«200 Gramm Fleisch pro Monat sind vertretbar»

Der Gastrosoph Harald Lemke über sein neues Buch, warum wir über Vegetarismus mit religiösem Eifer diskutieren und warum man diesbezüglich nicht nur mit Verzicht argumentieren sollte.

«Natürlich kann man sagen, das ist mir egal, nach mir die Sintflut»: Autor Lemke über Fleischkonsum.

«Natürlich kann man sagen, das ist mir egal, nach mir die Sintflut»: Autor Lemke über Fleischkonsum.

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Sie bezeichnen sich als Gastrosoph – was muss man darunter verstehen?
Das ist eine Philosophie des Essens. Essen heisst ja wesentlich mehr, als nur dem Körper Nahrung zuzuführen. Da werden politische, ökonomische, kulturelle und soziale Weltbezüge hergestellt. Über diese Bezüge reflektiert die Gastrosophie.

In der Schweiz werden Fragen der gesunden und richtigen Ernährung mit fast religiösem Eifer erörtert. Warum eigentlich?
Weil wir alle essen und uns so unweigerlich zu ethischen Fragen verhalten. Zum Beispiel, wie wir mit natürlichen Ressourcen umgehen oder welche Löhne wir den Nahrungsproduzenten zahlen. Dass wir solche Fragen der Lebensführung in einer religiösen Sprache formulieren, liegt an unserer religiös fundierten Kultur, obschon es ja keine religiöse Frage ist. Wenn wir über das Essen reden, reden wir über die Bereitschaft, uns zu ethischen Fragen zu verhalten.

Hat nicht jede Handlung, etwa wohin wir in die Ferien fahren oder wie oft wir baden, solche ethischen Implikationen?
Doch natürlich. Beim Essen kommt jedoch dazu, dass wir mehrmals täglich essen, wir uns also täglich dazu verhalten müssen. Kaum eine andere Frage ist so existenziell wie die des Essens.

Ist für ein ethisch vertretbares Essverhalten Fleischverzicht unumgänglich?
Wenn man die ökologischen und ökonomischen Grundlagen der Fleischproduktion in Betracht zieht, braucht es keinen hundertprozentigen Fleischverzicht. Man kann sich zum Beispiel überlegen, wie viel Fleisch auf dem Planeten unter ökologischen und nachhaltigen Gesichtspunkten produziert werden kann. Wenn man das dann gerecht auf alle verteilt, hat man ein absolutes Mass. Das ist dann aber relativ wenig Fleisch, etwa 200 Gramm pro Monat.

Dann ist es eine quantitative Frage?
Sagen wir so: Eine Esskultur ist nicht notwendig auf Fleisch angewiesen. Die buddhistisch-vegetarischen Kulturen zeigen, auf welch hohem kulinarischen Niveau man leben kann, ohne vom Fleischgenuss abhängig zu sein. Aber vielen Menschen kommt es abenteuerlich vor, auf das Zentrum, das Fleisch, zu verzichten. Da muss man sich fragen, wie sinnvoll es ist, ethische Gebote aufzustellen, die dann nicht befolgt werden. Am Ende fehlt uns nicht das Fleisch, sondern die Fantasie zu fleischlosen Gerichten und Geschmacksquellen. Wir leben in einer karnivoren Umgebung und Tradition.

Viele Menschen reagieren sehr gereizt auf die Forderung des Fleischverzichts. Man hört immer dieselben Argumente: dass unser Gebiss eine karnivore Vergangenheit beweise, dass Vegetarismus nur die Zwängerei einer Minderheit sei, die der anderen ihren Lebensstil aufdrängen wolle.
Solche Reaktionen zeigen vor allem, dass gewisse Personen nicht bereit sind, ihr eigenes Verhalten infrage zu stellen. Tatsächlich haben wir ein Problem: Wir haben nur einen Planeten, wir werden immer mehr, und die Fleischproduktion verbraucht zu viele Ressourcen. Natürlich kann man sagen, das ist mir egal, nach mir die Sintflut. Faktisch ist das ja auch die Entwicklung. Aber das Ziel einer Ethik ist, in solche Gewohnheiten und Rechtfertigungen einzubrechen und andere Massstäbe einzufordern. Wenn man nicht mitgehen will, kann die Ethik auch nichts tun, dann leben wir in einer Welt, die ihre Ressourcen einfach aufbraucht.

Dann ist Ihre Ethik des Essens also auch nur eine noble Forderung einer privilegierten Minderheit?
Das ist zynisch! Das ist ja gerade keine Laune von Leuten, die es sich leisten können. Vegetarismus hat ja nichts mit Geld zu tun, man spart sogar Geld. Es hat damit zu tun, ob man seinem eigenen Verhalten Rechnung tragen will. Tatsächlich beschäftigen sich auch immer mehr Menschen mit dieser Frage, das zeigt zum Beispiel der Bioboom. Aber das Problem einer ethischen Haltung zur Welt ist tatsächlich, dass diese oft nicht geteilt wird.

In Ihrem Buch kritisieren Sie auch die industrielle Landwirtschaft. Kann man darauf angesichts der wachsenden Weltbevölkerung denn verzichten?
Es gibt viele praktische und theoretische Belege dafür, dass wir Alternativen haben. Die kleinteilige, bäuerliche, biologische Landwirtschaft ist auch in der Ertragshöhe effektiver als Monokultur und Agrarindustrie. Insbesondere wenn man bedenkt, dass auch die fossilen Ressourcen schwinden.

Die meisten Menschen leben in Städten. Können diese mit den alten Agrartechniken ernährt werden?
Es findet eine Verlagerung der Nahrungsproduktion vom rein ländlichen in den urbanen Raum statt. Die in Metropolen sehr schnell wachsende Bewegung des Urban Gardening etwa zeigt, dass Nahrungsproduktion auch in Städten möglich ist. Da muss man mit viel Fantasie arbeiten, etwa mit multifunktionalen Ökosystemen, besserer Kombination der Nutzpflanzen. Deshalb ist die Zukunft auch nicht einfach ein Zurück in die Vergangenheit. Das Hochbeet innerstädtischer Gemüsegärten ist ein gutes Sinnbild dafür: Da muss man nicht mehr gebeugt ackern, sondern kann da mit geradem Rücken arbeiten. Ich persönlich hätte die Utopie, dass auch Städter Bauern sein können. Viele Menschen finden das sogar toll.

Aber das sind ja keine Selbstversorger?
Entscheidend ist, dass unter den gegebenen Voraussetzungen nicht die Fortsetzung der monokulturellen Landwirtschaft zukunftsweisend ist, sondern alternative agrarische Formen, etwa die Idee von städtischen Nutzgärten, von solidarischer Agrikultur usw. Das sollte auch ein Gebot des zukünftigen Städtebaus sein.

Die Welt ist aber so komplex, dass oft gar nicht klar ist, wie man sich richtig verhält. Ein Beispiel: Man kauft Zuchtfische, weil die Meere leer gefischt sind. Was man vielleicht nicht weiss, ist, dass Zuchtfische mit Wildfang gefüttert werden. Weil alle bedenkenlos Zuchtfische essen, wird der Wildbestand noch mehr dezimiert. Wie soll man sich informieren?
Wir waren noch nie so gut informiert wie heute, auch was die Ernährung angeht. Und zwar nicht nur oberflächlich. Gleichzeitig ist es ja nicht so endlos komplex, man kann das auf ganz simple Handlungsmaximen und Normen herunterbrechen. Der Anspruch kann auch nicht sein, alles immer hundertprozentig richtig zu machen. Wir sollten keinen moralischen Rigorismus anstreben.

Sie kritisieren in Ihrem Buch auch den strengen Veganismus von Peter Singer – warum?
Unter strengen ethischen Kriterien ist Veganismus tatsächlich die einzige Alternative. Aber wir sollten es mit der Moral nicht übertreiben. Man kann auch mal Ausnahmen machen, aber nicht im Sinne einer Resignation, sondern einer Ermutigung. Ethisches Verhalten in Bezug auf die Ernährung ist ja nicht mal nur mit Verzicht verbunden, sondern durchaus auch mit Genuss, mit Gemeinschaft. Auch das sollte man in einer Ethik des Essens betonen, wenn man sie den Menschen schmackhaft machen will.

Worauf muss man sonst achten?
Das Ideal einer nachhaltigen Ernährungsweise sollte auch durch kulturelle Gesichtspunkte ergänzt werden, also dass man sich Zeit nimmt füts kochen, gemeinsamen Genuss etc. Kulinarische Kompetenzen sollten auch in schulischer Bildung und im kulturellen Leben insgesamt einen höheren Stellenwert bekommen.

Erstellt: 05.12.2012, 12:04 Uhr

Lemke, Harald, «Politik des Essens», transcript, 335 Seiten, ISBN 978-3-8376-1845-7, CHF 41.90.

Politik des Essens

Harald Lemke, geboren 1965, studierte Philosophie und Geschichte in Konstanz, Hamburg und Berkeley; 1997 Promotion in Philosophie. Heute lehrt er am Institut für Kulturtheorie an der Universität Lüneburg.

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