Immer Verstellung und überall Verrat

Der Autor Botho Strauss wird 75 Jahre alt und schenkt uns ein neues Buch über Paare. Es ist unbequem, fast schon erschreckend.

Der Schriftsteller Botho Strauss beschreibt in seinen Büchern subtil das Paarverhalten. Foto: Wolfgang Stahr (Laif)

Der Schriftsteller Botho Strauss beschreibt in seinen Büchern subtil das Paarverhalten. Foto: Wolfgang Stahr (Laif)

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Es kann jedem passieren. Du hebst den Kopf von der Arbeit und beginnst zu träumen. Du kommst heim und siehst deine Wohnung plötzlich mit fremden Augen. Panischer Schrecken, ganz kurz. Du sitzt mit Freunden am Tisch, hörst mit halbem Ohr ihre Gespräche, in Gedanken bist du anderswo. Versunken im Gestrigen, Mythischen, Irgendwo. Abwesende wir alle, hin und wieder. Was geschieht uns da?

Der Schriftsteller Botho Strauss erklärt es nicht, er deutet nichts. Er macht, was Poeten tun müssen: Er gibt den Gedanken Gestalten. Es heisst, seine Bücher seien schwer verstehbar. In Wirklichkeit funktionieren sie sehr einfach. Sie sind so halb deutlich wie unsere Tagträume; so auch sein jüngstes Buch. «Zu oft umsonst gelächelt» heisst diese Sammlung von Kurzprosa. Denkbilder und kleine Geschichten bringen, was abwesend ist, zur Erscheinung.

Die eine küsst ihren Mann nur, um ihn zum Schweigen zu bringen.

Die Personen sind normale Gegenwartsmenschen. Sekretärin, Ehemann, Buchhalterin, Busreisende, Museumsbesucher, Paare, Passanten. Dazwischen, kursiv gesetzt, ein Romancier. Alle haben sie ein gemeinsames Leiden. Sie sind «auf die perfekte Nachahmung von Lust und Liebe hereingefallen». Denn irgendwas fehlt: die Obsession, die Dringlichkeit, zusammen zu bleiben. Enttäuscht führen die Paare ein Leben der Täuschung. Die eine küsst ihren Mann nur, um ihn zum Schweigen zu bringen. Die zweite hebt insgeheim nur auf, was sie von ihrem alten Geliebten trennen könnte. Der eine erblickt in einem Gemälde «das Grauen, das eine Frau irgendwann ergreift von ihrem Mann». Der andere will von seiner Frau betrogen werden, um sie reizvoll zu finden.

Immer Verstellung, überall Verrat – auch an sich selbst. Denn gleichwohl sehnen sich alle Paare nach dem Absolutum der Leidenschaft. Nicht einfach nur Vorgelebtes nachleben. Keine fintenreichen Diskurse. Das Dionysische feiern, die Ekstase. Im flammenden Morgen sein, nicht im milden Abendschein, so will es auch der alternde Dichter.

Am Montag wird Botho Strauss 75 Jahre alt. Und aus diesem Anlass, jede Wette, wird man sich wieder über seinen Essay «Anschwellender Bocksgesang» hermachen (1993). Wie seine Paare empfindet er ein existenzielles Unbefriedigtsein in der Moderne. Das «Weltschaugewerbe» von Medien, Moden und linkem Mainstream verachtend, prognostiziert er bei den Volksmassen einen «gewaltigen Ausbruch gegen den Sinnenbetrug». Er spürt ein vorzeitliches Triebrasen gegen die Vernunftideologie. Und begreift Rassismus und Fremdenfeindlichkeit als «gefallene Kultleidenschaften». Nah an der Verherrlichung von Kampf und Krieg, schreibt er: «Demokratie braucht wie ein Organismus den Druck von Gefahr.»

Er ist kein Kriegs-, sondern ein Liebestreiber.

Damit setzte sich Botho Strauss dem Vorwurf aus, er sei ein reaktionärer Kriegstreiber. In Wahrheit kommt er vom Gegenpol her: von der Liebe. Von einer vitalen Liebe, die Risiko, Schmerz und Fremdheit nicht scheut; vom Mythos des Paars, das hinterm Rücken Utopien bildet, auch politische. Botho Strauss: «Mit Aristoteles und dem Papst teile ich die Überzeugung, dass das Paar jeder weiteren Gemeinschaft vorgeht.»

Botho Strauss, letzter Paarstifter des deutschsprachigen Theaters, hat seit den frühen Siebzigerjahren die untreuen Paare getreulich begleitet durch ihre Geschlechterkämpfe, ihre Wohngemeinschaften, Vernissagen, Partylaunen und Lebenslügen. Zuletzt in Basel 1991: «Die Zeit und das Zimmer», inszeniert von Hans Hollmann. Zuletzt in Zürich 1998: «Der Kuss des Vergessens», inszeniert von Matthias Hartmann im traumschönen Bühnenbild von Karl-Ernst Herrmann. Liebe – Illusion, Imagination, Illumination, Inspiration. Der nüchterne Schauspieler Otto Sander als Mann, die irrlichternde Anne Tismer als Frau: «Sie liebten und sie liebten sich nicht. Sie wollten sich und wollten sich nicht. Sie waren wie Berg und Tal, Frau und Mann, und blieben zusammen, unzertrennlich und unvereinbar.»

Nach seinen Theaterstücken schrieb Botho Strauss vorwiegend Kurzprosa. Sein letztes Buch jetzt behauptet im Titel: «Zu oft umsonst gelächelt». Das kann meinen: vergebliche Freundlichkeit, belanglose Nettigkeit. Denn «schonende Liebe mildert die Ekstase». Beim ersten Mann erlahmt Leidenschaft an der Nachgiebigkeit seiner Frau, an ihrer Wärme und Güte. Der zweite Mann springt tobsüchtig auf, weil ihn ein einziges Wort gereizt hat. Immer wieder rastet jemand aus; wie wild vor zu viel falschem Frieden.

Er entwickelt eine «Ästhetik der Anhänglichkeit». Das Paar als konservative Utopie.

Dialektik der Aufklärung: Wenn das Instinkthafte nicht beachtet, nicht geachtet wird, bricht es sich als Gewalttätigkeit Bahn. Nur also um eine neue Barbarei zu vermeiden, bezieht Botho Strauss das Mythische, das Triebhafte mit ein. Nur deshalb ist er ein Konservativer, der nicht Abschied nehmen will vom Gestrigen: weil er sich mit dem unterschwelligen Lustgeschehen von Paaren seit Jahrzehnten beschäftigt hat. Und merke: Plötzlich «bricht ein dunkles, vorzeitliches Verhalten ein in die Sinnenwelt». Damit muss man als Paar und als Politiker rechnen.

Politisches und Privates vermischend, auch verwechselnd, entwickelt er eine «Ästhetik der Anhänglichkeit». Anhänglichkeit an alte Kulturen, Anhänglichkeit an echte Treue. Das Paar als konservative Utopie. Fast wortgleich findet sich in seinen Büchern der Satz: «Noch einmal der einzigen Gewalt huldigen, die unter Menschen menschlich ist – nämlich unter zweien, die sich nicht lassen... Wege des Mannes, Stunden der Frau».


Botho Strauss: Zu oft umsonst gelächelt. Hanser, München 2019. 224 S., ca. 30 Fr.

Erstellt: 01.12.2019, 18:45 Uhr

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