Allianz gegen den schwarzen Hund

Worüber sprachen Winston Churchill und Charlie Chaplin bei ihren Treffen? Michael Köhlmeiers Roman «Zwei Herren am Strand» weiss es: Über ihre Depressionen.

Winston Churchill empfängt Charlie Chaplin in seinem Landhaus im Oktober 1929. (Video: Youtube/Yoursilverfortune)


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Am Anfang war der Tod. «Mein Vater starb, und ich fand in seinem Nachlass den umfangreichen Briefwechsel zwischen ihm und William Knott. Ich las über Churchills Freundschaft mit Charlie Chaplin und dass die beiden eine Allianz geschmiedet hatten gegen ihren gemeinsamen Feind, die Depression.» Der fiktive Briefwechsel zwischen dem Vater des Erzählers und dem Privatsekretär Chur-chills bildet die Rahmenhandlung des neuen Romans von Michael Köhlmeier. Sein melancholischer Grundton lässt beinahe vergessen, dass noch ein weiterer gemeinsamer Feind der beiden Engländer besiegt wurde. «Der grösste Staatsmann und der grösste Schauspieler», wie es bei Michael Köhlmeier heisst, kämpften gegen «The Great Dictator» – «der eine mit Lachen, der andere mit Krieg».

Der Erzähler, ein Gymnasiallehrer für Geschichte und Literatur, wertet den Nachlass sorgfältig aus und schildert die beiden Figuren als Persönlichkeiten, die immer wieder von Depressionen heimgesucht wurden. Sie schlossen einen Pakt: Ist der eine in Schwierigkeiten, lässt der andere auf der Stelle alles stehen und liegen, um ihm beizustehen. Denn der Austausch zwischen Menschen, die dem schwarzen Hund – «black dog» ist eine Wortschöpfung Churchills – schon einmal begegnet sind, kann die gefrierende Seele aufwärmen und den drohenden Freitod verhindern – dies erfuhren die beiden Männer bereits bei ihrem ersten Treffen Anfang der 30er-Jahre am nächtlichen Strand von Santa Monica. Solche Gespräche vermögen den «Gemütszustand finsterer Ausweglosigkeit» zumindest für eine gewisse Zeit zu verscheuchen.

Kleine Theorie der Komik

Selbstverständlich wissen wir nicht, was Charlie Chaplin und Winston Churchill bei ihren wenigen Treffen, die historisch belegt und fotografisch oder filmisch festgehalten wurden, besprochen haben. Das Kunststück des Schriftstellers Köhlmeier («Abendland», «Madalyn», «Die Abenteuer des Joel Spazierer») besteht darin, dass er die Depressionsdispute, die man bei den prominenten Männern für wenig wahrscheinlich hält, plausibel machen kann. Mit ruhiger Hand, die den Effekt nicht übereilig sucht, sondern Stimmungen langsam evoziert, zeichnet er präzise Porträts von zwei Männern, denen nicht anzusehen war, dass sie im Privatleben mehr (Churchill) oder weniger (Chaplin) zu Schwermut neigten. Churchill suchte Trost im Alkohol, Chaplin in der Arbeit. Die Methode des Clowns bestehe darin, «die Depression zu vertreiben oder wenigstens abzumildern».

Solche Sentenzen sind für Michael Köhlmeier Anlass, eine kleine Genese der Komik zu skizzieren, die er Chaplin in den Mund legt: «Ich bin mir immer bewusst gewesen, dass der Tramp mit dem Tode spielt. Er spielt mit ihm, verspottet ihn auch, dreht ihm eine lange Nase, doch in jedem Augenblick des Lebens ist er sich des Todes bewusst.» Und irgendwann folgt das Axiom der Komik: «Nie ist der Mensch so komisch, wie wenn er dem Tod ins Auge blickt.» Gleichsam aus dem Off kommentiert Michael Köhlmeier dann: «Sein Beitrag zur Kunst war der Tramp und nichts anderes.»

An diesen, aber auch anderen Stellen spürt man die beruflich bedingte, fast intime Nähe des österreichischen Autors zu dem Schauspieler und Regisseur Charlie Chaplin (die Darstellung der Staatskunst Winston Churchills erreicht hingegen nicht dieselbe Intensität). Die empathische Auseinandersetzung mit der Komik Chaplins, der auf geschickte Weise ungeschickt sein konnte, und der ihr zugrunde liegenden Melancholie ist nicht zuletzt eine Selbstbefragung des Ich-Erzählers (dessen Vater schon zwecks Ablenkung von seiner Trauer eine Biografie über Churchill verfassen wollte) – und auch des Schriftstellers.

Im Mittelteil des Romans, wo sich die Story um eine Definition von Kreativität rankt, dominiert daher die (stilistisch nicht überragende) Analyse des Tramps. «Ich bin ich, wie Gott mich gemacht hat, der Tramp aber bin ich, wie ich mich gemacht habe, und der Tramp ist besser, und das ist mein Betrug.» Und weiter: «Ich habe einen geschaffen, der besser ist als ich. Darin besteht meine Tugend.»

Am Ende der 250 kurzweiligen Seiten wendet sich der novellistische Roman Churchill zu, der im Unterschied zu Chaplin unter langen Phasen schwerer Depressionen litt, und rundet so das Doppelporträt ab. Als das private Schicksal zunehmend von der Weltgeschichte bestimmt wird, gewinnt der Staatsmann zunehmend an Kontur. Churchill weiss, dass von seinen Entscheidungen die Zukunft Europas, ja der Welt abhängt; er weiss, dass er einen klaren Kopf bewahren muss; und er weiss, dass er dafür alleine sein muss. Darum zieht er sich in seine Gemächer zurück – dorthin, wo ihn die Schwermut, diese Bestie, sprungbereit erwartet.

Die Wahrheit der Literatur

Diese Situation beschreibt Köhlmeier grossartig: Die Szenen leben von der Spannung, die daraus entsteht, dass zwei gegenläufige Motive eine Person in die Enge treiben. Churchill, mit dessen Depressionen sich bereits Rebecca Hunt in ihrem Roman «Mr. Chartwell» (2011) beschäftigt hat, ist dann so allein wie Chaplin, als er nach seiner zweiten Scheidung von der Öffentlichkeit als herzloser Clown geächtet wird.

Nach der Lektüre gehts ans Googeln: Wurde zum 100. Geburtstag Winston Churchills in Aachen tatsächlich ein Kongress durchgeführt? Gibt es das Buch «Chaplins Tugend» aus der Feder eines gewissen Josef Melzer? Und hat das nazistische Hetzblatt «Der Stürmer» Charlie Chaplin tatsächlich als «sinnlich unersättlichen amerikanischen Zappeljuden» bezeichnet? Wie immer die Antworten ausfallen – einmal stimmt es, einmal nicht –, letztlich haben sie keinen Einfluss auf den Eindruck, den dieses bemerkenswerte Buch hinterlässt. Was hier erzählt wird, ist wahr – und «Zwei Herren am Strand» zu Recht nominiert für den Deutschen Buchpreis 2014. Es ist ein klug verschachtelter, intellektuell anregender und vergnüglicher Roman, der historisch Verbürgtes und frei Erfundenes literarisch überzeugend vereint: Beleg für die gelungene Synthese von Dichtung und Wahrheit ist die Wahrscheinlichkeit dessen, was erzählt wird.

Michael Köhlmeier: Zwei Herren am Strand. Roman. Hanser, München 2014. 254 S., ca. 27 Fr.

Michael Köhlmeier tritt am 23. Oktober bei «Zürich liest» im Kaufleuten auf. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.09.2014, 02:23 Uhr

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