Anders sein und abheben

Das Känguru Adelaide ist eine Missgeburt: Es hat ­Flügel. Doch dank ihnen kommt es nach Paris und wird dort zur Heldin.

Unnachahmlich: Adelaides Blick beim Zoll. Illustration: Tomi Ungerer

Unnachahmlich: Adelaides Blick beim Zoll. Illustration: Tomi Ungerer

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Manche Tiere sind mehrheitstauglich und figurieren entsprechend oft als Hauptfiguren von Kinderbüchern. Am populärsten sind dabei nach Auskunft des Kinderbuchladens Zürich Bären und Mäuse. Aber Schlangen, Kraken, Fledermäuse und Geier? Um sie zu Helden zu machen, brauchte es schon jemanden wie Tomi Ungerer. Erstaunlicherweise wurde «Crictor» (1958), die Geschichte einer freundlichen Boa Constrictor, mit Preisen überhäuft und richtig populär. Aber «Adelaide, das fliegende Känguru» (1959), «Emil, der hilfreiche Tintenfisch» (1960), «Rufus, die farbige Fledermaus» (1961) und «Orlando, der brave Geier» (1966) erschienen auf Deutsch erst 1980 und sind seit 2008 zusammen mit «Crictor» im Band «Fünf fabelhafte Fabeltiere» zu haben.

Theaterstar in Paris

Nun hat man «Adelaide», 56 Jahre nach ihrer Entstehung, doch noch einen Soloauftritt zugetraut, und das hat einen Tusch verdient. Denn «Adelaide» ist ein unglaublich schönes, originelles Buch. Die Titelheldin wird in eine gewöhnliche Kängurufamilie hineingeboren, aber sie hat Flügel. Doch genau das, was sie zur Missgeburt macht, verleiht ihr auch besondere Fähigkeiten: Adelaide lernt fliegen, macht die Bekanntschaft eines Piloten und gelangt auf dem Umweg über ­Indien nach Frankreich. Dort nimmt sich ein freundlicher Herr ihrer an, zeigt ihr die Sehenswürdigkeiten von Paris und macht sie zum Theaterstar. Als ein Haus brennt, fliegt Adelaide hoch, um zwei Kinder zu holen, an die die Feuer­wehr nicht herankommt. Doch das zusätzliche Gewicht ist zu viel für ihre kleinen Flügel, Adelaide stürzt ab und verletzt sich lebensgefährlich, die Kinder jedoch sind gerettet.

Die witzigsten Details

Neben Schwarz gibt es in dem Buch nur noch die Farben Braun und Blau, die Ungerer mit grossem Kunstverstand einsetzt: Der Qualm, der dem brennenden Haus entquillt, ist wirklich beängstigend schwarz. Und natürlich gibt es wieder die Details, die Ungerers Kinderbücher einmalig machen: der Blick von Adelaide etwa, als die französischen Zöllner ihren Beutel durchsuchen; oder die Schnapsflasche mit dem kleinen Glas, die der Zoodirektor für Besucher unsichtbar zwischen Pult und Papierkorb versteckt hat.

Tomi Ungerer: Adelaide, das fliegende Känguru. Aus dem Amerikanischen von Anna von Cramer-Klett. Zürich, Diogenes 2015, 48 S., ca. 26 Fr.; ab 5 Jahren

Erstellt: 23.03.2015, 17:21 Uhr

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