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Bitte bieder bleiben

Warum nur diese Sehnsucht nach mitreissenden 1.-August-Reden? Ist doch nicht nötig.

MeinungLinus Schöpfer
Das Rednerpult an einer Bundesfeier in Moosseedorf, 2017.
Das Rednerpult an einer Bundesfeier in Moosseedorf, 2017.
Peter Klaunzer, Keystone

Am Nationalfeiertag gehen die Volksvertreter auf verbale Ochsentour. Ueli Maurer hielt 2013 neun (!) 1.-August-Ansprachen, Helikopter sei Dank. Überraschungen sind jeweils nicht zu erwarten, wiederholt werden die Themen «Insel der Seligen» usw. So sicher die biedere Schweiz-Beschwörung ist, so sicher die Klage darüber. Darüber, dass hierzulande niemand eine packende Rede halten könne. Kein Obama, der die klassische Rhetorik beherrscht. Kein Gysi, der mal laut wird. Kein Macron, dessen Pathos ein Stadion in Wallung versetzt.

In der Rede geht die Politik mit der Ästhetik eine Verbindung ein. Deshalb ist sie eine Verlockung für Politiker, die gewöhnlich zwischen drögen Sitzungen pendeln. Die Rednerbühne ist der Ort, wo sie glänzen können. Manche Politiker scheinen ihr regelrecht zu verfallen (zum Beispiel der späte Moritz Leuenberger). Klar ist: Wer von der Raffinesse einer Rede auf die Qualität der politischen Arbeit schliesst, begeht einen Trugschluss. Richtig problematisch kann es andererseits werden, wenn radikale Wort-Ästheten in die Politik drängen. Wenn das Primat des klingenden Worts und das Streben nach Purismus in totalitäre Politik münden (etwa bei Gabriele D’Annunzio, Décadence-Autor und Protofaschist). Zudem zieht die Rede Spektakelfans an: Beliebt sind Reden, in denen Politiker Gegner abkanzeln. Gehalt eher egal, Hauptsache Radau.

Eine intakte Demokratie braucht keine mitreissenden Reden.

Journalisten schliesslich überschätzen die Rhetorik notorisch. Weil sie berufshalber ständig mit Texten zu tun haben – und weil die Rede ein simples Untersuchungsobjekt ist. Ob Schneider-Ammann der Volkswirtschaft guttut oder nicht, ist schwer zu sagen. Leichter zu beantworten ist die Frage, ob er ein guter Redner ist (Nein).

Eine intakte Demokratie braucht Sachverstand, Bürgernähe, den Austausch von Argumenten in Medien und Parlament. Mitreissende Reden braucht sie nicht. Falls Sie also am Mittwoch eine total unspannende 1.-August-Rede zu hören bekommen, ärgern Sie sich nicht. Der nächstbeste Buchladen hat sicher einen guten Krimi auf Lager.

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