründungsmanifest des Affichismus eröffnet in Basel einen Ausstellungsparcours, der nicht chronologisch, sondern thematisch gegliedert ist. Man wandert durch die Labyrinthe und Passagen der Grossstadt wie der Flaneur Benjamins.

Die Objekte aus der Zeit zwischen 1946 und 1968 lassen sich kaum auf einen Nenner bringen. Manches erinnert an spätkubistische Stillleben oder frühe Pop-Art, anderes an die Farb­reliefs des abstrakten Expressionismus; Villegré spricht von einem «Inacting Painting» ohne Farbe, Pinsel und Maler. Hains behandelte die Plakate als «objets trouvés», François Dufrêne redigierte und übermalte sie, der Italiener Mimmo Rotella legte mit tiefen, aggressiven Schnitten Strukturen, Texturen und die Lügen von Politik und Werbung bloss.

Zerfetzte Geschichte

Wolf Vostells Décollagen verweisen schon auf seine späteren Happenings, während der «Ultralettrist» Dufrêne mit seinen gebellten, gehusteten und geschrienen Lautgedichten an ähnliche Experimente im Dadaismus anknüpft. Alles kann Poesie und Sprachspiel, zerfetzte Geschichte und stillgestellte Zeit werden: die Vorder- oder auch die Rückseite von Plakaten, Sprache, Typografie, Musik.

Die Versuche der Affichisten mit «hypnagogischen» Fotografien und «Filmen ohne Bilder» wirken heute allerdings so absurd und anachronistisch wie surrealistisches Daumenkino. Ende der 60er-Jahre war der Spuk schon wieder vorbei: Warhols und Lichtensteins Apotheosen der Popkultur waren spektakulärer und gefälliger, Graffiti schneller und politischer, und als dann 1968 das wilde Plakatieren aufkam, liess sich ihr Abreissen auch nicht mehr als Widerstand gegen autoritäre Verlautbarungen legitimieren. Das zerfetzte Plakat, das subversive Menetekel und ungefilterte Leben an der Wand, fand seinen Platz im Museum der Readymades.

Tinguely-Museum, bis 11. Januar 2015.

Erstellt: 30.10.2014, 17:28 Uhr

Artikel zum Thema

Freisinnige wollen radikal sparen – auch bei der Kultur

Die FDP wirft dem Zürcher Stadtrat vor, trotz Millionendefizit nicht substanziell sparen zu wollen. Ein Vorstossbündel soll ihn dazu zwingen. Die Partei hat dabei eine Theaterbühne im Visier. Mehr...

Die skandalöse Tina

St. Gallen präsentiert eine Ausstellung zu Tina Modotti – und verbietet zugleich ein Plakat mit einem Nacktfoto von ihr. Mehr...

Pro Juventute und das Sadomaso-Plakat

Mit einer neuen Kampagne will die Pro Juventute auf die Gefahren aufmerksam machen, die im Internet für Kinder lauern. Teil davon ist ein provokatives Plakat. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Mamablog Mama, bleib doch mal stehen!

Never Mind the Markets Polen und Ungarn sind keine Schwellenländer

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Bitte lächeln: Frankie die Bordeauxdogge stellt sein Löwenkostüm zur Schau. Er nimmt mit seinem Herrchen an der Tompkins Square Halloween Hundeparade in Manhattan teil (20. Oktober 2019).
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...