Live-Poesie

Abschrecken und Einwecken

Matto Kämpf hat heute auf der Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Redaktion eine Geschichte geschrieben. Lesen Sie hier die Schlussfassung.

Matto Kämpf liest seinen Text.
Video: Linus Schöpfer

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Ganz alles kann man ja eigentlich nicht falsch machen (Startsatz von Hazel Brugger)
…dachte Frau Siegenthaler, als sie ihren Mann in seine Einzelteile zerlegte. Das Einwecken des Gattens war nicht Teil des Ehe-Infoabends gewesen. Damals im Zivilschutz-Bunker Wimmis. Feldmarschall Kräuchi, den sie eigentlich lieber geheiratet hätte, faltete die Wolldecken schneller als sein Schatten. Er merkte erst nach 222 Wolldecken, dass es sich hier nicht um die zivilschützerische Grundausbildung handelte. Dazu hatte es zu viele heiratswillige Frauen im Raum.

Kräuchi hüstelte betreten in seine Thermosflache hinein und zückte das Eherecht. Ob darin auch von der physiologischen Zusammensetzung des Ehegegners die Rede ist? dachte Frau Siegenthaler beim Mustern des häuslichen Messerbestandes. Von etwaigem Ärger sprach Kräuchi natürlich nicht. Er lobte die Ehe als lohnendes Behältnis.

Der Anschnitt wird mit einem Filetiermesser zu tätigen sein, bevor dann für die Knochenarbeit das Brotmesser zum Einsatz kommt, dachte Frau Siegenthaler. Ihr Mann hatte ihr eindeutig zu viel versprochen, als er sie in den Hafen der Ehe gelockt hatte. Und sie war ihm in die Falle gefolgt. Ein hungriges Mäuschen. Die Messer schnitten mässig. Sie kam nur langsam voran. Sie erinnerte sich an einen gemeinsamen Messe-Besuch. Ein flinker Asiate hatte da allerlei Schneidgeräte vorgeführt. Laufend hatte er Fleischstücke in die Luft geworfen und vor ihren staunenden Augen zerfetzt. Aber leider hatte sie ihrem Gatten von der Anschaffung des Messer-Sets Taiwan abgeraten.

Eine Sauerei gab es auch. Vor dem inneren Auge sah sie sich schon monatelang fegen und scheuern. Sich seinem Gatten wirklich einmal anzunehmen, ist Fleissarbeit, dachte Frau Siegenthaler. Unglaublich, was sich da alles für Organe darin befanden, in ihrem Gatten. Die brauchte er doch nicht alle. Er, der er doch eigentlich nur Bier trank und schnarchte.

Abschrecken und einwecken muss man sie, diese Gatten, dachte Frau Siegenthaler, als endlich alles zerlegt war. Sie zog ein altes Kochbuch aus dem Regal und versicherte sich: Abschrecken bedeutet den Gar-Prozess schlagartig zu unterbrechen. Und die Ehe war ein langwieriger Gar-Prozess.

Natürlich ist alles bis hier hin nur ein absonderliches Wunschträumchen der Frau Siegenthaler. Nun ist aber fertig eingeweckt, denn die Siegenthalers werden von ihrem Wecker aufgeweckt. Der Grüsu, so heisst ihr Mann, schiesst aus seinem Schnarch auf und röchelt wie eine ausrangierte Zementpresse. Wie zum Hohn verlagert der Grüsu jetzt seine 222 Kilos in Richtung seiner Gattin und drückt ihr einen zünftigen Guten-Morgen-Schatz-Schmatz auf die Backen.

Erstellt: 31.08.2012, 13:18 Uhr

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