Anschreiben gegen das Schweigen

Laksmi Pamuntjak ist eine der erfolgreichsten Autorinnen Indonesiens. Mit Gedichten, Essays, Romanen – und einem Restaurantführer. Ihr Land ist literarisch für uns noch Terra incognita.

Laksmi Pamuntjak nimmt sich mit einem grossen Roman des unbewältigten nationalen Traumas Indonesiens an. Foto: Hans Scherhaufer

Laksmi Pamuntjak nimmt sich mit einem grossen Roman des unbewältigten nationalen Traumas Indonesiens an. Foto: Hans Scherhaufer

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Laksmi Pamuntjak ist eine schöne Frau. Bildschön, wenn man das heute noch sagen darf. Und eine faszinierende Autorin. Eine Intellektuelle mit Ausstrahlung – die ideale Botschafterin für den Indonesien-Schwerpunkt bei der Frankfurter Buchmesse im Herbst. Dann wird auch ihr grosser Roman «Amba» auf Deutsch vorliegen, den der Ullstein-Verlag gerade unter dem Titel «Alle Farben rot» übersetzen lässt.

Wohl bei keinem Gastland ist der Nachholbedarf so immens, die Diskrepanz zwischen Grösse und Bekanntheit so eklatant. Indonesien hat 240 Millionen Einwohner, die viertgrösste Bevölkerung der Welt, die überwiegende Mehrheit glaubt an Allah, in keinem Land gibt es mehr Muslime. Politisch ist es ein Zwerg, auf der kulturellen Landkarte, wenigstens aus westlicher Perspektive, noch weniger: ein weisser Fleck. Literatur? Selbst Kennern fällt da nur der Name von Pramoedya Ananta Toer ein. Aber wer hat ihn hierzulande gelesen?

Das soll und mit Vertretern wie Laksmi Pamuntjak wird sich das ändern. «Amba» ist, soweit man das nach Lektüre der vorliegenden Teile beurteilen kann, ein literarisch komplexes Kunstwerk, das ein heisses politisches Eisen in den zeitlosen Strom des Mythos taucht, ohne dass es dadurch abkühlt. Die Heldin trägt den Namen einer Gestalt aus dem indischen Epos «Mahabharata», das im ganzen süd- und südostasiatischen Kulturraum durch mündlichen Vortrag, Schattenspiele, Theater, Film so bekannt und präsent ist, wie es bei uns die biblischen Geschichten sind.

Politik und Mythos

Die mythische Amba ist eine starke, unabhängige, ambivalente Figur. Sie rächt sich für die Zurückweisung durch den Kämpfer Bhisma, indem sie ihn mit einem dichten Pfeilhagel tötet. Laksmi Pamuntjak liebt diese Figur: «Das erste weibliche Monster der Literatur!» Ihre eigene Amba hat im Roman den Drang nach Selbstbestimmung behalten – nicht eben leicht in den 1960er- bis 1990er-Jahren, in denen «Alle Farben rot» spielt. Aber blutrünstig ist sie nicht, und die Autorin gewährt ihr auch ein kurzes Liebesglück mit dem modernen Bhisma.

Allerdings kommt dann die Politik dazwischen, genauer: das traumatische Ereignis der jungen Geschichte des unabhängigen Indonesien. Anfang der 1960er-Jahre hatte das Land die drittgrösste kommunistische Partei der Welt (nach China und der Sowjetunion). Es gab – vermutlich, ganz klar ist das immer noch nicht – einen linken Putschversuch und dann einen Gegenputsch des Militärs, der zu einer Massenverfolgung aller tatsächlicher oder vermeintlicher «Staatsfeinde» führte. Bis zu einer Million Kommunisten wurden ermordet, viele «Verdächtige» ohne Anklage und Urteil auf Gefängnisinseln deportiert. Wer nach vielen Jahren überhaupt freikam, trug einen besonderen Stempel im Pass, wie ein Brandmal.

Von Buru, einer solchen Insel, handelt Laksmi Pamuntjaks Roman. Es ist der erste, der sich dem Thema zuwendet, das tabuisiert wurde wie noch heute in China die Ereignisse auf dem ­Tienanmen-Platz. Zugelassen war nur die offizielle Lesart, nach der wachsame Generäle das Land vor bösen Kommunisten bewahrt hätten. Nach dem Abgang des Diktators Suharto, mit der «Reformasi», der allmählichen Demokratisierung, hob sich der Schleier, erschienen Dokumente und Erinnerungen von Überlebenden. Der Dokfilm «The Act of Killing» machte die verdrängten Ver­brechen auch international publik.

Ein langsamer, zögerlicher Prozess der Aufklärung und, wie auch im Falle der Türkei, Russlands oder Chinas, ein fast untrüglicher Freiheits- oder eben Unfreiheits-Indikator: Kein Land, das Teile seiner Vergangenheit tabuisiert, kann wirklich frei sein. Auch wenn offiziell der Maulkorb gelöst ist, hält in vielen Familien das Schweigen noch an, denn viele waren zerrissen in Nationalisten und Kommunisten, in Täter und Opfer. Eine Umfrage unter Studenten, erzählt Laksmi Pamuntjak, ergab, dass jeder zweite von den Massakern von 1965 noch nie gehört hatte.

«Amba» immerhin hat, für die Verhältnisse eines nicht sehr lesefreudigen Landes, Furore gemacht, mit 25 000 verkauften Exemplaren gilt es als ein Bestseller, obwohl es ein umfangreiches Buch ist und wegen seines formalen Anspruchs – Zeitsprünge, wechselnde Perspektiven, die Überblendung mit dem Mythos – nicht leicht zugänglich. «Es ist halt mein erster Roman», entschuldigt sich die Autorin fast, «in den Erstling packt man immer zu viel hinein.» Stimmt.

Laksmi Pamuntjak ist nach den Ereignissen geboren, in ihrer Familie gab es keine verfolgten Kommunisten. Aber sie hatte in der Primarschule eine Lehrerin, die sie sehr liebte und die eines Tages verschwunden war – sie war die Witwe eines Deportierten und wurde derart angefeindet, dass sie die Schule schliesslich verliess. So hat das nationale Trauma auch die kleine Schülerin berührt, die mit ihrem grossen Roman ­später darauf reagiert hat.

«Es ist nicht schwer, in Indonesien als Frau selbstständig und prominent zu sein», sagt sie – wenn man die entsprechenden Startbedingungen hatte. Und die hatte sie. Laksmi Pamuntjak entstammt einer intellektuellen Mittelklasse-Familie, ihr Grossvater war Leiter eines grossen Verlags, ihr Vater Architekt, ihre Mutter hat Pharmazie studiert. Sie ist von Büchern umgeben aufgewachsen, mit dem Lesen kam auch gleich das Schreiben, mit sechs die ersten Geschichten, mit elf der erste Literaturpreis. Heute arbeitet sie – von der Literatur kann in Indonesien niemand leben – in der von ihr mitgegründeten ­zweisprachigen Buchhandlung Aksara in Djakarta und in der Redaktion der progressiven Wochenzeitschrift «Tempo».

Ihr erfolgreichstes Buch spielt übrigens in einer ganz anderen Liga: es ist ein Restaurantführer durch Djakarta. 630 Restaurants hat Laksmi Pamuntjak getestet, von der Spitzengastronomie bis zum Strassenverkäufer. Das Kochen ist nicht ihr Ding, sondern das Essen – und vor allem das verbale Abschmecken: «Durch Foodwriting erweitere ich mein Vokabular, muss ständig nach neuen Metaphern suchen.»

Eine ganz andere Karriere hätte sie auch noch machen können: Laksmi Pamuntjak war eine hoch begabte Pianistin, mit 22 hat sie Ravels G-Dur-Klavierkonzert öffentlich aufgeführt. Und dann, die internationale Karriere? Sie lächelt etwas melancholisch. «Dazu hätte ich Indonesien verlassen müssen.» Das hätten ihre Eltern nicht ertragen: «Bei uns verlässt man seine Heimat nicht.» Das sei auch, schlägt sie den Bogen, ein Grund für die mangelnde Ausstrahlung Indonesiens: Es gebe kaum Auslandsindonesier, die die eigene Kultur verbreiten könnten.

Geschenk und Fluch

Indonesien ist sehr mit sich beschäftigt. Und hat damit genug zu tun: 240 Millionen, verteilt auf Tausende von Inseln, zentrifugale Kräfte zuhauf, dem nationalen Motto «Einheit in Vielfalt» zum Trotz. Und wie steht es mit dem Fundamentalismus? Der heimische Islam, sagt sie, sei relativ tolerant. Auch in sehr muslimischen Provinzen wie Aceh habe sie sich ohne Kopftuch bewegt und überall auch modern gekleidete Frauen mit Handys angetroffen. «Wir haben keine Partei, die mit dem Islam Politik macht.»

Über die Schönheit müssen wir dann doch sprechen, ganz am Schluss. Schönheit, heisst es im Roman, sei «Geschenk und Fluch zugleich». Ihre Erfahrung? Laksmi Pamuntjak lacht. «Das bezieht sich eigentlich auf die schöne Helena aus der Ilias. Und Amba ist ja weniger schön als ihre Zwillingsschwestern. Es ist sowieso besser, stark zu sein als schön. Aber dass die Schönheit ungleich verteilt ist: Das gehört zu den Ungerechtigkeiten dieser Welt.» Aus ihrem Mund kann das nur ironisch klingen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.03.2015, 17:23 Uhr

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