Halbstarke Helden

Als autodidaktischer Fotograf hielt Karlheinz Weinberger in den Sechzigern die Zürcher Töfflibuben fest. Jetzt ist sein Werk über die Gegenkultur in Basel im Museum für Gegenwartskunst zu sehen.

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«Halbstarke» – das war in den Sechzigern ein übles Schimpfwort. Es bezog sich auf Jugendliche, die in Jeans herumlungerten, Haartollen trugen, auf Töffli knatternd durch die Gegend fuhren. Es waren jene Jugendlichen, die in Quartieren wohnten, die man als Arbeiterquartiere bezeichnete; es waren jene, vor denen ein bürgerlich behütetes Kind in der Schule Respekt, wenn nicht gar Angst hatte – weil da das Andere der Gesellschaft augenfällig sichtbar wurde.

Gibt man bei Wikipedia das Schlagwort «Halbstarke» ein, erscheint in der Literaturliste als Erstes der Name Karlheinz Weinberger, mit einer Ausstellung im Museum für Gestaltung in Zürich im Jahr 2000. Jetzt widmet das Basler Museum für Gegenwartskunst dem Zürcher Fotografen eine Ausstellung, die zuerst einen Umweg über die Vereinigten Staaten nehmen musste: «Intimate Stranger» wurde vom Swiss Institute in New York organisiert und versammelte das Werk des Autodidakten Weinberger (1921–2006) erstmals in einem Überblick.

Fotos fürs Schwulenmagazin

Der Fotograf war im bürgerlichen Leben Lagerist bei Siemens-Albis in Zürich. Sein eigentliches Leben aber war die Schwulenszene, die in der Schweiz noch jahrelang mittels Listen und Fichen polizeilich überwacht wurde. Im Schwulenmagazin «Der Kreis», das zwischen 1943 und 1967 in Zürich erschien und nach Einschätzung von Experten für die Community identitätsstiftend war, publizierte Weinberger regelmässig Fotografien von posierenden jungen Männern, meist mit nacktem Oberkörper, meist mit Jeans knapp bekleidet – «einschlägige» Fotografien also, wie man damals gesagt hätte, harmlos aus heutiger Sicht. Schwul, aber mit eindeutigem Blick.

Und eben weil es jene diskriminierenden Listen gab, hatte Weinberger für sich in dieser Publikation das Pseudonym Jim gewählt. Unter diesem Namen stellte er auch ein heute kulturhistorisch wichtiges Portfolio zusammen: «Jeans». Dabei ist bemerkenswert, dass das Kleidungsstück aus den USA, das längst gesellschaftsfähig geworden ist, ein wichtiges Kennzeichen einer diskriminierten Gegenkultur darstellte, die sich teils auch hinter gutbürgerlichen Familienfassaden versteckten musste.

Rebellen ohne ersichtlichen Grund

Weinberger hat allerdings nicht nur die Szene in Zürich – meist in seiner Privatwohnung – porträtiert, sondern auch während seiner Reisen nach Sizilien und Nordafrika knackige, junge Männer abgelichtet: einen Tankwart mit Mütze, einen Gigolo am Meer – ganz in der Nachfolge von Wilhelm Baron von Gloeden (1856–1931), jenem Fotografen also, der auf Sizilien junge Männer und Knaben ablichtete. Dass sich Weinberger als Outsider bald zu einem weiteren Kreis von Aussenseitern, eben den Halbstarken, hingezogen fühlte, lag auf der Hand. Ab 1958 dokumentierte er deren Kultur der Rebellion gegen die prüde, normierte Gesellschaft um 1960. Lange vor 1968 und vor den Punks hatte sich hier eine Gegenwelt formiert, die durch Outfit und Frisur das Andere demonstrierte: Rebellen, die ohne scheinbar ersichtlichen Grund – da ja die Jahre der Hochkonjunktur anbrachen – Unbehagen äusserten, Konflikt, Provokation, Aggression und eigene Rituale suchend.

Rock ’n’ Roll und Twist waren die Rhythmen, Elvis Presley und James Dean die Idole. Schmuck und Tätowierungen, genietete Jeansjacken, Stiefel, Embleme wie Adler: All das gehörte zum Outfit (und erlebt ein Revival, das mit Blick auf Weinbergers Fotografien wie ein Déjà-vu erscheint). Und wenn die Punks der 70er Jahre provokativ Nazi-Embleme zur Schau stellten – die Halbstarken hatten die Symbolkraft der Vergangenheit bereits erkannt in einer Zeit, da das merkwürdige Wort der «Vergangenheitsbewältigung» noch gänzlich fremd war.

Marsch durch die Institutionen

Dass sich die Jugendlichen mit dieser Provokation auch teilweise mit den Zielen des Rechtsextremismus identifizierten, dass die Hells Angels als Schlägertrupp aus dieser Szene hervorgingen, dass in Bern ein Bronco bis vor kurzem Stadtrat war und die Broncos als Ordnungsdienst mittlerweile akzeptiert und willkommen sind – all das gehört zur Dialektik der Rebellion der 50er und 60er Jahre, die mit jener von 1968 Teil der immer wieder aufbegehrenden Jugend war – wenn auch unter anderen Vorzeichen, mit anderen Frustrationen, Frisuren und Idealen.

In den Fotografien von Weinberger spürt man die Sympathie für seine Protagonisten. Er ist ein Kumpel jener, die beim Zürcher Knabenschiessen am Rand stehen, am Boden herumlungern. Er ist ein genauer Beobachter, ein sympathetischer Chronist und Porträtist. Und er hat eine wichtige Dokumentation jener Jahre geschaffen, eine sehr authentische und persönliche. Dass Weinbergers Werk jetzt in einem Museum für Gegenwartskunst ausgestellt wird, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Dazu gehört auch, dass in Vitrinen «Vintage-Kleider» – ein absurder Ausdruck – gezeigt werden: Originalklamotten, die aus der Sammlung des Sozialarchivs Zürich stammen. Jedenfalls sind damit die verachteten Halbstarken einerseits und die ausgegrenzten Schwulen andererseits im Bewusstsein der bürgerlichen Kultur angekommen. Die Halbstarken von einst sind Bald- oder Ganzsenioren, und einem schwulen Regierungsrat wie dem Berner Grünen Bernhard Pulver wird zu Recht im «Magazin» ein äusserst respektvolles Porträt gewidmet. Etwas hat sich also doch verändert.

Bis 15. April. www.kunstmuseumbasel.ch

Erstellt: 03.02.2012, 07:13 Uhr

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