Sich an das Grauen herantasten

Ein neues Museum in der Hauptstadt Alabamas erkundet eine der dunkelsten Seiten der amerikanischen Geschichte: Die Lynchmorde an den Schwarzen.

Namen und Todesdaten, eingraviert in Stahl: Besucherin im «Lynchmuseum» in Montgomery. Foto: Bob Miller (Laif)

Namen und Todesdaten, eingraviert in Stahl: Besucherin im «Lynchmuseum» in Montgomery. Foto: Bob Miller (Laif)

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Jesse Thornton sprach 1940 in Alabama einen Polizisten an, ohne ihn «Sir» zu nennen. Er wurde verhaftet und von einem Mob gefoltert und erschossen.

Arthur St. Clair war Pfarrer. Er wurde 1877 in Florida erhängt, weil er einen Schwarzen und eine Weisse getraut hatte.

Clinton Briggs war Farmer in Arkansas. Ein weisser Mob brachte ihn 1919 um, weil er auf unangebrachte Weise mit einer weissen Frau geredet hatte.

Drei Afroamerikaner, drei Morde, knapp festgehalten auf Tafeln im neuen National Memorial for Peace and Justice, das vor wenigen Wochen eröffnet wurde. Viele Amerikaner haben einen kürzeren Namen dafür: das Lynchmuseum. Es zerrt nach Jahrzehnten des Schweigens eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der USA ans Licht. Dass diese Gedenkstätte ausgerechnet in Montgomery steht, der Hauptstadt des Bundesstaats Alabama, passt zur Bedeutung, die der Ort in der Rassenfrage schon immer hatte: Montgomery war ein wichtiger Handelsplatz der Sklaverei und der Geburtsort der Südstaaten-Konföderation, die für die Sklaverei in den Krieg zog.

An einem heissen Samstag im Juni stehen die Menschen vor dem Eingang des Memorial Schlange. Von dort sieht man bereits ins Innere, wo eine Stele nach der anderen hängt: rostiger Stahl, knapp zwei Meter lang, festgemacht nicht am Boden, sondern an der Decke. Würden sich die Stelen im Wind bewegen, der inzwischen aufgekommen ist: Sie kämen einem vor wie Erhängte, die über den Köpfen der Besucher baumeln.

Viele Besucher weinen

Jede der über 800 Stelen steht für einen Bezirk, in dem sich ein Lynchmord zutrug. Eine Gruppe von älteren Afroamerikanern hält vor der Stele des Stewart County in Georgia. Die Männer und Frauen lesen Namen und Todesdaten, eingraviert in den Stahl: Jerry Snead, 25. 5. 1877; Charles West, 21. 12. 1919; Cephus Davis, 23. 10. 1933. Sie schweigen. Die Angestellte beim Ausgang der Gedenkstätte sagt, viele Besucher würden beim Gang durch die Stelen weinen, für einige gehe es um die eigene Familien­geschichte. Die meisten Leute aber sagten: Sie hätten nichts gewusst.

4400 Lynchmorde hat die Equal Justice Initiative (EJI), die das 15 Millionen Dollar teure Memorial errichtet hat, für die Zeit zwischen 1877 und 1950 dokumentiert. Die private Stiftung stützte sich dabei auf Zeitungsarchive, Ausgrabungen, Polizeiberichte und Gerichtsurteile, wobei es gerade Letztere kaum gab: Die Täter kamen in aller Regel straffrei davon. Dafür gibt es andere Dokumente, die von den Gräueln zeugen. Postkarten zum Beispiel, auf denen man aufgeknüpfte Schwarze sieht, unter denen weisse Schaulustige stehen und in die Kamera winken. Bryan Stevenson, Bürgerrechtler und Gründer der EJI, spricht von «rassistisch motiviertem Terrorismus»: Gewalt, die nicht gegen eine bestimmte Person gerichtet sei, sondern gegen eine ganze Bevölkerungsgruppe. Gewalt, die eine ganze Bevölkerungsgruppe traumatisierte.

Einer der Besucher des Memorial ist Richard Bailey. Der 70-jährige Historiker aus Montgomery beschäftigt sich seit langem mit der Zeit der Rekonstruktion. So nennen die Amerikaner die Phase nach dem Ende des Bürgerkriegs 1865, in der die Bundesregierung im besiegten Süden Truppen stationiert hielt. Sie sollten die schwarze, aus der Sklaverei befreite Bevöl­kerung schützen. Mit dem Abzug der Soldaten 1877 begannen im Süden die Lynchmorde.

Bailey schreibt schon länger darüber, er kennt auch die ersten Versuche vor mehr als 100 Jahren, die Taten zu dokumentieren. Sie blieben ohne Widerhall. «Das Memorial füllt eine klaffende Lücke in der Geschichte unseres Landes», sagt er, «aber es kommt viel zu spät.»

Die Gedenkstätte ist ein Wendepunkt in der Geschichtsschreibung einer Region, die sich schwertut mit dem Erbe der Sklaverei. Man sieht das gut, wenn man durch die kompakte Innenstadt von Montgomery spaziert. In einer ehemaligen Lagerhalle, in der Sklaven eingepfercht wurden wie Vieh, bevor man sie an Auktionen verkaufte, hat die EJI zeitgleich mit dem Memorial ein Museum eröffnet. Von dort sind es nur wenige Schritte, die an Orte führen, an denen ganz anders über den Bürgerkrieg und die Zeit danach gesprochen wird. Es geht dort nicht um das Unrechtsregime, mit dem eine weisse Oberschicht den Süden der USA so lange beherrschte, sondern um die Helden der Konföderation. Helden wie Jefferson Davis.

Davis war der erste und einzige Präsident der elf Südstaaten, die sich 1861 von den USA abspalteten. Sein Geburtstag ist in Alabama noch heute ein offizieller Feiertag, und die Residenz, in der er in Montgomery lebte, als die Stadt für kurze Zeit die Hauptstadt der Konföderation war, steht gleich hinter dem Alabama State Capitol, dem Parlamentsgebäude des Bundesstaats. Es nennt sich das «First White House of the Confederacy». Das zweistöckige Anwesen war nicht immer an dieser Stelle, errichtet wurde es ursprünglich woanders in der Stadt, aber 1921 liess es eine Stiftung ab- und an dieser prominenten Lage wieder aufbauen. Wer es heute betritt und ein Museum erwartet, das sich mit der Geschichte dahinter auseinandersetzt, findet etwas ganz anderes: einen Schrein.

Man sieht das Bett, in dem Davis schlief; den Tisch, an dem er arbeitete; die Räumlichkeit, in der er Gäste empfing. In einem anderen Raum, den sie das «Reliquien-Zimmer» nennen, hängt ein Bild des Südstaaten-Generals Robert E. Lee neben vier Konföderierten-Flaggen. Wenn Schulklassen aus Alabama das Haus besuchen, und das tun sie laut dem freundlichen Angestellten hier oft, dann lesen sie in Broschüren, dass Davis Anführer eines «heroischen Widerstands» gewesen sei. Von der Sklaverei ist im «Weissen Haus der Konföderation» nur dann die Rede, wenn es um Davis’ eigene Sklaven ging, die er als Besitzer einer Baumwollplantage hielt – es waren bis zu 74. «Von seinen Negern», heisst es da (im Original: «Negroes»), «wurde er in ehrlicher Zuneigung und höchstem Ansehen bewahrt.»

Rund um das Parlamentsgebäude und den Regierungssitz finden sich weitere Denkmäler. Eine imposante Statue von Davis steht da und eine nicht weniger imposante Säule, die an die Toten des Bürgerkriegs erinnert und an die «Ritterlichkeit des Südens», wie es auf der Inschrift heisst. Sie erzählen den immer noch verbreiteten Mythos von der «Lost Cause», dem aussichtslosen, aber edlen Kampf der Rebellen für Unabhängigkeit von einer tyrannischen Bundesregierung, ein Kampf für die eigene Kultur und Lebensweise. Während manche Staaten im Süden in den vergangenen Jahren solche Denkmäler abbauten oder mit zusätzlichen Inschriften ergänzten, verändert sich in Alabama nichts: Noch immer gibt es hier 121 Bauten, die der Konföderation gewidmet sind.

Zurück bleibt so eine Geschichtslandschaft voller Widersprüche, die kaum je aufgelöst, ja nicht einmal diskutiert werden. Das hat auch damit zu tun, dass die derzeitige Gouverneurin des Bundesstaats entsprechende Versuche in diese Richtung abgewürgt hat. Vor wenigen Wochen veröffentlichte die Republikanerin Kay Ivey, die im Herbst zur Wiederwahl antritt, ein viel beachtetes Wahlkampfvideo. Darin preist sie ein Gesetz an, das sie vergangenes Jahr unterzeichnete: Es verbietet die Umplatzierung und den Abbau von historischen Monumenten. Die Leute in Washington glaubten, sagt Ivey im Video, nach Alabama kommen zu müssen, um Denkmäler niederzureissen: «Das ist politisch korrekter Nonsens.»

Fehlende staatliche Initiative

Monumente niederreissen: Das würde auch Benard Simelton nicht – aber in einen neuen Kontext stellen. Simelton ist Präsident des lokalen Ablegers der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP), der wichtigsten Bürgerrechtsorganisation des Landes. Gebäude wie das «First White House of the Confederacy» würde er in ein echtes, modernes Museum umwandeln: «Damit die Besucher erfahren, wofür die Konföderation stand: für das Festhalten an der Sklaverei und der Unterdrückung der Schwarzen.» Es könne nicht sein, dass es ausschliesslich privaten Organisationen wie der EJI überlassen werde, das Erbe der Sklaverei und der Segregation aufzuarbeiten. Es brauche auch eine Anstrengung der staatlichen Stellen.

Zumindest ein Stück weit gab es diese Anstrengung bereits. Die Tourismusbehörden begannen in den vergangenen Jahren, einen anderen Aspekt der Geschichte Montgomerys zu vermarkten: die Rolle, die die Stadt für die Bürgerrechtsbewegung spielte. In Montgomery wurde Rosa Parks verhaftet, weil sie sich 1955 weigerte, ihren Sitzplatz im Bus für einen Weissen zu räumen. In Montgomery endete 1965 auch der Protestmarsch von Selma, den Martin Luther King organisierte. Der «Civil Rights Trail» führt an diesen Orten vorbei.

Keiner dieser Gedenkstätten hat aber die Wucht des neuen Lynchmuseums. «Aggressiv und politisch» nannte es der oberste Tourismusverantwortliche von Alabama anlässlich der Eröffnung, und er meinte das positiv: «Noch nie wurde einem dieser Teil der amerikanischen Geschichte so deutlich vorgehalten.»

Offen ist, was diese Wucht des Memorial im Süden Amerikas auslöst. Der EJI-Präsident Bryan Stevenson hofft, dass die Besucher nach dem Gang durch das Memorial und das Museum «erschüttert und geplagt» seien: «Diese Geschichte sollte über uns hängen, bis wir uns sicher sind, dass wir sie aufgearbeitet und hinter uns gelassen haben.» Dazu müsse aber nun endlich eine Debatte beginnen, die über Fachzirkel hinausgehe. Eine Debatte in all den Gegenden, in denen Schwarze wegen ihrer Hautfarbe gejagt, gefoltert und ermordet wurden. Auf einem Feld direkt neben dem Memorial hat die EJI deshalb Duplikate der mehr als 800 rostbraunen, sarggrossen Stahlstelen ausgelegt – und die Bezirke, zu denen sie gehören, aufgefordert, die Stelen abzuholen und bei ihnen aufzustellen.

Bis jetzt erhielt die EJI einige Anfragen aus den Bezirken, aber noch keine definitiven Zusagen. Die Stelen liegen alle noch da, auf einem Feld in Montgomery, Alabama.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.06.2018, 17:40 Uhr

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