Amerika löst sich auf

«The Unwinding» von George Packer ist der Sachbuchhit dieses Sommers in Amerika: Eine aufwühlende Collage des Irrsinns der amerikanischen Gegenwart.

George Packer zeigt in seinem Buch, was die Gegenwart im Leben von Menschen anrichtet: Ein Arbeitsloser bittet in Miami um Unterstützung für seine Familie.

George Packer zeigt in seinem Buch, was die Gegenwart im Leben von Menschen anrichtet: Ein Arbeitsloser bittet in Miami um Unterstützung für seine Familie. Bild: J Pat Carter/Keystone

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Wir befinden uns im Jahr 2007 in North Carolina. Da, wo der Tabak wächst. Wir sitzen in einem Auto. Mit Matt Orr (25), soeben aus dem Irakkrieg heimgekehrt, und mit Matts Vater. Der holt seinen Soldatensohn vom Flughafen ab. Und wie Matt und Dad so durch die Landschaft fahren – die Orte tragen freundliche Namen wie Welcome, Advance und Eden – freut sich der junge Mann über die Hügel, die Bäume, das Gras. Im Vergleich zu Wüstengelb, Tarnfarbenbeige und Menschenblutrot kommt ihm das grüne Amerika vor wie die schönste Ecke in Gottes Showroom.

Das Militär habe ihn stark gemacht, findet Matt und will sofort loslegen mit seinem zivilen Leben. Er findet einen Job in einer Fabrik für Kupferrohre. Als er feststellt, dass man ihm für die schwere Arbeit weniger bezahlt als Schüleraushilfen 1980 bekamen, zwei Jahre vor seiner Geburt, sucht er sich etwas anderes. Er landet bei der Einzelhandelskette Kmart, als Kaufhausdetektiv. Eines Tages muss er dort einen Mann festhalten, der ein Zelt stehlen wollte, weil er keine Bleibe mehr hat. An jenem Tag fällt Matt erneut auf, dass er selbst zu wenig verdient. Und dass einer wie er, egal, wie fleissig, pünktlich, fit er ist, nie mehr als 8.50 Dollar pro Stunde verdienen wird – viel zu wenig, um eine Familie zu gründen, auf ein Auto zu sparen, all die Dinge zu tun, die ein amerikanischer Mann eigentlich tun muss.

Die Globalisierung kehrt heim

«Jeder sollte einfach Softwareexperte oder Finanzmanager werden», schreibt George Packer in seinem Buch «The Unwinding. An Inner History of the New America», das dieser Tage in den USA weit oben in den Bestsellerlisten steht und so leidenschaftlich diskutiert wird, wie es geschrieben ist. «Die Eliten nahmen es als gegeben hin, dass es keine Jobs zwischen 8 Dollar und einem sechsstelligen Jahresgehalt mehr gab. Sie hatten keine Antworten mehr auf die Probleme der Mittelschicht.»

«Unwinding» bedeutet so viel wie «Abwicklung» oder «Auflösung». Und wer ein kleines bisschen besser verstehen will, was gerade los ist, drüben, im Grosser-Bruder-Staat, der überall Feinde wittert, obwohl er in sich selbst zutiefst zerstritten, sozusagen kurz vorm Ausrasten ist, der sollte dieses Buch lesen. Es ist vermutlich das amerikanischste Buch, das seit mindestens fünfzig Jahren geschrieben wurde – und hat doch auch sehr viel mit Europa zu tun, mit der grotesken Jugendarbeitslosigkeit im Süden und mit den um Leiharbeit bereinigten Arbeitsmarktstatistiken im Norden.«The Unwinding» holt die Globalisierung zurück nach Hause – zurück in den Schoss des freien Marktes und seiner Krise. Es zeigt, was die Gegenwart im Leben von Menschen anrichtet. Es erzählt also nichts Neues. Aber wie es erzählt ist, ist bemerkenswert. Es ist eines der Bücher, die in zweihundert Jahren helfen werden, zu verstehen, wie das Leben jetzt gerade aussieht.

Keine «Mass Production» mehr

Von dröhnender Thesendrescherei bleibt man bei Packer, der sonst für den «New Yorker» schreibt, weitgehend verschont. Genau das ist vielleicht das Alleramerikanischste an seinem Buch: Er ist stinkwütend, besonders auf die von ihm identifizierten «Eliten». Aber statt sich selbst zum Experten aufzublasen, erzählt Packer Geschichten. Von real existierenden Menschen. Storys, die sich mehr oder weniger tatsächlich so zugetragen haben beziehungsweise: die ihm eben so erzählt wurden.

Jeder, der schon mal in Amerika war und sich etwas näher rangetraut hat als die Touristen-Schutz-Programme «X-Mas-Shopping in New York» oder «Disney in Florida» erlauben, kennt das: Wie schnell Amerikaner ins Erzählen kommen, spontan, quer über den Kneipentisch. Je schäbiger die Umgebung, desto toller meist die Geschichten. Man verhandelt etwa in einem muffigen Autovermietungsbüro, ob man das Navi umsonst dazu bekommt, und prompt erzählt der Automensch, der natürlich Bill heisst: «Ich habe übrigens fünf Kinder in sieben Bundesstaaten. Nein – wait a minute. Es sind sieben Kinder in fünf Staaten.» Vielleicht hat er überhaupt keine Kinder, nicht mal ein Haustier. Aber darauf kommt es nicht an! Wer das nicht versteht, dieses narrative Element in der US-Gesellschaft, der versteht das ganze Amerika nicht.

«The Unwinding» ist voll von solchen Bills. Da ist etwa der Kleinunternehmer Dean Price. Etliche Tankstellen hat er besessen, bis er pleiteging, auch weil monopolartig aufgestellte Billigketten alles plattmachen, was «freies» Unternehmertum im wörtlichen Sinne ist. Aber Dean ist eben Amerikaner, und so hat er gleich eine neue Vision im Kopf: das gebrauchte Frittieröl aus Bratereien einsammeln und Biodiesel daraus machen! «Warum nicht eine Tauschwirtschaft einführen?», denkt Dean, keine «Mass Production» mehr, sondern «Production of the Masses».

Kultur statt Politik

Interessanterweise werden solche Überlegungen dieser Tage auch von den Avantgarden der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften angestellt. Dean ist also ganz vorne dabei. Gleichzeitig glaubt er an das Recht auf Selbstverteidigung mit Waffengewalt und kann den Erfolgsratgeber «Denke nach und werde reich» von 1937 auswendig. «Im Grunde will ich nur Farmer sein und meine Ruhe haben», sagt er. Und genau darum geht es doch, wenn das vielfach vergewaltigte Wort «Freiheit» im Spiel ist.

Auch von Prominenten erzählt Packer, von Oprah Winfrey, Colin Powell, dem Superausverkaufs-Rapper Jay-Z und Paypal-Gründer Peter Thiel. Die Storys der Reichen und Schönen verschränkt Packer mit der Geschichte der Occupy-Aktivistin Nelini oder mit den Plots von «Sekretärinnen, die vielleicht 35 000 im Jahr verdienen und mit fünf Anlageobjekten zugleich jonglieren» und in der «Housing Bubble» alles verlieren. Heraus kommt eine Collage des Gegenwartsirrsinns. Ein O-Ton-Protokoll aus einem Land, dessen Schnellstrassen «gesäumt sind von Werbetafeln, auf denen Abtreibungen und das Jüngste Gericht nebeneinander stehen».

«Grossartigste Mittelschicht, die die Welt je gesehen hat»

Packer deutet selber an, dass er «Kleine Leute»-Schriftstellern wie Raymond Carver oder Dos Passos folgen will. Sozialkitsch kann man ihm allerdings nicht vorwerfen. Indem er das Scheitern, die Widersprüche und die Zynismen aus den oberen wie den unteren Etagen aufschreibt, kommt er dem, was man «Zeitgeist» nennt oder auch «Sozialpsychologie», einfach viel näher, als eine Statistik es könnte.

Alles schön und gut, es fehle trotzdem an Theorie, an Analyse, mäkelten Kritiker, etwa David Brooks, der 2000 mit seinem Buch über «Bobos», gut und besser verdienende «Bourgeois Bohemians», bekannt wurde. Ebenjene Bobos sind bei Packer Teil des Problems, vor allem die Bobos, die sich als «links» verstehen: «New York und Hollywood und das College-Campus-Leben waren für sie jahrelang wichtiger als Washington. Der politische Kampf drehte sich nur um Kultur.»

Packer markiert sehr klar den Punkt, von dem an es abwärtsging mit der «grossartigsten Mittelschicht, die die Welt je gesehen hat». Es war die Clinton-Regierung, die etwa den Glass-Steagall-Act gekippt hat, der seit der Grossen Depression das Kreditgeschäft regulierte. Und es ist Barack Obama, ein «progressiver Insider, kein populistischer Outsider», dessen Berater «viel zu freundlich zur Wallstreet sind».

Zu Tode beschworener Traum

«The Unwinding» ist ein scharfes, ungeheuer US-kritisches Buch. Als Amerika-Hasser kann man es hochhalten und rufen: «Da seht ihr, was daraus wird!» Es ist aber auch eine zornige, trotzige Liebeserklärung, eine fast schon verzweifelte Beschwörung des sowieso schon fast zu Tode beschworenen «amerikanischen Traums». Der ist, wie Packer es sieht, eindeutig nicht in den Hinterzimmern von «Corporate America» zu Hause, sondern dort, wo manchmal «schon ein geplatzter Reifen oder ein ausgebliebener Lohncheck das Leben eines Menschen umwerfen kann.» Also praktisch auch bei uns.

Erstellt: 30.07.2013, 06:46 Uhr

Packer, George, «The Unwinding», Macmillan USA, Berlin, 434 Seiten, ISBN 978-0-374-10241-8, CHF 39.90.

The Unwinding

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