«Bitte fühl das jetzt auch!» 

Zum 1. August erklärt der Historiker Valentin Groebner, wie Geschichte funktioniert. Und was Köppel und Blocher mit den radikalen Linken gemein haben.

Der Mythos Marignano wird gern von den Rechten instrumentalisiert. Foto: Gamma-Keystone via Getty Images

Der Mythos Marignano wird gern von den Rechten instrumentalisiert. Foto: Gamma-Keystone via Getty Images

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Finden Sie als Historiker es nie ärgerlich, wenn Rechte wie Christoph Blocher oder Roger Köppel Geschichte für ihre Zwecke instrumentalisieren?
Wenn sich die Herren auf die Vergangenheit beziehen, wird immer dieselbe Geschichte wiederholt: Wir sind die einzigen Aufrechten und die Nachkommen von zu unrecht Gekränkten. Deswegen dürfen wir auch so forsch, so laut und so unhöflich sein. Solche Provokationen sind keine Schweizer Besonderheit, sondern in den letzten zwanzig Jahren in Europa weit verbreitet. Was ich wirklich interessant finde, ist die Hartnäckigkeit, mit der die Befürworter dieser vermeintlichen Revolte von rechts – um deren Vokabular zu gebrauchen – sich konsequent als Opfer stilisieren.

Als Opfer?
Vorgetragen wird da nicht nur die Überzeugung, Verteidiger von etwas Wahrem zu sein, sondern mindestens ebenso sehr die Haltung, es sei einem ein gewaltiges Unrecht widerfahren. Also unübersehbar herausgestellte Wehleidigkeit. Das ist etwas, was diese Leute weniger mit der Geschichte der politischen Konservativen verbindet als mit den moralischen Erregungsgemeinschaften der radikalen Linken der 1970er und 1980er Jahre.

Mit den radikalen Linken?
Zumindest benutzen beide die gleiche Argumentationsfigur: Ich als Sprecher – meist ist es ja ein Mann – bin die Verkörperung eines grossen Unrechts, das anderen zugefügt worden ist. Deshalb habe ich recht und kann mich nicht irren. Das ist ein grundlegendes Merkmal von polemischem Sprechen. Wer so auftritt, kann gar nicht zugeben, dass er sich möglicherweise in manchen Punkten täuscht, dass es Informationen gibt, die er vielleicht kennen müsste oder die er überlesen hat. Darin liegt ja das Vergnügen an Erregungsgemeinschaften, links wie rechts, am Stammtisch oder im Internet: Man ist gemeinsam überzeugt davon, dass man so richtig recht hat. Aber dieses Vergnügen hat einen Preis: Nie kann man sich so schön irren wie in einer Erregungsgemeinschaft.

Erregungsgemeinschaften liegen regelmässig falsch?
Ich würde eher sagen, dass solche Gefühlsgemeinschaften immer übertreiben. Ich habe am Beginn der 1980er Jahre in der BRD interessante Dinge miterlebt – zum Beispiel, wie zwei Demonstrationszüge mit Knüppeln und Farbbeuteln aufeinander losgingen, die beide dieselben Slogans brüllten, nämlich «Hoch die internationale Solidarität». Es war ebenso furchteinflössend wie komisch. Diese Erfahrungen sind auch ein Grund, warum ich als Historiker über Emotionen, über Gewalt und über Bilder dieser Gewalt gearbeitet habe. Und warum ich es für die intellektuell viel produktivere Option halte, dass ich mich irren könnte, weil meine Informationen auch lückenhaft, ergänzungsbedürftig oder falsch sein könnten. Besser noch einmal nachprüfen: Das ist etwas, das man als Historiker nur zu gut kennt.

Als Historiker rechnen Sie also damit, sich zu irren?
Geschichte als Wissenschaft konzentriert sich auf die offenen Fragen. Denn nur wenn man sich mit den Lücken und Widersprüchen beschäftigt, bekommt man neue Informationen über die Vergangenheit – und um die geht es. Wenn ich Vorträge halte, bin ich oft mit sehr engagierten älteren Herren konfrontiert, die bestreiten, was ich über das Mittelalter erzähle. Ich frage dann jeweils, wo das steht, was sie als wahr annehmen. In der Regel verweisen sie auf Historiker wie Wilhelm Oechsli oder Karl Meyer, also auf Texte, die zwischen 1890 und 1940 entstanden sind. Geschichte ist aber deswegen eine Wissenschaft, weil sie heute andere Antworten gibt als vor hundert Jahren.

Aber die meisten Dokumente, Rätsel und Lücken – gerade zur Geschichte des Mittelalters – sind in der Forschung doch schon längst bekannt.
Ja, aber ebenso wichtig ist die Verwendungsgeschichte dieser Dokumente. An Tell – als reale historische Figur – hat zum Beispiel am Beginn des 20. Jahrhunderts kein Fachhistoriker mehr geglaubt. In den 1930er Jahren hat der Historiker Karl Meyer angesichts der Bedrohung durch das Nazi-Regime auf die Gründungserzählung der Eidgenossenschaft im frühen 14. Jahrhundert zurückgegriffen und geschrieben, den Mann mit der Armbrust habe es wirklich gegeben, Landvogt Gessler habe die Geschichte gekannt und sie um 1300 mit Tell neu inszeniert.

Das klingt heute völlig abwegig.
Dieses neu formatierte politische Mittelalter war damals durchaus wirkungsvoll – bis Marcel Beck es dann in den 1950er Jahren wieder demontiert hat. So arbeitet Geschichte als Wissenschaft: Im Licht ihrer eigenen Gegenwart schauen Experten auf die Dokumente aus der Vergangenheit, formulieren neue Interpretationen und präsentieren sie dann der Kritik. Oft genug kommt dabei heraus, dass die neue Lesart nur teilweise oder gar nicht funktioniert – und dann kommt eben jemand anderes mit einer neuen Hypothese. Was die Ursprünge der Schweiz angeht, kann man das gut zeigen.

Warum ist die Verwendungsgeschichte der Dokumente so wichtig?
Weil Geschichte immer das ist, was die Leute aus den überlieferten Dokumenten machen, nämlich die Rekonstruktion der Vergangenheit in ihrer jeweils eigenen Gegenwart – mit Material von früher, das aber immer wieder neu ausgewählt, bearbeitet und zusammengestellt wird. Der Bundesbrief ist dafür ein schönes Beispiel. Er wurde vermutlich um 1300 niedergeschrieben, ist aber nie verwendet worden – jahrhundertelang, bis er im 19. Jahrhundert zum Gründungsdokument für einen Staat wurde, der in der Zwischenzeit neu gegründet worden war. Die Vergangenheit ist eine Zeitzone, in die wir nie mehr zurückkehren können. Wir können sie nicht mehr verändern; und unsere Informationen über sie sind zwangsläufig begrenzt. Das betrifft das 13. Jahrhundert genauso wie den gestrigen Nachmittag.

«Man baut die Vergangenheit so um, dass sie zu dem passt, was man heute ist.»

Die Vergangenheit ist keine Geschichte?
Nein, sondern eine riesige Menge von fragmentarischen, unzusammenhängenden und mehr oder minder kaputtgegangenen Überresten – während Geschichte geordnet ist, in die richtige Reihenfolge gebracht, mit Höhepunkten und Storylines versehen. Deswegen ist Geschichte auch so suggestiv – «So war es!» – und Vergangenheit nicht. Man muss nur ein halbwegs gut erhaltenes Archiv besuchen, um das nachvollziehen zu können: Dort wird man mit vielen zehn- oder hunderttausend Seiten gebündeltem vergilbten Papiers konfrontiert, mit einer riesigen Menge von schwer lesbaren Überresten von früher. Das ist erst einmal frustrierend – und überwältigend.

Es gibt Geschichten, die sehr erfolgreich sind, etwa die nationalen Mythen – trotz zahlreicher historischer Forschungen, die belegen, dass diese Geschichten nicht der Realität um 1300 entsprechen. Warum dieser anhaltende Erfolg?
Populäre Geschichtsbilder sind deshalb so erfolgreich, weil sie Antworten auf relativ schlichte Fragen geben. Wie war das früher? Woher kommen wir, und was hat die Vergangenheit mit der Gegenwart zu tun? Damit verbunden ist die Vorstellung, dass sich Probleme von heute unter Berufung auf Werte von gestern lösen lassen müssten. Ausgewählt wird dabei, was in das eigene Geschichtsbild passt – und anderes weggelassen.

Wo machen Sie das fest?
Die Eidgenossenschaft vor 500 Jahren zum Beispiel war durchaus ein Ort freiheitlicher Traditionen. Dieselbe Eidgenossenschaft hat aber Söldner zur Bekämpfung aufständischer Bauern geliefert, die in Schwaben und Tirol gegen ihre Unterdrücker revoltierten – weil die Habsburger gut zahlen konnten. Das sind blinde Flecken in den älteren Erzählungen einer demokratischen Tradition. Sie werden relativ selten thematisiert, weil es viel einfacher ist, sich unter Berufung auf Bruder Klaus oder Huldrych Zwingli als ein Staat von reinen, rechtschaffenen, gottesfürchtigen Männern zu imaginieren. Mit den realen Verhältnissen des 15., 16. oder 17. Jahrhunderts hat das aber gar nichts zu tun.

Haben erfolgreiche Geschichten immer etwas mit Reduktion von Komplexität zu tun?
Zumindest die Geschichtsschreibung in moralischer Absicht funktioniert so: Man nimmt etwas heraus, das man brauchen kann und organisiert es nach einem vertrauten Muster von Bedrohung und nachfolgender Erlösung neu. Je mehr das historische Material aufgeladen wird, umso stärker wird es emotional an die Gegenwart herangezoomt. Moralisierung ist im wesentlichen eine Technik, Hintergrund, unpassende Details oder Paradoxa unsichtbar zu machen. Und je moralischer, je emotionaler aufgeladen eine Geschichte daherkommt, desto mehr verlangt sie vom Publikum: Glaub mir jetzt alles!

Wissenschaft verlangt das nicht?
Die Dokumente, mit denen wir Historiker uns beschäftigen, sind ja nicht für uns geschrieben. Kein Geistlicher, Gerichtsschreiber oder Untersuchungsrichter im 13. oder 14. Jahrhundert konnte wissen, was die Interessen oder Sehnsüchte derjenigen sein würden, die sieben oder acht Jahrhunderte später seine Texte lesen. Historische Distanzierung ist ein sehr effizientes Mittel gegen die moralische und emotionale Aufladung der Geschichten von früher. Gewöhnlich kommt sie als Forderung zum Mitfühlen daher: «Bitte fühl das jetzt auch!» – den Zorn, die Ergriffenheit, oder das Zusammengehörigkeitsgefühl. Mich persönlich macht diese Aufforderung immer etwas nervös.

Was sind die offenen Fragen, mit denen Sie sich beschäftigen?
Ende August erscheint mein Buch über die Sehnsucht nach dem Authentischen: «Retroland» über Geschichte und Tourismus – in der Schweiz und anderswo. Und ich sitze an einem neuen Projekt, in dem es um Reinheit geht. Warum sind heute alte Bilder und Vorstellungen von Reinheit weiterhin sehr wirksam, obwohl unser eigenes Wissen, zum Beispiel über das, was an der Oberfläche unserer Haut oder in unseren Körpern passiert, völlig anders ist als vor 150 Jahren? Jeder Mensch ist eine Wohngemeinschaft auf zwei Beinen und zwar eine sehr geräumige; wir brauchen alle diese vielen kleinen Bakterien, Milben und anderen Mitbewohner, um gesund zu bleiben. Gleichzeitig umgeben uns im Alltag ununterbrochen Verweise auf Reinheit und Forderungen nach Reinheit – die meisten mit recht deutlichen weltanschaulichen, hygienischen, religiösen und häufig auch politischen Untertönen.

Den Wunsch nach Reinheit finden wir also nicht nur im Bioladen oder bei der Ayurveda-Kur.
Sondern auch bei den Identitären, also bei den Leuten, die vom christlichen Abendland und von homogenen Abstammungsgemeinschaften sprechen, obwohl es beides nie gegeben hat. Die Vorstellung von reinen Abstammungsgemeinschaften ist aber keine mitteleuropäische Besonderheit, sondern eigentlich auf der ganzen Welt verbreitet. Ich finde das ein schlagendes Beispiel für das Weiterexistieren von Erzählungen, die auch in einer Welt, die sich selbst als säkularisiert, naturwissenschaftlich informiert und aufgeklärt beschreibt, offenbar nicht zu funktionieren aufhören.

Gerade das Mittelalter wird mit den wehrhaften Schweizern immer wieder als Ort des reinen Ursprungs imaginiert, obwohl diese Zeit kaum etwas mit unserer Gegenwart zu tun hat.
Das sind einfach gute Fiktionen – griffige und einprägsame Geschichten. Und sie schmeicheln ihren Zuhörern. Als 2015 an die Niederlage der Eidgenossen bei Marignano erinnert wurde, erklärte der Walliser CVP-Politiker Herbert Volken, dass ihn Kardinal Schiener 500 Jahre zuvor sicherlich mit nach Marignano genommen hätte, denn schliesslich habe dieser nur die besten Walliser für die Schlacht ausgewählt. Damit hat er schön auf den Punkt gebracht, wie nostalgischer Geschichtsgebrauch funktioniert. Niemand, der auch nur drei Minuten darüber nachdenkt, möchte gerne im 16. Jahrhundert leben.

Die Lebenserwartung und die Lebensqualität war im 16. Jahrhundert nicht gerade toll.
Auch nicht für muskulöse Walliser. Aber das ist ein Teil der Anziehungskraft dieser Fiktionen: Wir sind in der Lage, problemlos an mehrere Geschichten gleichzeitig zu glauben, auch wenn sie sich widersprechen. Wenn sie uns die Erfüllung unserer Wünsche suggerieren – und diese Wünsche sind ja auch widersprüchlich: Sicherheit und Abenteuer, Herkunft und Abwechslung, den Fünfer und das Weggli.

Den Konservativen gelingt es offensichtlich sehr gut, Geschichten für ihre Zwecke zu instrumentalisieren und daran Vergnügen zu haben, ganz anders die Linke.
Die ‹Linke› verstehe ich als Sammelbegriff für ziemlich unterschiedliche Positionen. Romantisch aufgeladene Erzählungen gibt es aber auch in diesem Spektrum: Je nach Gusto und politischer Zugehörigkeit kann man sich so mit den weisen Hebammen oder Hexen des 15. bis 17. Jahrhunderts verbunden fühlen, mit rebellischen Untertanen oder mit verfolgten Fahrenden oder Flüchtenden, und Elemente aus deren Geschichte für die eigene Selbstdarstellung übernehmen. Auch da geht es um die nachträgliche Stilisierung und Vereinfachung von gewöhnlich sehr komplexen und widersprüchlichen Ereignissen. Und um ihre Nutzung zur Selbstdarstellung: Man verwandelt sich in gewisser Weise in jemanden, der oder die befugt ist, im Namen der Opfer des früheren Unrechts zu sprechen. Das ist eine sehr verlockende Position.

Wie kann die Rechte dann mit Rückgriff auf Mythen von Tell und Marignano ein Bedrohungsszenario so lange aufrechterhalten?
Weil es verlässliche Effekte erzeugt. Geschichten funktionieren auch deswegen, weil sie etwas, was uns bereits vertraut ist, dramatisieren, variieren und in einen neuen Kontext stellen. Etwas, von dem wir ein bisschen wussten, wird ausgeschmückt und in einem neuen Kleid quasi wieder lebendig. Das Erzählen von Geschichten soll immer etwas vertreiben – Langeweile, Überdruss, auch eine bestimmte Leere. Andererseits muss es Vergnügen erzeugen, Vergnügen an der Zugehörigkeit, am Wiedererkennen und am glücklichen Ausgang der Geschichte, den man bereits kennt. So funktionieren religiöse Erzählungen; so funktionieren aber auch persönliche Lebensgeschichten. Das ist das, was ein kluger Franzose die autobiografische Illusion genannt hat: Man baut die eigene Vergangenheit so um, dass sie zu dem passt, was man heute ist. Und in 15 Jahren, wenn alles anders ist, wie ich es nicht vorausgesehen habe, werde ich also vermutlich auch eine neue Variante meiner eigenen Lebensgeschichte haben, die zur neuen Entwicklung passt. Nicht anders wird mit der historischen Vergangenheit umgegangen.

Valentin Groebner: Retroland. S. Fischer 2018, 224 S., ca. 30 Fr. Das Buch erscheint am 22. August.

Erstellt: 29.07.2018, 18:59 Uhr

Valentin Groebner
Professor an der Universität Luzern.Er gehört zu den profiliertesten Mittelalterhistorikern. Foto: PD

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