An der Front der Ehe

Sofi Oksanen ist der Star der finnischen Literatur und längst auch international ein Begriff. Ihr neuer Roman setzt zwei Paare der baltischen Kriegsgeschichte aus – und ist spannend wie ein Thriller.

Ihre Figuren scheitern nicht am Krieg, sondern an sich selbst: Sofi Oksanen. Foto: Gunter Glücklich (laif)

Ihre Figuren scheitern nicht am Krieg, sondern an sich selbst: Sofi Oksanen. Foto: Gunter Glücklich (laif)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ruhig und dunkel ist ihre Stimme. Sofi Oksanen erzählte an der Eröffnungsnacht des New Yorker PEN-Festivals Ende April von ihren Kindheitserinnerungen ans sowjetische Estland, wo die Verwandten ihrer Mutter lebten. Und kommentierte die Lage der Welt. Die Autorin bremste ihren intellektuellen Furor nicht, aber sie blieb bedacht, wie stets bei Medienauftritten. Ruhig wie der Wald, die heimliche Hauptfigur ihres jüngsten Romans «Als die Tauben verschwanden»; der Wald, der in diesem Roman schnauft «wie ein im Sommer ­erwachter Igel».

Oksanen erinnerte sich, dass ihre Verwandten in Estland nie fernsahen. Kaum waren sie wieder daheim in Finnland, stellten sie den Fernseher an, als rissen sie ein Fenster auf: «Das sowjetische Fernsehen war eine zombiehafte Propaganda.» Dann geisselte sie die russische Besetzung der Krim. Sie forderte von den Europäern Taten, um den imperialistischen Drang Russlands zu bremsen. Als Schriftstellerin benenne sie ­Momente, «in denen eine Seite im Buch der Geschichte umgeblättert» werde: «Ein neues Zeitalter hat bereits begonnen. Die Zwischen-den-Kalten-Kriegen-Zeit – 1989-2014 – ist vorbei.»

Unübersehbare Autorinnen

Sofi Oksanen ist der Star der finnischen Literaturszene. Die 37-Jährige aus einer finnisch-estnischen Familie führt eine Generation von Autorinnen wie Rosa Liksom, Katja Kettu, Leena Parkkinen oder Riika Pelu an, die jede auf ihre Weise unübersehbar ist – es fiel auch schon das Wort «schrill» über den Auftritt der einen oder andern. Relevanter als Oksanens Dreadlocks, Kettus Tattoos oder Liksoms Ringelstrümpfe ist, dass diese Frauenstimmen seit einigen Jahren Entscheidendes leisten, auch für die Wahrnehmung ihres Landes. Finnland fährt diesen Herbst die Ernte der Vermittlungsarbeit ein, die diese Generation von Schriftstellerinnen leistet.

Finnland und das Baltikum gerieten zwischen 1939 und 1989 unter die Pranken von totalitären Systemen. In der Nationalgeschichte dieser Länder wechseln sich Hegemonieansprüche Nazideutschlands und Sowjetrusslands ab, nur Finnland errang nach 1945 staatliche Autonomie. Diese Historie, die nur langsam vernarbenden Wunden sind die Erzählstoffe von Oksanen und ihren Zeitgenossinnen.

Sofi Oksanen erzielte 2007 mit dem Theaterstück «Fegefeuer» einen Gross-erfolg in Finnland. 2008 gelang ihr mit dem gleichnamigen Roman der internationale Durchbruch. «Fegefeuer» wurde mit dem Finlandia-Preis ausgezeichnet, verfilmt, als Oper adaptiert und liegt in mittlerweile 38 Sprachen vor. Finnlands Erfolgsautorin sei praktisch unangreifbar geworden, hört man. Im deutschen Feuilleton wurden ihre Romane unter Heimatroman-Verdacht gestellt, wieder andere zählen sie zum Besten, was ­zurzeit geschrieben wird.

Das Sexleben stockt

«Als die Tauben verschwanden» ist der dritte Teil einer Romantetralogie über die finnisch-estnische Geschichte. Der Stoff ist auch diesmal kein leichter. Wieder erzählt Oksanen estnische Familiengeschichte, diesmal aber über Männer- und auch Institutionsgeschichte – im Gegensatz zu der über mehrere Generationen gespannten Frauengeschichte in «Fegefeuer». Der Roman spielt zwischen 1941 und 1966 in Tallinn (ehemals Reval) und in estnischen Dörfern.

Zwei Paare sind schicksalhaft verschränkt. Da sind zum einen der Widerstandskämpfer Roland Simson und seine Braut Rosalie. Sie stirbt sehr früh, und Roland versucht ihren mysteriösen Tod durch spiritistische Sitzungen zu klären – vergeblich (erst am Ende des Romans zeigt sich der Mörder). Das andere Paar, Rolands Ziehbruder und Widersacher Edgar Parts und seine Frau Juudit, begleiten die Leser bis zum Schluss, auf kriegsbedingt getrennten Wegen, dann wieder vereint in einer sowjetischen Existenz in unendlicher Einsamkeit.

In dieser Ehe war von Anfang an der Wurm drin. Es gab ein dunkles «es», bei dem man herumprobiert, viele Male, und doch klappt «es» nie. Juudit wird von ihrem Mann auf die andere Seite des Bettes geschoben «wie eine Portion verdorbenen Essens ans andere Ende des Tischs». Die junge Frau tastet unbeholfen nach Erklärungen wie Syphilisverdacht, doch ihre Suche führt kaum über das «Handbuch der Hausfrau» hinaus. Auch Arztbesuche bringen nichts, das Paarleben stockt, Edgar entzieht sich, Juudit versteinert. Als Leserin fühlt man sich an die Anfänge der Sexforschung erinnert: Auch Alfred Kinsey hatte aus eigener Not in seiner jungen Ehe erkannt, dass es nicht nur ihm und seiner Frau an sexuellem Wissen mangelte, begann, «Ehekurse» zu lehren und wurde zum ersten amerikanischen Sexforscher. Juudits kryptoschwulem Mann hätte allerdings Aufklärung kaum geholfen.

Ein Mann ohne Rückgrat

Auch die militärische Frontlinie geht mitten durch die Ehe der Parts und korrodiert sie von innen. Edgar und Juudit nehmen je andere Identitäten an: Edgar entpuppt sich rückgratloser Finsterling, der unter dem Decknamen Eggert Fürst den Nazis zur Hand geht, zuletzt im ­nordestnischen Konzentrationslager Klooga. Dort tarnt er sich rechtzeitig als Häftling, um sich dann von der Roten Armee retten zu lassen.

Aus einem Irrtum heraus wird Juudit zur Geliebten eines SS-Hauptsturmführers, aus Zwang auch zu Rolands Geliebten – und wird doch keine estnische Madame Bovary. Edgar mausert sich dann in den Sechzigerjahren zum einigermassen erfolgreichen sowjetischen Schriftsteller, Juudit ertrinkt im Alkohol und endet als Experimentierobjekt der sowjetischen Psychiatrie.

Der Roman «Als die Tauben verschwanden» trägt Oksanens Markenzeichen, den Willen zur Komposition. Eine kühne Montage von Zeiten, Räumen, Erzählhaltungen und Dokumenten – Rolands codiertes Tagebuch, Edgars «sowjetischer» Roman – sorgt für Perspektivenreichtum und thrillerartige Spannung bis zum Schluss. Harte Schnitte machen die Lektüre zur Suchbewegung durch den Wald der Geschichte. Meisterhaft konstruierte Momente führen die Hauptfiguren hautnah und zugleich blind zusammen – nur die Leser wissen Bescheid und bleiben hellwach.

Sofi Oksanens neuster Roman ist beunruhigend stark – kein weiches Ruhekissen für den Geist, sondern ein virtuoser Hammer, mit dem man Nägel ins Holz treibt.

Erstellt: 07.10.2014, 08:19 Uhr

Sofi Oksanen: Als die Tauben verschwanden. Roman. Aus dem Finnischen von Angela Plöger. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014. 432 S., ca. 30 Fr.; Lesung: Donnerstag, 9. Oktober, 20 Uhr, Kaufleuten Zürich.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Never Mind the Markets Droht ein Wachstumsstopp?

Sweet Home Schon jetzt eine Ikone

Die Welt in Bildern

Zeigen Flagge: Luftaufnahme der Flaggen-Zeremonie für die Olympischen Jugendspiele, die 2020 in Lausanne stattfinden werden. (19. September 2019)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...