Sinnlich gestaltetes Staunen

Die Ausstellung «Kosmos – Rätsel der Menscheit» im Museum Rietberg in Zürich ist eine äusserst poetische Reise durch 17 Kulturen und ihre Weltentwürfe und Ursprungsmythen.

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Es mag ja alles stimmen mit dem Urknall, dieser Entstehung von Materie und Raum und Zeit aus einer ursprünglichen Singularität. 13,8 Milliarden Jahre ist es her nach heute gültigen Berechnungen, seit sozusagen das «kosmische Ei» aufgeschlagen wurde oder sich selbst sprengte. Die kosmologische Spekulation über den Anfang aller Dinge ist da schon ganz nah am gesicherten Wissen; und diesen Erkenntnissprung hätte, wenn die Milliarden Jahre 24 Stunden wären, der forschende Mensch in den letzten Millisekunden eines universalen Tages geschafft.

Aber fast könnte man auf dem Gang durch «Kosmos – Rätsel der Menschheit», die neue Ausstellung des Zürcher Rietberg-Museums, fürchten, dass wir mehr verlieren, als wir gewinnen; dem kosmischen Wunder werde das Wundersame ausgetrieben und dem Universum die Poesie und all die kreativen Geschichten, mit denen Menschen, die in den Himmel schauten, sich erklärten, wie sie selbst wurden und wie die Sterne wurden, warum sie leuchten und woran sie be­festigt sind.

Lichtbällchen im Schnabel

Natürlich ist diese Furcht nicht sehr begründet, gemessen an dem, was die Astrophysik eben auch noch nicht weiss. Jedoch wird einem das wunderbar Unwissenschaftliche halt sehr sympathisch im Rietberg. Denn «Kosmos» ist eine äusserst poetische Ausstellung. Und die Kuratoren müssen ihrerseits poetische Seelen sein bei aller Wissenschaftlichkeit: Sie respektieren zwar gebührend die Urknalltheorie (etwa mit einem 15-minütigen Videofilm des Astrophysikers Ben Moore von der Universität Zürich: Entstehung und Geschichte des Universums im Zeitraffer). Aber lieber, quasi als Herzenssache, ist ihnen vermutlich, was das Volk der Haida im amerikanischen Nordwesten noch im 19. Jahrhundert erzählte: wie ein Adler den streunenden Raben Yehl so erschreckte, dass ihm ein geraubtes Lichtbällchen aus dem Schnabel rutschte und auf der Erde zerschellte; und so kamen die Gestirne an den Himmel und das Licht in die Welt.

Durch 17 Kulturen und ihre Weltentwürfe und Ursprungsmythen geht der Ausstellungsweg: von Ost nach West, mit der Sonne, diesem grossen gemeinsamen Zeitmesser. Er führt zur naiven Konkretheit und zur komplexen Abstraktion. Zu Kosmos-«Erzählungen» von hoher literarischer oder auch mathematischer Dichte. Zu Artefakten, in denen die Metaphern vom universalen Sein und von dem, was vor dem Sein war, ihre mythische Gestalt annehmen: als 401-fach zersplitterter Gott und besoffener Schöpfer (bei den nigerianischen Yorouba, die etwas ahnten vom Zusammenwirken von Schöpfungshitze und Palmwein); oder als Weltesche, auf der die Sonne auf und nieder klettert (bei den Germanen). Zu Landkarten von göttlich belebten Oberwelten und zu Reisebeschreibungen durch die Unterwelt führt der Weg. Und in Himmels­gebäude, die man sich im alten China dachte als wohlorganisierten Beamtenstaat, durch den jeder irdische Herrscher auf dem planetarischen Dienstweg sein Mandat empfing.

Alles erzählt hier von Ewigkeit und vom Versuch, die kosmische Geheimschrift zu lesen. Die Vorstellungen widersprechen sich, und sie kreuzen sich. In jeder Kultur und jeder Zeit spiegelt sich ihr Himmel (mit Göttern oder ohne), und das ist der Sinn und das Vergnügen dieser Zürcher Ausstellung: die schöne Rietberg-Tradition des Kulturvergleichs und des sinnlich gestalteten Staunens.

Der Schöpfer im Lotos

Wo derart in Äonen gedacht wird, lohnt es sich, ein paar Stunden irdischer Zeit zu reservieren, nebenbei gesagt. Man verliert, beispielsweise, leicht ein wenig das Zeitgefühl im Zustand der medita­tiven Verzauberung, die ausgeht von ­einem Bild des ruhenden Vishnu im hinduistischen Zyklus des Werdens und Vergehens. Erschöpft von der grad erfolgten Vernichtung einer 40 Milliarden Jahre alten Schöpfung liegt da der Gott – auch er: ein Geschöpf – auf der Weltenschlange; Lakshmi, seine Gemahlin, massiert ihm die Füsse, und aus seinem Nabel wächst der Lotos mit dem vierköpfigen Brahma, der wieder eine Welt erschaffen wird, die untergeht nach ­angemessener Zeit.

Und so von Äon zu Äon. Es ist das Bild einer kosmischen Ordnung. Davon, wie im «Einen» immer das «Alles» war und in allem immer das «Eine» sein wird: also der ganze Kosmos in jedem Menschen. Womit man doch schon fast wieder bei der modernen Theorie wäre, dass alles universelle Material, aus dem auch wir bestehen, vor dem Urknall in einer Tasse Platz hatte.

Eine hoch informative Ausstellung ist das, die das Wissen im Glauben respektiert. Sie fördert nachhaltig die Lust am kosmischen Märchen. Danach ist draussen vielleicht helles, zwielichtiges Wetter, und die Sonne und der abnehmende Mond scheinen gleichzeitig am Himmel, und ein neugieriges Kind fragt, warum. Man könnte natürlich sagen, das liege an den Lichtverhältnissen. Aber jetzt fiele einem womöglich auch die Antwort ein, es sei dem ägyptischen Sonnengott Re bei seiner Fahrt durch die Lebens- und Totenwelt wahrscheinlich der Fahrplan durcheinandergeraten.

Bis 31. Mai 2015.
Zusatzveranstaltungen: www.rietberg.ch
Katalog: Kosmos – Weltentwürfe im Vergleich. Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2014. 143 S., ca. 34 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.12.2014, 20:04 Uhr

Kosmos - Rätsel der Menschheit

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