«Als wir noch lebten...»

William T. Vollmann recherchiert und erfindet. Zum Beispiel eine Zukunft, in der sich die Menschheit um ihre eigene Existenz gebracht hat.

Am liebsten würde William T. Vollmann wohl ein Lexikon schreiben, so viele Glossare gibt es in seinen Büchern. Foto: Philippe Merle (AFP)

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Kurz draussen gewesen? William T. Vollmann hat derweil wahrscheinlich ein neues Buch zu schreiben begonnen. Das ist jedenfalls anzunehmen bei diesem Schriftsteller, den die Unterschiede von Belletristik und Sachbuch wenig kümmern und der ungern etwas unter 1000 Seiten abgibt. Vollmann hat eine siebenbändige Studie über die Moral der Gewalt geschrieben, die gibts für 100 Franken im Schuber. Wird dies sein Hauptwerk sein? «Seven Dreams», seine literarische Bewältigung der Kolonisierung Nordamerikas, hat auch sieben Teile. Der Band zu «Pocahontas» ist grösstenteils in elisabethanischem Englisch geschrieben. Vermutlich haben sich den mehrere Lektoren aufteilen müssen.

Im Vorwort von «Carbon Ideologies», seiner neu erschienenen zweibändigen Recherche zum Klimawandel, schickt er auch gleich voraus, sein Verlag habe die 500 zusätzlichen Seiten mit Fussnoten und Berechnungen leider nicht auch noch drucken wollen (man findet sie nun im Internet). Am liebsten würde William T. Vollmann wohl ein Lexikon schreiben, so viele Glossare gibts in seinen Büchern.

In «Carbon Ideologies» versucht Vollmann, selber schlau zu werden aus den aufgeladenen Diskussionen über die Erderwärmung. Er will beides verbinden, die konkreten Zahlen und die Makro-Entwicklungen, weshalb er dem ersten Band eine Einführung zum Energieverbrauch voranstellt, in der sich die Vergleichstabellen über mehrere Seiten erstrecken. Als Schriftsteller sei das ja eigentlich nicht seine Aufgabe, schreibt er zur Erklärung, aber bei diesem Thema habe er ein paar Schritte zurück machen müssen, bis aus Bäumen wieder Wald geworden sei.

Am Nordpol fast erfroren

Irgendwann geht er dann aber auch auf Reportage, weil das immer sein Ziel ist: Primärerfahrung machen, vor Ort, unter Leuten. Die Destination heisst zuerst einmal Fukushima, wo er mit einem bananengelben Dosimeter die Strahlendosis von Gebüschen und Katzen abscannt; die Ergebnisse hat er mit gnadenloser Akribie notiert. Aber auch das gehört dazu, wenn man Neues erlebt, so wie die Menschen, die Vollmann trifft und die er mit grossem Herz und unvoreingenommen beschreibt. Solange wir uns daran erinnern, dass wir nichts wissen, sagte Vollmann einmal, können wir etwas über die Welt lernen.

Wer hat heute noch diese gefrässige Neugier, wer glaubt noch, er wisse nichts? Bei William T. Vollmann, 1959 in Los Angeles geboren, wird aus Erfahrung Literatur, weil sie stets Wissensdrang und Erzähllust ist. Details werden lebendig, denn er stürzt sich hinein in die Dinge, die er beschreibt. Für seine Reportagen hat Vollmann mit den Muja­hedin in Afghanistan gegen die Sowjets gekämpft, er ist am Nordpol beinahe erfroren, hat Prostituierte interviewt, während er so tat, als würde er masturbieren (andernfalls hätten sie ihn für einen Widerling gehalten). Er geht an die Quelle, ob er über die Fischer im Umland von Fukushima schreibt oder über die Ankunft der Wikinger in der Arktis. Davon handelt sein Roman «The Ice Shirt», für den er die Gegend bereist hat, um an der zeitlosen Landschaft die Mythologie abzulesen und darauf beides zu vermischen. Als Reisereportage der Fantasie.

Essays über Besitzlose

Es ist eine Literatur von unverschämter Ambition. Eine Zumutung in Zeiten, in denen Balken auf dem Handy angeben, wie lange es dauert, bis man einen Text durchhat. Die Lektüre kann anstrengend werden, aber das war sie ja auch bei Hunter S. Thompson (mit ihm teilt sich Vollmann die journalistische Subjektivität) und bei David Foster Wallace (mit ihm teilt er sich das Talent für sprachliche Effekte und den Fussnoten-Fetisch). Kommt hinzu, dass auf Deutsch nicht so viel erhältlich ist. «Europe Central», sein bekanntester Roman, eine wilde Spekulation um den Zweiten Weltkrieg, geehrt mit dem National Book Award, konnte bei uns erst nach mehreren Übersetzungsanläufen erscheinen.

Umso schöner, ist mit «Arme Leute» gerade eine Einführung ins vollmannsche Denken herausgekommen. Reportagen von armen Menschen vom Jemen bis Thailand, mit Würde und Eleganz geschrieben (und übersetzt). Es wäre kein Vollmann, wenn die Dimensionen der Armut, wie sie die UNO definiert, nicht auch abgedruckt wären. Aber hier gehts zuallererst um die menschliche Dimension eines Lebens in Not. Darum, dass arme Menschen älter wirken, als sie sind; dass sie, wenn Vollmann sie fragt – gegen Bezahlung! –, warum sie arm sind, antworten: Schicksal, Sünde, Gottes Strafe. Oder sie sagen: Ich, arm? Schau dir mal die Leute dort drüben an, die sind arm.

In den Essays porträtiert Vollmann besitzlose Menschen, ohne Verurteilung, aber auch ohne Einfühlungskitsch.

In den Essays porträtiert Vollmann besitzlose Menschen, ohne Verurteilung, aber auch ohne Einfühlungskitsch. Er fragt sich: Wieso habe ich Angst, abzusteigen? Weil er die Lage, in der sich diese Menschen befinden, für minderwertig hält, aber nie die Menschen selbst.

Die Einsicht in die eigenen Privilegien prägt auch die zwei Bände zum Klimawandel: «Carbon Ideologies» ist ein Brief an die Zukunft, in der sich die Menschheit um ihre eigene Existenz gebracht, sich sozusagen verbraucht hat. «Als wir noch lebten...», so beginnt immer wieder ein Satz, denn auch hier fantasiert Vollmann zwischen den Fakten und fragt, wie sich die Zukunft uns einmal ausmalen wird.

Zu unserer Zeit, schreibt er, sei es üblich gewesen, nach dem Aufwachen die Hand auszustrecken und den Lichtschalter zu betätigen. Für die, die nach unserem Untergang so etwas lesen, müsse das so unglaublich klingen, als hätten wir jeden Tag die Engel gerufen.

William T. Vollmann: Arme Leute. Reportagen. Aus dem Englischen von Robin Detje. Suhrkamp, Berlin 2018. 448 S., ca. 32 Fr. Carbon Ideologies: Englisch bei Viking. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.07.2018, 22:09 Uhr

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