«Am Ende der Revolte soll unsere Gesellschaft abgeschafft sein»

Wie gefährlich ist die AfD? Wie sehr braucht die Partei die Schweiz? Christian Fuchs muss es wissen. Er hat jahrelang zum Thema recherchiert.

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Wenn man wie Sie lange und intensiv in rechten und rechtsextremen Kreisen recherchiert – merkt man das dann auch privat?
Definitiv. Ich recherchiere oft zu heiklen Themen: Geheimdienste, Islamismus, Lobbyismus. Aber was wir derzeit als Reaktionen aus dem Milieu der Neuen Rechten erleben, ist eine andere Dimension. Es gibt Morddrohungen, Aktivisten haben in meinem privaten Umfeld versucht, persönliche Dinge über mich herauszufinden. Strategen der Szene versuchen, das Buch und die begleitende Website neuerechte.org mit bisher bereits über einem Dutzend Klagen zu stoppen. Ich habe aufgehört, zu zählen. Auch wenn wir bisher immer gewonnen haben, kostet das ständige Prozessieren natürlich viel Geld und Zeit.

Und im Internet?
Im Netz hat die Trollarmee der Neuen Rechten mit bis zu 8000 Usern bereits mehrmals versucht, mich mit orchestrierten Shitstorms mundtot zu machen. Das ist eine Taktik, die wir auch aus internen Strategiepapieren der Strömung kennen, die die Aktivisten gezielt gegen kritische Journalisten, linke Politiker oder Feministinnen einsetzen. Ich bin gerade eines ihrer Ziele.

Sind das Drohungen rechts der AfD? Oder kommen sie auch aus deren Mitte, von Parteimitgliedern?
Die Diffamierungen und Beschimpfungen kommen sowohl von jungen Sympathisanten der rechtsextremen Identitäten Bewegung als auch auch aus dem AfD-Umfeld. Ein AfD-Mitglied wünschte mir zum Beispiel, dass die mutmassliche rechtsextreme Terrorzelle «Revolution Chemnitz» – die vergangenes Jahr aufgeflogen war – mich hätte «abknallen» sollen. Ein Publizist der Szene hat uns zum Beispiel gerade öffentlich auf eine Stufe mit Kinderschändern gestellt. Es gibt mittlerweile über 20 Hassartikel auf den neurechten Portalen wie Philosophia Perennis, Deutschland-Kurier oder Journalistenwatch gegen uns persönlich und das Buch.

Gefährdet die AfD die deutsche Demokratie?
Die Strategen der Neuen Rechten und mit ihnen auch einige verbündete AfD-Politiker arbeiten gerade massiv daran, den Diskurs zu zerstören. Sie wollen keine Debatte, sie wollen «das Ende der Party», wie der Verleger Götz Kubitschek es einmal nannte. Der Ton wird rauer, die Gesellschaft polarisiert und entsolidarisiert sich. Wenn die Strategie aufgeht, soll am Ende der Revolte von rechts unsere offene, plurale und liberale Gesellschaft abgeschafft sein und ein autoritärer Staat errichtet werden.

Wie soll das gehen?
Um das zu erreichen, versucht die Neue Rechte im ersten Schritt die «kulturelle Hegemonie» zu übernehmen. Dafür hat sie bereits über 150 Denkfabriken, Stiftungen, Medien oder Verlage aufgebaut – bis hin zu einer eigenen Frauenbewegung, einer Gewerkschaft, einem Hipstermagazin und sogar einem eigenen Craftbier. Informationen und ein neurechtes Lebensgefühl sollen durch ein ganzes Kapillarsystem in die Mehrheitsgesellschaft sickern. Es entsteht gerade eine patriotische Parallelgesellschaft.

Die AfD möchte mehr direkte Demokratie. Das wäre an sich doch eine tolle Sache, nicht?
Unser Land kann sicher mehr direkte demokratische Mitwirkung vertragen. Ich weiss nur nicht genau, ob es eine gute Idee ist, auch komplexe Entscheidungen auf einfache populistische Ja-Nein-Fragen zu reduzieren. Sie haben damit in der Schweiz in den vergangenen Jahrzehnten auch eher durchwachsene Erfahrungen gemacht, oder?

Welche Fehler der etablierten Parteien haben den Aufstieg der AfD ermöglicht?
Ich glaube, es gibt ein grosses Frust- und Wutpotenzial in einigen Teilen der deutschen Gesellschaft. Ich kann die Verzweiflung verstehen, die entstanden ist nach der Einführung der Hartz-IV-Gesetze oder der Nichtachtung der Lebensleistung von Millionen Ostdeutschen nach der Wiedervereinigung. Ausserdem kommen einige Menschen, vor allem die weniger mobilen und Bürger, die im ländlichen Raum leben, nicht mehr mit der Geschwindigkeit der Veränderungen mit – sie leiden unter Modernisierungsschmerzen. Bei einer gar nicht so kleinen Gruppe ist das Gefühl des kulturellen Abgehängtseins entstanden. Dieses Potenzial von bis zu 30 Prozent Wählerstimmen haben Rechtspopulisten gut zu nutzen gewusst. Sie versprechen den Menschen einfache Antworten und eine romantisierte Form von Deutschland, die es so nie gab. Die etablierten Parteien haben sich in den vergangenen fünf Jahren viel zu sehr die Agenda von der AfD und den Neuen Rechten diktieren lassen.

Was meinen Sie damit?
Man hatte das Gefühl, es gibt nur ein Thema: Geflüchtete und Migration. Immer wenn das thematisiert wird, stärkt das die AfD – es ist ihr einziges Thema. Dabei hätten die anderen Parteien positive Visionen entwickeln müssen und Antworten auf wirklich wichtige Zukunftsfragen wie demografischer Wandel, Pflegenotstand, Klimawandel oder Digitalisierung.

Wie wichtig ist die Schweiz für die AfD?
Aus der Schweiz kommen wichtige Inspirationen für die AfD und Geld für Wahlkämpfe. So stammt ein Grundlagenwerk neurechter Theorie, «Konservative Revolution» aus den 1950er-Jahren, vom Schweizer Publizisten Armin Mohler. Den US-Strategen der Alt-Right-Bewegung und ehemaligen Wahlkampfchef von Donald Trump, Steve Bannon – der gerade versucht, die Neurechten in ganz Europa zu vereinigen –, hat die AfD-Chefin Alice Weidel, die auch in der Schweiz lebt, das erste Mal bei einer Veranstaltung der «Weltwoche» in Zürich getroffen. Weidel hat 150’000 Euro über eine Zürcher Pharmafirma als Wahlkampfunterstützung erhalten. Die gesamte AfD hat in den vergangenen Jahren im Wert einer zweistelligen Millionensumme Wahlkampfunterstützung eines Vereins erhalten, der mutmasslich über die Goal AG aus Andelfingen gesteuert wird. Woher die Millionen Euro kommen, soll also über den Umweg Schweiz verschleiert werden.

Alexander Segert, der bereits für die SVP Werbung gemacht hat, kommt in Ihrem Buch prominent vor. Wenn Sie die AfD und die SVP vergleichen: Was sind die grössten Gemeinsamkeiten, wo liegen die grössten Differenzen?
Es eint sie sicherlich die Vorliebe für einfache Antworten auf komplexe Fragen. Sie versprechen ihren Wählern: Alles bleibt, wie es ist, wenn ihr uns wählt. Ihr müsst euch nicht verändern, es ist okay, wie ihr seid. Aber die Welt verändert sich täglich, so ein Versprechen ist nicht ehrlich, es ist populistisch. Die AfD hat sich in den vergangenen Jahren in einem rasanten Tempo radikalisiert; aus einer Anti-Euro-Partei ist eine in weiten Teilen völkische und neurechte Partei geworden. Das unterscheidet sie von der, im Vergleich, eher moderater auftretenden SVP.

In der Schweiz gibt gerade der Fall eines Neonazis zu reden, der einen ganzen Fussballclub in Geiselhaft genommen hat. Wie wichtig ist Sport als Vehikel für Rechtsextreme?
Sport ist ein wichtiges Angebot, um neue Anhänger zu gewinnen. Fussball ist ja erst mal unpolitisch. Die Identitären bieten beispielsweise Kampftrainings in ihrem Haus in Halle/Saale an. Aber ich sehe die Mobilisierung durch Sport eher bei den «alten Rechten», Neonazis aus dem Umfeld der NPD und Kameradschaftsszene. Hier ziehen Kampfsportevents wie der «Kampf der Nibelungen» Tausende Zuschauer an, so wie früher nur Rechtsrockkonzerte.

Ihre Recherchen zeigen Beziehungen zu Russland, Beziehungen zur amerikanischen Rechten um Bannon. Sind das nur lose Fäden? Oder existiert eine starke rechte Internationale, die eine gemeinsame Agenda vorantreibt?
Wir zeigen in einem ganzen Kapitel, wie sich die «Reaktionäre Internationale» aufstellt. Die neurechten Bewegungen in Europa und Amerika tauschen nicht nur Strategien und Theorien aus – wie der Bezug des Attentäters von Christchurch auf die Theorie «Der grosse Austausch» zeigt, eine Verschwörungstheorie der Identitären aus Deutschland, Österreich und Frankreich. Nein, wir zeigen auch, wie die Alt-Right-Bewegung Geld in neurechte Kampagnen gesteckt hat und Hetzseiten wie Journalistenwatch mitfinanziert. Die russische Innenpolitik unterstützt die AfD zum Beispiel durch inoffizielle Wahlbeobachtungen in ehemaligen Sowjetrepubliken, die international nicht anerkannt sind – aber die AfD wertet diese Wahlen auf.

Laufen Sie nicht Gefahr, den beinharten Konservativen – Typ Franz Josef Strauss – mit dem sanft auftretenden Nazi zu verwechseln? Und damit Leute, die die Demokratie bejahen, mit solchen, die den Faschismus wollen?
Nein, das tun wir auf keinen Fall. In unserem Buch «Das Netzwerk der Neuen Rechten» dekonstruieren wir ja gerade das Selbstbild von Rechtsaussenpolitikern wie Björn Höcke oder Alexander Gauland sowie neurechten Verlegern wie Kubitschek, das sie von sich als «patriotische Konservative» zeichnen wollen. Sie stellen sich selbst in diese Tradition des Bewahrers der guten alten Zeit, aber ihre Reden und Texte sind durchzogen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, von Rassismus und Ablehnung der Demokratie.

Es gibt Linke, die sagen: Mit AfDlern soll man gar nicht reden, das seien Steigbügelhalter der Nazis. Was ist da Ihre Sicht?
Als Journalist finde ich das eine schwierige Haltung. Meine Aufgabe ist es, Entwicklungen in der Gesellschaft zu beschreiben. Dafür muss ich mit allen Seiten sprechen, um mir ein so objektiv wie mögliches Bild von einer Sache machen zu können. Ich sage immer: Wenn ich nicht mit mindestens 50 Personen aus allen Lagern gesprochen habe, kann ich mir nicht anmassen, über eine Sache zu urteilen und darüber zu schreiben. Und als Bürger finde ich es wichtig, dass wir unsere demokratischen Werte nicht opfern, auch wenn die Feinde der Demokratie nicht immer fair spielen. Wir dürfen uns niemals auf das Niveau von Extremisten herablassen. Das bedeutet auch, dass wir in einer offenen Gesellschaft miteinander reden sollten anstatt nur übereinander. Es geht um den Austausch von Argumenten, das bessere gewinnt.

Und das funktioniert?
Sicher bringt es nichts, zu versuchen, einen überzeugten Ideologen überzeugen zu wollen. Aber viele Anhänger sind wankelmütig, man sollte sie nicht mit Verschwörungstheorien allein lassen, sondern Vorgänge erklären und für die Demokratie werben. Ich finde es besser, auf Hass nicht mit Hass zu reagieren, sondern ich versuche es mit Liebe. Jedem Hetzer, der mich mit dem Tod bedroht oder mich wüst beschimpft, schreibe ich freundlich zurück. Ich will ihnen zeigen, dass auf der anderen Seite ein Mensch sitzt. Vielleicht bin ich naiv, aber ich bin überzeugt: Menschen sollten lieber miteinander reden, als sich gegenseitig umzubringen.

Sie haben sich auch stark mit den Vordenkern der Neuen Rechten beschäftigt. Gibt es da Leute, deren Intelligenz oder Bildung Sie irritiert hat?
Auf unserer Deutschlandkarte unter www.neuerechte.org kann man sehen, wo sich die Vordenker und Denkfabriken etabliert haben. Wir zählen mittlerweile über 150 Organisationen zum Netzwerk der Neuen Rechten. Interessant ist, dass immer wieder die gleichen Strategen hinter den Projekten stecken, nicht mehr als 100 Personen in ganz Deutschland. Die Neue Rechte ist zum grossen Teil auch ein Scheinriese. Unter den Strategen gibt es einige sehr gebildete und hoch intelligente Menschen, die theoretisch geschult sind und auch marxistische Theoretiker wie Marx und Gramsci durchdrungen haben. Benedikt Kaiser, Lektor im Anatios-Verlag, ist so jemand. Oder Philip Stein von der neurechten PR-Agentur Ein Prozent, der gut verstanden hat, wie man durch intelligentes Marketing und sehr professionelle Medienarbeit einen Scheinriesen aufbaut.

Welche ungelösten Recherchefragen treiben Sie um?
Natürlich würden wir gern wissen, wer die Hintermänner oder -frauen hinter den Strohmannspenden aus der Schweiz sind? Sind es Schweizer Millionäre oder alles reiche Deutsche, die nur einen Umweg der Spenden gesucht haben, um die Strömung anonym und ohne das Risiko eines Reputationsverlusts zu unterstützen? Ausserdem finde ich es spannend, zu beobachten, wie die europäischen Rechtspopulisten sich in der neuen gemeinsamen Fraktion im EU-Parlament verstehen werden. Sie sind alle gegen den Islam und wollen weniger Geflüchtete in Europa. Aber wie sie das genau bewerkstelligen wollen, da gibt es grosse Meinungsunterschiede zwischen den Neuen Rechten in ganz Europa. Ganz zu schweigen von vielen anderen Themen.

Was bewirkt Ihre Recherche nun im Idealfall?
Wir wollen im klassischen Sinne aufklären und Zusammenhänge zeigen. Wir finden, Transparenz zu schaffen über Netzwerke im Schatten sowie deren eigentliche Strategien und Ziele, ist eine wichtige Aufgabe in der Demokratie. Nur so kann der Bürger frei entscheiden, ob er bestimmte Strömungen unterstützen will oder nicht. Wenn wir mit dem Verständnis über diese Strukturen alle weniger hysterisch auf gezielte Tabubrüche der Neuen Rechten reagieren und sie damit nicht noch mächtiger werden lassen, dann sind wir schon einen grossen Schritt weiter.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Lesungen mit Christian Fuchs

Zürich, 14.5., 20 Uhr, Helsinkiclub
St. Gallen, 15.5., 20.15 Uhr, Palace
Bern, 16.5., 20 Uhr, Progr

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.05.2019, 20:23 Uhr

Der Boss, der Vordenker und der Scharfmacher: Alexander Gauland, Götz Kubitschek, Björn Höcke (von links).

Christian Fuchs (*1979) ist Reporter der «Zeit». Fuchs recherchiert seit einem Jahrzehnt zu Rechtsextremismus. (Bild: Stephan Pramme )

Christian Fuchs und Paul Middelhoff: Das Netzwerk der neuen Rechten. Hamburg 2019, Rowohl Verlag. Ca. 27 Franken, 288 Seiten.

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