Alles stinkt, nur einer duftet

Ein Roman wie eine Sturzgeburt: In Katja Kettus «Wildauge» lässt sich eine Hebamme mit einem deutschen SS-Offizier ein und gerät in einen Taumel der Brutalität.

Worterfinderin, Trickfilmerin, Punksängerin: Katja Kettu. Foto: Ofer Amir (Galiani)

Worterfinderin, Trickfilmerin, Punksängerin: Katja Kettu. Foto: Ofer Amir (Galiani)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Waffenbrüderschaft mit Nazideutschland im Zweiten Weltkrieg war bis vor kurzem noch ein Tabuthema der finnischen Literatur. Man liess sich nicht gern daran erinnern, dass finnische Soldaten von 1941 bis 1944 an der Seite von Hitlers Wehrmacht gegen die russischen Angreifer kämpften, ganz zu schweigen von den noch dunkleren Seiten dieses Teufelspakts, etwa der Misshandlung der Kriegsgefangenen und «Nazihuren», die sich mit den Besatzern eingelassen hatten. Erst die Enkelgeneration beginnt das Schweigen zu brechen. Allein in den vergangenen drei Jahren erschienen vier Romane junger finnischer Autorinnen, die sich mit dem heiklen Thema befassen. Der erste und spektakulärste war Katja Kettus in 13 Sprachen übersetzter Bestseller «Wildauge».

Scheel- oder Wildauge, wie ihr Geliebter Johann Angelhurst sie nennt, ist eines der verhassten Deutschenflittchen, die «Matratzenwärmerin eines SS-Obersturmbannführers», aber anders als etwa die schöne Lispet, die kokette «Greta Garbo von Lappland», ist die 36-jährige Hebamme «keine Frau, sondern eine Naturgewalt». Verfemt von Kindesbeinen an, ungebildet und hässlich, dabei unbändig stark und furchteinflössend wild, wirft sie sich wie eine brünstige Elchkuh auf ihren «schmucken Beschäler».

Wildauges Lehrmeisterin war eine hexenhafte Hebamme, ihr Ziehvater ein bigotter Frömmler aus der Sekte der Laestadianer, ihr leiblicher Vater ein roter «Verräter», der im Krieg für Deutsche, Russen und Alliierte spionierte. Als «Hebamme von Gottes Gnaden» gibt und nimmt die Aussenseiterin Leben mithilfe alter Geburtszangen, sinistrer Kräuterelixiere, Zaubersprüche und ­roher Gewalt, und ähnlich kompromisslos und kreatürlich geht sie auch bei der Liebe zu Werke.

Die Liebe ist Krieg

Im Norden Lapplands, wo die Deutschen unter Generaloberst Dietl einen zermürbenden Stellungskrieg führen, ist Liebe Krieg: Der Polarkoller macht keinen Unterschied zwischen Freund und Feind, zwischen Mann und Frau, zwischen Mensch und Tier. «Wenn zweihunderttausend Männer losgelassen werden und durch die Gegend rennen», prophezeit im Roman eine Alte, «dann kommt dabei nichts Gutes raus. Da geht das Schlachtvieh genauso flöten wie die Keuschheit der Mädchen.»

Einzig Johann ist für die altjüngferliche ­Furie Wildauge keiner der hochmütigen «Teutonen», die sich so viel auf ihre rassische Überlegenheit einbilden, sondern der erste und einzige Mann ihres Lebens, ein edler Held, der unter seiner Totenkopf-Uniform die empfindsame Seele eines Pilzsuchers verbirgt. Mit ihm will sie durch dick und dünn bis zum bitteren Ende gehen, obwohl sie weiss, dass er kein Unschuldslamm ist: 1941 war Johann am Judenmassaker von Babi Jar beteiligt; jetzt dient er seinem Führer als Kriegsfotograf und Kommandant des Gefangenenlagers Titowka.

Johann versteht sich als Künstler, als distanzierter Beobachter hinter dem ­Objektiv; tatsächlich aber sieht er passiv zu, wie die ihm anvertrauten «Russkis» bestialisch gefoltert und vergewaltigt werden. Der Deutschfinne ist kein kalter Herrenmensch, nur ein schwächlicher, traumatisierter Träumer, der seine Scham- und Schuldgefühle mit natur­reinem Sex mit einer Halbwilden sowie mit Kampfdrogen wie Pervitin und Adolfin betäubt.

Für Wildauge ist er Gottes schönstes Geschenk und härteste Prüfung: Für ihre durch ein Brandmal im Fleisch besiegelte unmögliche Liebe wird das «Fräulein Schwester» zum Todesengel von Titowka. Sie verzeiht Johann das Kind, das er Lispet macht (und kratzt es ihrer Rivalin in tollwütiger Eifersucht aus dem Leib), und fällt auch dann nicht von ihrem Erlöser ab, als er sie fallen lässt und den ausgehungerten Vertrauenshäftlingen vorwirft.

Kettus Sprache ist so rau und unwirtlich wie die Landschaft am Polarmeer, so ruppig und struppig wie die liebestolle Analphabetin. Im Nachwort erzählt die Übersetzerin Angela Plöger, wie ­Kettus eigenwillige Kreuzung aus krudem Realismus und bösem Märchen sie manchmal «an den Rand der Verzweiflung» trieb.

Die 36-jährige Autorin, Trickfilmerin und Punksängerin aus Rovaniemi griff bei ihrem Roman auf Aufzeichnungen ihrer Grossmutter zurück, die sie mit Dialektausdrücken, uralten und selbst erfundenen neuen Wörtern zu einer berauschenden Hexensuppe aus dem magischen Singsang der samischen Schamanen, erdiger Naturlyrik, kantigen Metaphern und halluzinogenen Pilzen mischt (Wildauge nennt ihren Johann «Liebling Schiebling» oder Mein Liebster, mein seidiger Risspilz»).

Eine dreckige, grausame Welt

Wäre das Gebräu literarisch weniger durchgegoren und nicht so glänzend ins Deutsche übersetzt, könnte man es manchmal glatt mit Blut-und-Hoden-Kitsch verwechseln. Kriegsgräuel und Vogelgezwitscher, menschliche Schwäche und unmenschliche Brutalität, Zärtlichkeit und animalische Brunst: Alles ist Natur, von Gott verhängtes Schicksal – und manchmal auch eine Art postfeministische Knut-Hamsun-Literatur.

Bei Kettu werden Russenbengel und Finnenlümmel wie wilde Tiere markiert und besprungen. Nichts in der dreckigen, grausamen Welt dieses Romans ist gynäkologisch steril und zivilisiert: Die Frauen riechen nach Bilsenkraut und Fruchtwasser, die Männer nach Blut, Sperma und Urin. Nur Johann duftet herrlich nach Kienholzrauch, Vogelmilch, Rentierbullen und Gottes verschwitztem Hemd.

«Wildauge» ist starker Tobak, inhaltlich wie sprachlich, ein wilder Strom, der alles mit sich reisst: politische und historische Korrektheit, Moral und aufgeklärte Vernunft, erzählerische Chronologie und Logik. Die Konstruktion mit ihren Sprüngen, Brüchen und Heraus­geberfiktionen ist verwirrend und manchmal auch verworren, das Happy End in dem auf keiner Landkarte verzeichneten Fjord des Toten Mannes bizarr, aber das mindert nicht die archaische Kraft und elementare Wucht dieses ausserordentlichen Romans.

Erstellt: 07.10.2014, 08:21 Uhr

Katja Kettu
«Wildauge»

Roman. Aus dem ­Finnischen von Angela Plöger. Galiani, Berlin 2014. 416 S., ca. 28 Fr.

Artikel zum Thema

Preiszerfall bei Gedichten

Die Lyrik der finnischen Avantgarde lässt sich dank einer neuen Reihe entdecken. Sie reicht von zart bis verrückt und nihilistisch. Mehr...

An der Front der Ehe

Sofi Oksanen ist der Star der finnischen Literatur und längst auch international ein Begriff. Ihr neuer Roman setzt zwei Paare der baltischen Kriegsgeschichte aus – und ist spannend wie ein Thriller. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Blogs

Beruf + Berufung «Mitarbeiter sind nicht einfach Kostenstellen»

Von Kopf bis Fuss Mein Weg auf die Rigi

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Zeigen Flagge: Luftaufnahme der Flaggen-Zeremonie für die Olympischen Jugendspiele, die 2020 in Lausanne stattfinden werden. (19. September 2019)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...