«Ich wette, hier gibts ein Zürcher Gymnasium voller Idioten»

Starautorin Zadie Smith über leichtgläubige Leser, Rasse- und Klassenfragen, ihr Leben in Trumps Amerika und was das mit ihrem neuen Roman «Swing Time» zu tun hat.

Die Ichperspektive mache es einfacher, die Emotionen der Leser zu manipulieren, sagt Zadie Smith. Foto: Justin Hollar (Getty)

Die Ichperspektive mache es einfacher, die Emotionen der Leser zu manipulieren, sagt Zadie Smith. Foto: Justin Hollar (Getty)

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Sie leben mit Ihrem Mann und Ihren beiden Kindern in New York. Ist das noch erträglich?
Was soll ich sagen? Sogar Aussenminister Rex Tillerson hat Donald Trump einen Schwachkopf genannt. Wir könnten das den ganzen Tag tun, aber zu schimpfen, ist nur eine Fake-Katharsis, die Energie verschwendet. Wir alle in New York setzen unsere Hoffnungen auf den Sonderermittler Robert Mueller – darauf, dass er etwas findet, das Trump aus dem Amt katapultiert.

Und wenn das nicht geschieht?
Dann bin ich wirklich mit meinem Latein am Ende, dann verzweifeln wir. Aber ich vertraue Mueller; ich muss ihm vertrauen! Und bis dahin gehöre ich, wie alle New Yorker, der «Résistance» an.

Sie sind Britin und wuchsen in London auf – Ihr Mann stammt aus Nordirland: Haben Sie nie daran gedacht, Trumps USA zu verlassen?
New York ist anders: Ich mag diese Stadt und bin froh, hier im Widerstand mitzutun. Wir gehen jedes Wochenende auf Protestmärsche – mit den Kindern. Wir spenden Geld, schreiben Petitionen. Das wenige, das wir tun können, tun wir.

Der Politikwissenschaftler Mark Lilla sagt, die Linke brauche nicht mehr Marschierer, sondern mehr Macher. Mehr Bürgermeister.
(Lacht) Wahrscheinlich hat er recht. Wir demonstrieren trotzdem. Ausserdem äussere ich mich politisch, wenn ich über verschiedene Leben schreibe – ein unpolitisches Leben gibt es nicht. Die interessante Frage ist: Was ist determiniert durch Zeitpunkt und Ort unserer Geburt? Ob du 1982 in einem Dorf in Gambia geboren wurdest oder als Weisse in der Stadt Zürich, bestimmt, wie deine Lebensumstände vermutlich sein werden. Davon handelt auch «Swing Time».

Dort schafft es die Hauptfigur aber aus dem armen Londoner Viertel, in dem Sie selbst gross wurden, an die Universität. Sie wird Assistentin eines Popstars à la Madonna. Und Ihr eigener Lebensweg …
Wenn zwei Zöglinge einer Schule mit 2000 Schülern an eine gute Uni gelangen, die eine wird Schriftstellerin, der andere Rechtsanwalt, dann sollen wir jubeln? Ich wette, gleich hier um die Ecke gibts ein hübsches Zürcher Gymnasium voller Idioten, und jeder einzelne Schüler wird Rechtsanwalt oder Banker. Das ist doch keine Meritokratie! Auch dass ich eine berühmte Romancière bin, ist kein Grund zum Feiern, wenn gleichzeitig Tausende Begabungen nicht erkannt, nicht gefördert, verschwendet werden. Wenn du weiss bist und am richtigen Ort geboren, muss du nicht überaus klug oder talentiert sein, um Erfolg zu haben. Wenn du schwarz bist, schon – und du brauchst zudem noch eine Menge Glück. Es geht nicht darum, dass eine Beyoncé, ein Obama brillieren und es geschafft haben, sondern um die strukturelle Benachteiligung.

«Dass ich berühmt bin, ist kein Grund zum Feiern, wenn gleichzeitig Tausende Begabungen nicht erkannt werden.»

Haben Sie Angst, als Schwarze in den USA auf der Strasse zu sein?
Ich bin kein schwarzer Mann, deren Art von Angst habe ich nicht. Die Lage für schwarze Männer ist allerdings auch in Europa gefährlich: Meine Brüder in England wurden viele Male verhaftet und ich kein einziges Mal! Ich muss mich auch nicht fürchten wie die schwarzen Frauen in den Südstaaten der USA, weil New York anders ist. Hier fühle ich «nur» die Angst, die jede Frau fühlt, die nach 22 Uhr durch die Strassen einer Grossstadt läuft. Und die schlimmsten Ängste von schwarzen Eltern in New York sind nicht Polizeigewalt oder Kriminalität, sondern: Wo werden unsere Kinder zur Schule gehen? Was für eine Bildung bekommen sie? Welche medizinische Versorgung? Das sind existenzielle Fragen. Wir haben grosses Glück, dass in unserer Nähe tolle öffentliche Schulen sind, aber das ist die Ausnahme.

Die zwei Freundinnen im Roman haben je einen schwarzen und einen weissen Elternteil, so wie Sie – und werden auf unterschiedliche Art Opfer der Verhältnisse.
Ja, und ich wollte diese Erfahrung für alle Leser zugänglich machen. Eine der Herausforderungen für weisse Leser ist ja, sich intensiv auf Figuren einzulassen, die nicht wie sie aussehen. Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, mich lesend mit einer Jane Eyre oder einer Anna Karenina zu identifizieren. Aber es ist wirklich schwer, weisse Leser dazu zu bewegen, umgekehrt das Gleiche zu tun. Sie halten immer diese Distanz: «Ich lese jetzt ein Buch über eine Somalierin in …» Es ist schwierig, sie zu zwingen, sich ganz persönlich mit nicht weissen Figuren zu identifizieren. Da kam dann das namenlose Ich ins Spiel, das ich in «Swing Time» erstmals verwende. Diese Icherzählerin ist offen genug, dass jeder sie besetzen kann.

Sollen die Leser sich denn naiv identifizieren?
Durchaus. Mein Lieblingstext, den ich geschrieben habe, ist eine Geschichte mit dem Titel «Die Botschaft von Kambodscha» von 2013. Für mich ist das eine Art philosophischer Essay, den man aber auch schlicht als Story über die junge Fatou in London lesen kann. Das ist mein Ideal: Literatur, bei der sich die Charaktere echt anfühlen und es ist, als ob man ein menschliches Wesen trifft – und gleichzeitig dockt die ganze Welt im Text an, durchziehen ihn Ideen, Rassefragen, Klassenfragen. Und das Ich in «Swing Time» ist eine Strategie für ein solches Schreiben.

Autofiktionales Schreiben liegt im Trend. Wieso?
Was mich am meisten in Bann schlug, als ich Elena Ferrante und Ove Knausgard las, war nicht die Wahrheit der Texte, die gar nicht vorhanden ist – sondern der Realitätseffekt, den ihr Ich produziert. In einer Welt, wo alle ständig online sind und das Gefühl haben, sich in direktem Kontakt mit anderen zu befinden, ist es schwer, etwas zu verkaufen mit den Sätzen «Es war einmal …» Heute will mans genau wissen: Wer, wo? Und wieso sollte ich an die Existenz der Person glauben? Schreibe ich hingegen: «Letztes Jahr lebte ich in Köln», hat das eine starke Realitätsanmutung. Als ich mein neues Buch veröffentlichte, wo ja die Mutter der Heldin stirbt, meldeten sich etliche bei mir, um mir zum Tod meiner Mutter zu kondolieren. Die Leichtgläubigkeit, zu der das Ich verleitet, ist für einen Autor extrem nützlich: Man kann die Emotionen der Leser sehr direkt manipulieren. Aber wer richtig gut ist, kreiert diese lebendigen imaginären Orte auch in der dritten Person.

An wen denken Sie?
Etwa an Jenny Egan. Ich kann es kaum erwarten, mich in ihr neues Buch zu versenken. Wenn du das liest, erinnerst du dich wieder an das Wie und das Weshalb von Fiktion. Als Schriftsteller kann man sich ja die Leben erschreiben, die man nicht hatte, auch wenn der Sprung ins Fremde nicht immer leichtfällt. Und man kann es sich erlesen. Für mich hat der Autor James Baldwin, der sich seinerseits den Zugang zur weissen Tradition, die Aneignung von Bachs Musik beispielsweise, hart erkämpfen musste, den Weg in die Diasporagemeinde geebnet. Und Teju Cole. Teju ist für mich wie ein Bruder, Chimamanda Ngozi Adichie wie eine Schwester, trotz der grossen Unterschiede in der Herkunft. Ich bin unglaublich stolz, dieses Aufblühen der afrikanischen Literatur miterleben zu können. Teju Cole schreibt so subtil, so komplex und spezifisch, er eröffnet dem Leser Neues. Ich schreibe anders.

Inwiefern anders?
Ich setze bei dem an, was jeder kennt, beim allerdümmsten Bauchgefühl. Zum Beispiel: «Schwarze? Die haben doch das Tanzen im Blut.» Ich untersuche, was mit solchen Klischees in der Realität passiert, und dekonstruiere sie. So lasse ich die Mädchen in «Swing Time» einen Tanzkurs besuchen, was den Rest ihres Lebens auf die eine oder andere Weise prägt. Zugleich konnte ich mir damit das Geschenk einer Kindheit machen, in der die grandiosen Filmpassagen mit Fred Astaire und Jeni LeGon geschaut werden – von denen ich als Kind gern gewusst hätte. Astaire ist ein Symbol für Eleganz, Rhythmus, Perfektion – und Tap-Dancing ist von Anfang an eine schwarz-weisse Kunst – anders als etwa Jazz. Im Tap-Dance ist niemand «unauthentisch»: Ist das nicht wunderbar?

Wie wichtig ist Authentizität?
Schreiben ist der grosse Freiraum des Möglichen. Aber es kann hohl klingen, wenn man über Dinge schreibt, die gar nichts mit der eigenen Erfahrung zu tun haben. Ein ähnliches Phänomen sieht man häufig bei der Debatte ums Kinderhaben, wenn Kinderlose sich äussern.

Die Kinderfrage irritiert Sie?
Die Diskussion darüber ist nicht, pardon, fruchtbar. Puuh, wenn ich an meine eigenen Argumente als Kinderlose denke: Wie peinlich banal die waren! Auch die Phrase, dass Kinder beim Flug den Sitz des Vordermanns kicken, will ich nie mehr lesen. Was auf gar keinen Fall heissen soll, dass es Kinder für ein erfülltes Leben braucht. Das zeigt schon ein Blick auf Virginia Woolfs grosse Literatur und ihre Briefe, wo sie mit dem Thema irgendwann einfach abschliesst. Das hätte bei mir genauso gehen können, und es wäre in Ordnung gewesen. Aber es ergab sich anders. Dafür lebe ich jetzt mit dem typischen Elternkonflikt: Ich freute mich so auf die Lesereise und auch darauf, endlich einmal von den Kindern wegzukommen. Aber schon nach ein paar Stunden hab ich sie ganz furchtbar vermisst. Weder Einstellungen noch Gefühle sind statisch; das ist okay. Ein Beispiel im Kleinen: Ja­maikaner hassen Hunde. Aber seit ich Mitte 20 auf den Hund kam, gibts kein Zurück für mich. Ich liebe meinen Mops und beschäftige mich oft mit Hunden.

Die Erzählerin in «Swing Time» ist mit Verve kinderlos, ihre Freundin aus Kinderzeiten dagegen mehrfache Mutter.
Eben. Die Figuren machen einen Fächer der Möglichkeiten auf. Mein Lieblingscharakter in «Swing Time» ist allerdings ein Zufallsfund. Die Grundschule meiner Kinder ist notorisch klamm wie alle öffentlichen Schulen in den USA. Um sie zu unterstützen, bot ich an, in meinem nächsten Roman jenen Namen einzubauen, den sich jemand beim Schulfest ersteigert. So hatte ich plötzlich einen Fernando Carrapichano auf dem Tisch und musste etwas damit anstellen. Vielleicht ist er gerade deshalb dieser ungebrochen liebenswürdige Kerl geworden, weil er gar nicht geplant war.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.10.2017, 20:06 Uhr

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Nur ein Satz von ihr in dieser Wahnsinnsstimme, und man erinnert sich sofort: Zadie Smith gab einst Jazzauftritte und träumte als Kind von einer Musicalkarriere wie die Heldin ihres neuen Romans «Swing Time», den sie jüngst in Zürich vorstellte. Aber Smith, die 1975 geborene Tochter einer farbigen Jamaikanerin und eines weissen Briten, ackerte sich von einer Gesamtschule im Nordwesten Londons an die Universität Cambridge, wo sie englische Literatur studierte, und schrieb noch während des Studiums ihren vielfach ausgezeichneten Debütroman «White Teeth» («Zähne zeigen»). «Swing Time» ist Smiths fünfter Roman: eine grossartig komponierte, autobiografisch grundierte Geschichte zweier schwarzer Mädchen in London – Freundinnen, deren Wege sich verschlingen, trennen, konterkarieren. (ked)

Zadie Smith: Swing Time. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, 640 S., ca. 36 Fr .

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