6900 Fr. für einen Tag mit Bärfuss?

Weiterbildungsprogramme boomen. An der Uni Zürich gibt es nun eins zur «Schweizer Literatur».

Wünscht sich, dass andere von seinem Wissen profitieren: Autor Lukas Bärfuss. Foto: Mara Truog/13 Photo

Wünscht sich, dass andere von seinem Wissen profitieren: Autor Lukas Bärfuss. Foto: Mara Truog/13 Photo

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Einen Tag mit Lukas Bärfuss verbringen. Wer will das nicht? Nur schon aus Neugier, um fragen zu können, was man schon immer wissen wollte. Wie der Autor das etwa machte, als er mit «Hundert Tage» seinen grossen Roman über den Bürgerkrieg in Ruanda schrieb, als er in «Koala» den Suizid seines Halbbruders literarisch verarbeitete, was den gebürtigen Thuner umtrieb, als er in einem Essay die Schweiz für «des Wahnsinns» befand. Und was den 47-Jährigen heute beschäftigt – Wochen nachdem er den Büchner-Preis erhielt, die wichtigste Auszeichnung für deutschsprachige Autoren.

Im kommenden Jahr gibt es die Möglichkeit, Lukas Bärfuss einen Tag in seinem Atelier zu besuchen. Dank der Universität Zürich, wo man ein Certificate of Advanced Studies, kurz CAS, in Sachen «Schweizer Literatur» erlangen kann. Also ein Weiterbildungs-­diplom, das berufsbegleitend gemacht werden kann. Neben der Lektüre von Schweizer Texten sollen im Rahmen dieses Studiengangs Kenntnisse der Literaturkritik erlernt werden. Geplant ist ein Besuch im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern. Und dann gibt es Gespräche mit Autoren wie der Buchpreisträgerin Melinda Abonji, dem Spoken-Word-Künstler Jurczok 1001. Und Bärfuss.

CAS, DAS, MAS – was?
Weiterbildungen gibt es an allen Schweizer Hochschulen. Die Studiengänge sind kostenpflichtig. Die einzelnen Certificates of Advanced Studies, kurz CAS, lassen sich kombinieren. So kann der neue Studiengang «CAS in Schweizer Literatur» an der Universität Zürich um einen «CAS in Literaturvermittlung» ergänzt werden. Schreibt man eine Abschlussarbeit, erhält man ein DAS, ein Diploma of Advanced Studies, in Schweizer Literatur und ihrer Vermittlung. Ein Master of Advanced Studies (MAS) entspricht in der Regel vier CAS – bei Gebühren von über 20'000 Franken. (Foto: Keystone)

Geleitet wird der Studiengang vom Germanisten Philipp Theisohn, der einem interessierten ­Publikum durch seine Literaturkritiken in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» und durch ein Forschungsprojekt zur Science-Fiction-Literatur bekannt wurde. Theisohn ist fraglos einer der interessantesten Köpfe, der zurzeit an einer Schweizer Uni eine Professur hat.

Der Zeitaufwand für den neuen Studiengang ist nicht gering: 360 Stunden sind dafür veranschlagt, also etwas mehr als zwei Arbeitsmonate – innert eines Jahres. Bei Kosten von 6900 Franken. Wer kann sich das zeitlich und finanziell leisten? Und braucht es das überhaupt? Gehört die Lektüre von Schweizer Literatur und ein Besuch im Archiv nicht zu jedem guten Germanistikstudium? Fraglich auch, ob man sich journalistische Fertigkeiten innert wenigen Tagen aneignen kann. Oder ob man am Ende die Studiengebühr von 6900 Franken nur zahlt, um einen Tag mit Lukas Bärfuss zu verbringen.

Boombranche Weiterbildung – trotz Doris Fiala

Angebote zur Weiterbildung erleben an Schweizer Hochschulen einen Boom: An der Universität Zürich haben sich die CAS-Abschlüsse in den Jahren 2015 bis 2018 knapp verdoppelt – von 330 auf 631 insgesamt. In den Geistes- und Sozialwissenschaften kam es im gleichen Zeitraum gar zu einer Verdreifachung der Abschlüsse.

Die kostenpflichtigen Weiterbildungsangebote passen in unsere Zeit, in der lebenslanges Lernen in fast allen Berufen zum Imperativ wurde. Die Weiterbildungen haben aber keine allzu gute Presse. Sie sind als Schnellbleichen verschrien. Geholfen haben dabei auch nicht Schlagzeilen, wie sie die FDP-Nationalrätin Doris Fiala produzierte: In der Abschlussarbeit für einen MAS-Studiengang an der ETH wurden zahlreiche Stellen entdeckt, die Fiala ohne Quellenangabe von Wikipedia übernommen hatte.

Nachdiplomstudiengänge werden auch im Kulturbereich nicht unkritisch gesehen. Weil sie relativ teuer sind und es den Vorbehalt gibt, dass mit dem Studium primär der Zugang zu einem Netzwerk erkauft wird. Tatsächlich ist es dabei möglich, innert kurzer Zeit Exponenten aus der Kultur kennen zu lernen – als Dozenten und Mitstudenten. «Wer schnell nach oben will in der Welt der Kultur», für den sei das Weiterbildungs­angebot in Sachen Kulturmanagement «genau das Richtige», heisst es auf der Website der Uni Zürich. 29'000 Franken kostet dieser zweijährige Studiengang, der 2004 vom damaligen Opernhaus-Intendanten Alexander Pereira initiiert wurde. Braucht man heute also ein Startkapital, um in der Kultur Karriere machen zu können?

Philippe Bischof, Direktor der Kulturstiftung Pro Helvetia, muss es wissen: Der 52-Jährige hat in Basel Kulturmanagement studiert und unterrichtet heute in fast allen Studiengängen aus diesem Bereich. Kann oder muss man sich heute den Zugang zum Netzwerk erkaufen? Bischof wiegelt ab: In Sachen Kulturmanagement gebe es «zahlreiche» Angebote und daher mehr Absolventen «als freie Stellen und Positionen». Deshalb sei die Ansicht, dass man sich mit einer Weiterbildung ein Netzwerk erkauft, «das beruflich auch weiterhilft, nur begrenzt gültig».

Heute bieten nicht weniger als fünf Schweizer Hochschulen an, ein CAS oder MAS in Sachen Kulturmanagement zu erwerben. Allein an der Universität Basel, wo seit 2000 der älteste Studiengang besteht, haben bereits über 500 Personen ein Diplom als Kulturmanager erhalten. Für die Hochschulen ist das toll: Sie können eine Brücke zwischen Theorie und Praxis schlagen. Und dank der Gebühren Studiengänge anbieten, die weitgehend selbsttragend sind.

Abschluss für ein Praktikum bei einem Studienabbrecher

Bischof entschloss sich nach Praxisjahren im Theaterbereich für den Basler Studiengang, als es ihn «in Richtung Kulturpolitik zog», wie er sagt: «Von besonderer Bedeutung war dabei, mich mit den Denk- und Sprachmustern verschiedener nicht künstlerischer Bereiche (Politik, Sponsoring, Marketing, Kommunikation etc.) befassen zu können». Seine Weiterbildung an der Uni Basel hat Bischof selbst bezahlt.

Philippe Bischof, Direktor Pro Helvetia
«Es gibt zahlreiche MAS- und CAS-Angebote im Bereich Kulturmanagement und entsprechend viel mehr Absolvent*innen als freie Stellen und Positionen. Im Schweizer Kulturbereich ist deshalb die Aussage, dass man sich mit einem CAS oder MAS ein Netzwerk kauft, das beruflich auch weiterhilft, nur begrenzt gültig. Neben der inhaltlichen Aus- und Weiterbildung, die zumindest für mich im Vordergrund gestanden hat, bieten solche Angebote aber wie jedes Studium anregende und wertvolle Begegnungen. Persönlich habe ich mich nach meinen vielen Praxisjahren im Theaterbereich zu diesem Studium entschlossen, weil es mich in Richtung Kulturpolitik gezogen hat. Von besonderer Bedeutung war dabei, mich mit den Denk- und Sprachmustern verschiedener nicht-künstlerischer Bereiche (Politik, Sponsoring, Marketing, Kommunikation etc.) befassen zu können.» (Foto: Keystone)

Das Diplom als Kulturmanager ist Bischofs einziger Universitätsabschluss: Sein Jurastudium brach er nach dem Vorlizentiat ab, ein Studium in Geisteswissenschaften schloss er ebenfalls nicht ab. Die Pro Helvetia bestreitet zwar, dass bei ihr nur Uni-Absolventen eine Chance haben; 30 Prozent der Fest-Angestellten hätten keinen Hochschulabschluss. Aber es gibt Ausschreibungen, in denen die Pro Helvetia selbst für ein Praktikum einen Abschluss verlangte. Ist das fair, wenn der Direktor selbst nur eine teure Weiterbildung absolviert hat? Und wird es nun auch im Literaturbetrieb üblich, dass teure Weiterbildungen absolviert werden müssen, wenn man Lesungen veranstalten, Literaturkritiker werden oder einen Verlag gründen will?

Zurzeit sieht es nicht danach aus. Für das CAS in «Schweizer ­Literatur» wird zwar ein abgeschlossenes Masterstudium verlangt, was zur Qualitätssicherung beiträgt. Die Weiterbildung entstand aber auf Anregung von Lehrkräften, die sich einen Austausch mit der Universität wünschten. Wie sie etwa neue literarische Formen wie Spoken Word oder die ­Literaturkritik in den Deutschunterricht integrieren können.

Nichts spricht gegen neugierige und gut ausgebildete Lehrkräfte, sind sie doch wichtige Vermittler in Sachen Literatur. Bleiben der Zeitaufwand und die Kosten. Staatliche Stipendien gibt es für die Weiterbildungen nicht. Anfragen bei Gymnasien ergeben aber, dass Schulen Kosten für den CAS «Schweizer Literatur» für ihre Lehrkräfte übernehmen können, ganz oder teilweise. Und dass die Lehrkräfte dazu auch zeitlich freigespielt werden können.

Lukas Bärfuss, Autor
«Ich habe die Einladung von Philipp Theisohn angenommen, weil ich die Begegnung mit interessierten Menschen schätze und mich gerne über meinen Beruf, die Literatur, und das professionelle Umfeld austausche. Ich unterrichte seit vielen Jahren an Fachhochschulen und Universitäten. Die Universität Zürich bürgt als Rahmen für eine hohe Qualität und die Systematik des Kurses.

Seit über zwanzig Jahren arbeite ich als freier Schriftsteller in der Schweiz, habe also im Feld, das dieser CAS bearbeitet, eine reiche und vielfältige Erfahrung gemacht. Ich freue mich immer, wenn ich diese Erfahrung teilen darf und andere von meinem Wissen profitieren können.

Neben der Wissensvermittlung ist eines der zentralen Ziele einer jeden Ausbildung, egal welcher Art, Menschen des jeweiligen Berufsfeldes miteinander in Verbindung zu bringen und Beziehungen aufbauen zu können. Meiner Erfahrung nach entstehen und wachsen Beziehungen durch Engagement und Verbindlichkeit, und es wäre ein Erfolg für dieses CAS, wenn es möglichst viele reiche und nachhaltige Beziehungen stiften könnte.

Bildung ist eine kostspielige Sache und die Frage, wie und mit welchen Instrumenten möglichst viele Menschen von möglichst guter, substantieller Bildung profitieren können, bleibt eine eminente gesellschaftliche Aufgabe. Dieser hochspezialisierte, universitäre Studiengang kostet pro Kurstag 380 Franken. Bei der Qualität der Dozierenden und der anbietenden Institution ist das ein sehr angemessener Preis. Trotzdem wäre es natürlich zu wünschen, wenn die öffentliche Hand oder private Dritte die Notwendigkeit einer gut ausgebildeten, literarischen Öffentlichkeit einsehen und die Universitäten mit zusätzlichen Mitteln ausstatten würden. Dann könnten diese wichtigen Kurse noch günstiger angeboten werden und der Zugang würde noch weiter erleichtert werden.» (Foto: Mara Truog)

Und Bärfuss? Der Autor erhält für einen Kurstag das Honorar von 1600 Franken, wie er schreibt. Die Einladung habe er angenommen, weil es ihn immer freue, wenn er «Erfahrung teilen darf und andere von meinem Wissen profitieren» können. Wenn «möglichst viele reiche und nachhaltige Beziehungen» durch den Studiengang entstünden, wäre das für Bärfuss ein Erfolg. Und die Kosten findet er nicht zu hoch: Pro Kurstag koste der CAS nur 380 Franken, wie Bärfuss ausgerechnet hat. «Bei der Qualität der Dozierenden und der anbietenden Institution ist das ein sehr angemessener Preis», so Bärfuss, «trotzdem wäre es natürlich zu wünschen, dass die öffentliche Hand oder private Dritte die Notwendigkeit einer gut ausgebildeten, literarischen Öffentlichkeit einsehen und die Universitäten mit zusätzlichen Mitteln ausstatten würden», sagt Bärfuss, «dann könnten diese wichtigen Kurse noch günstiger angeboten werden und der Zugang würde noch weiter erleichtert werden.»



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Erstellt: 14.12.2019, 17:34 Uhr

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