Amerikas liebster Lügner

Der Schriftsteller Mark Twain war ein reisesüchtiger Abenteurer und Übertreiber, der auch die Schweiz kannte. Vor 100 Jahren ist er gestorben.

Kreative Pause: Mark Twain heckt auf der Veranda neue literarische Spinnereien aus.

Kreative Pause: Mark Twain heckt auf der Veranda neue literarische Spinnereien aus. Bild: Keystone

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Es war ein blutrünstiges Amerika, in das der Kaufmannssohn Samuel Langhorne Clemens am 30. November 1835 hineingeboren wurde. In den Strassen wurden schwarze Sklaven gelyncht, Seuchen plagten die Bevölkerung, und auf dem Mississippi kamen Menschen auf explodierenden Dampfschiffen ums Leben – darunter auch Samuels Bruder Henry. Als Samuel elf Jahre alt war, sah er durchs Schlüsselloch dabei zu, wie sein an Lungenentzündung gestorbener Vater obduziert wurde. Es war die raue Welt des Bundesstaates Missouri, der auch 30 Jahre später, nach dem Sezessionskrieg, radikal an der Sklaverei festhalten sollte, obwohl er nicht zu den konservativen Südstaaten gehörte.

Als Samuel zwölf war, verliess er die Schule und heuerte in einer Druckerei als Lehrling an. Drei Jahre später schrieb er die ersten humoristischen Zeitungsartikel für seinen Bruder Orion, der über die Jahre den Mississippi entlang eine Zeitung um die andere zuverlässig in den Bankrott führte. Seine Freizeit verbrachte Samuel in der Gewerkschaft und in der Bibliothek, wo er sich als Autodidakt in amerikanischer Literatur und Geschichte weiterbildete. Er reiste als Journalist von einem Job zum andern – nach New York, Washington, Philadelphia und St. Louis. Er arbeitete aber auch als Dampfschiff-Steuermann auf dem Mississippi, und weil ihn die Geldvermehrung brennend interessierte, suchte er sein Glück als Silbergräber und verspekulierte sich mit Silberminen-Aktien.

Die Frau aus dem Medaillon

Doch das Einzige, womit er wirklich Erfolg hatte, waren lustige Texte. Er schrieb kolumnistisch, mit Übertreibungen, manchmal auch dreisten Lügen, er fabulierte und unterhielt und flüchtete sich in seinen Texten genauso aus der kruden Realität seiner Heimat, wie er das als Kapitän auf dem Mississippi mithilfe seines liebsten Verkehrsmittels getan hatte. Im Februar 1863 legte er sich aus der Seemannssprache das Pseudonym Mark Twain zu – «zwei Faden» (Wassertiefe). Als Journalist war dieser Mark Twain gewissermassen ein Tom Kummer avant la lettre, und Amerika liebte ihn dafür.

1869 lancierte er seinen ersten Bestseller zwischen Buchdeckeln, seine gesammelten Reisereportagen aus Europa und Israel unter dem Titel «The Innocents Abroad» («Die Arglosen im Ausland»). 1870 heiratete er die schöne Olivia Langdon, Tochter eines Kohlemoguls – er hatte ihr Bildnis in einem Medaillon erblickt, sich verliebt und zwei Jahre lang um sie geworben. Die beiden lebten glücklich in ihrem Prachthaus in Hartford, Connecticut. 1876 veröffentlichte Mark Twain «The Adventures of Tom Sawyer», und es schien, als wäre der ewige Ausreisser und Herumreiser ganz einfach sesshaft geworden.

Das beste Bett der Welt

Doch schon im April 1878 war er wieder auf der Flucht. Jetzt mit seiner Frau und zwei Kindern. Die Reise ging zum zweiten Mal nach Europa und zum ersten Mal in die Schweiz und das für ganze eineinhalb Jahre. Grund waren ein paar Übertreibungen zu viel. Mark Twain hatte nämlich auf einer Geburtstagsparty nicht nur den Gastgeber, sondern auch zwei anwesende amerikanische Dichtergrössen mit einer parodistischen Rede tödlich beleidigt. Die Empörung war so gross und sein Gewissen so schlecht, dass er wenig später nach Europa verschwand. Er wollte dort «ein paar Vorteile des Totseins» geniessen.

Zum Glück stand hinter dem «Totsein» ein höchst lebendiger Plan: ein neues Reisebuch. Ein neues, tollkühnes Stück an autobiografischer Fiktion. Ein Erzähler und sein Freund unternehmen darin – die Absicht ist zu Fuss, doch leider werden sie immer wieder ausgetrickst von all den faszinierenden neuen Verkehrsmitteln – eine Reise von Deutschland aus über die Schweiz nach Italien. Mark Twain kehrte im August 1879 mit 2600 Manuskriptseiten aus Europa zurück. «A Tramp Abroad» («Bummel durch Europa») war druckbereit, und sein Autor nannte es «ein geschwätziges Buch... Es erzählt von irgendwas und allem und lässt ein Thema immer dann fallen, wenn mein Interesse daran nachlässt.» Präziser kann man das muntere Geschwafel des touristischen Lügenbarons nicht beschreiben.

Die Schweiz – ein buckliger Fels

Das wenigste an «A Tramp Abroad» ist nämlich ernst gemeint, etwa die Beschreibung des Löwendenkmals von Luzern als «traurigstes und berührendstes Stück Stein der Welt». Der Rest ist dreiste Verzerrung sämtlicher Tatsachen: Immer sind die Wege zu weit (und zwar nicht um Stunden, sondern um Tage); konsequent verwechselt er das Bergtier Gemse mit dem Insekt Bremse; der hässliche schweizerische «Liebling, den man Edelweiss nennt..., hat die Farbe schlechter Zigarettenasche»; und überhaupt ist die Schweiz «einfach ein grosser, buckliger, massiver Felsen mit einer dünnen Grashaut drüber». Der vergnügte Höhepunkt der Schweizerreise ist jedoch die Besteigung nicht etwa des Matterhorns, sondern bloss des Riffelbergs von Zermatt aus mit «198 Personen einschliesslich der Maultiere beziehungsweise 205 einschliesslich der Kühe».

Was Mark Twain alias Samuel Clemens und Olivia neben dem dahergeflunkerten Reisetagebuch ausserdem aus Europa mitbringen sollten, war ein massives, mit Barock-Engelchen verziertes Bett. Mark Twain beschrieb es als «das bequemste Bett aller Zeiten, gross genug für eine Familie und mit ausreichend geschnitzten Engeln... dazu geschaffen, den Schlafenden Frieden und süsse Träume zu bringen».

Nur ein Kind überlebte Kindheitsalter

Allzu viel Ruhe brachte es ihm trotzdem nicht. Es gelang ihm zwar 1885 mit «Adventures of Huckleberry Finn» «das beste Buch, das wir je gehabt haben» (Ernest Hemingway). Doch dann verspekulierte er sich derart mit der Entwicklung einer neuen Setzmaschine, dass er – auf heutige Verhältnisse umgerechnet – 7,5 Millionen Dollar verlor.

Olivia Langdon Clemens starb 1904. Sie hatte ihrem Mann vier Kinder geboren, von denen nur eines das Kindheitsalter überlebte. Samuel Langhorne Clemens folgte ihr 74-jährig am 21. April 1910 in Reding, Connecticut. Der damalige amerikanische Präsident, William Howard Taft, verabschiedete den Mann, der alles, selbst den Riffelberg, in Übergrösse zu beschreiben pflegte, mit den Worten: «Sein Humor war amerikanisch.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.04.2010, 06:53 Uhr

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