Kunst als Powernap

Nie schliefen Menschen so wenig wie heute. Die Zürcher Shedhalle geht dem Phänomen in einer vielschichtigen Ausstellung nach.

Kommt einfach nicht zur Ruhe: Figur in Stefan Panhans’ Video.

Kommt einfach nicht zur Ruhe: Figur in Stefan Panhans’ Video. Bild: PD

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«Le poète travaille» soll der französische Dichter Saint-Pol-Roux einst an die Schlafzimmertür geschrieben haben, wenn er sich hinlegte. Schlafen bedeutete für ihn: arbeiten, sich regenerieren, Ideen entwickeln. Spätestens seit Freud wissen wir auch, dass der Mensch in der Nacht nicht nur wegdriftet, sondern sein Seelenleben und die Ereignisse des Tages in die Träume mitnimmt. Auch Walter Benjamin erkannte, dass Kreativität und Visionen sich nur demjenigen offenbaren, der auch Passivität und Empfänglichkeit zulässt.

Tempi passati. Nie wurde so wenig geschlafen wie heute. Die rastlose Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft schläft, wann es gerade opportun ist. Wer nicht schlafen kann, wirft Pillen ein, wer wach bleiben will ebenfalls. Zur Not tut es der von der Leistungsgesellschaft propagierte Powernap. Wie reagiert die Kunst darauf?

«Dump Time» lautet der Titel der aktuellen Gruppenausstellung in der Zürcher Shedhalle. Der neudeutsche Ausdruck bezeichnet jene Zeit, in der man den Ballast des Tages quasi wie auf einer Entsorgungsstelle wegkippt.

Lob der Faulheit

Der in Zagreb lebende Künstler Mladen Stilinovic knüpft mit der Fotoserie «Artist at Work» bei Saint-Pol-Roux an und legt sich gleich selbst ins Bett – erst mit der Schulter vom Betrachter abgewandt, dann auf dem Rücken mit starrem Blick nach oben, schliesslich mit geschlossenen Lidern. Auf einem beigefügten Manifest stimmt er das «Lob der Faulheit» an: «Laziness» – so beruft er sich auf Malewitsch – sei nichts, wofür man sich zu schämen brauche, sondern im Gegenteil der Ursprung aller Kunst und Perfektion. Balsam für die Seele stressgeplagter Arbeitsmenschen oder überzeugter Faulenzer.

Stress mit umgekehrten Vorzeichen thematisiert die dänische Videokünstlerin Johanna Domke. In «Sleepers» wandert sie mit der Kamera über die Körper schlafender junger Backpacker. Die Welt der Passagiere ist im Schlaf erstarrt. Nur die Werbebotschaften auf den Gepäckwägelchen verweisen auf den globalen Freizeitstress: «Departing every 15 minutes to London». Der Dornröschenschlaf der Neuzeit findet auf dem Flughafen statt.

Horizontale Praxis manifestiert sich auch in der Bettlägerigkeit der Ida Stieglitz Heimann: Eiko Grimberg schildert in «Madwoman in the Attic» in knappem Text und Bild das Leben einer depressiven Frau. Die Cousine des berühmten amerikanischen Fotopioniers Stieglitz, so erfährt man, habe mit 36 Jahren beschlossen, ihr Leben fortan im Bett zu verbringen. Dass der Künstler die Geschichte ihres passiven Widerstands ausgerechnet mit Aufnahmen der Stieglitz-Gefährtin und emanzipierten Künstlerin Georgia O’Keeffe illustriert, erscheint ebenso widersprüchlich wie die Frauenschicksale früherer Jahrhunderte.

Kulturgüter im Tiefschlaf

Lebendig begraben oder noch gar nicht ausgeschlüpft? Bei der in einem roten Schlafsack auf einem Heulager liegenden Figur in Stefan Panhans’ Video könnte beides zutreffen. Pausenlos spuckt sie Plattitüden und Verhaltensregeln neukapitalistischer Lebensentwürfe aus: «Du musst loslassen.» «Du hast die Chance, und du nimmst sie dir.» «Sei unbeirrbar.» Das Leben ist ein einziger Wettbewerb, in dem es gilt, sich von der Horizontalen in die Vertikale zu stemmen – höher, besser, schneller. Eine packend inszenierte Arbeit über eine zynische Haltung.

Die beiden jungen Zürcher Künstler Petra Elena Köhle und Nicolas Vermot Petit-Outhenin schliesslich gehen der Frage nach, wie Kulturgüter in die Versenkung geschickt und in Kriegszeiten geschützt werden. Eine beidseits beleuchtete Archivfotografie aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs zeigt, wie Michelangelos David und weitere Skulpturen in speziell gebauten Backsteinsäulen eingepackt wurden. Die Accademia von Florenz, schematisch mit Sandsäcken, Betonplatten und Säulenumrissen dargestellt, mutiert zur temporären Gruft der Kulturgüter. Eine kluge, angesichts der politischen Weltlage höchst aktuelle und atmosphärisch dichte Arbeit.

Insgesamt wünschte man sich mehr von diesem Zauber in der von Anke Hoffmann und Yvonne Volkart sonst mustergültig dokumentierten Schau. Trotz nachtblauem Baldachin, schlafklinischen Experimenten und surrealen Videoträumen bleibt sie eigenartig nüchtern: Die Poesie der Nacht hat sich verflüchtigt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2011, 08:13 Uhr

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