Atombusen revisited

«Das Glück der Flüchtigen», ein ehrgeiziger Roman des Schweizers Max Dohner, erzählt von der Wehmut zweier Männer.

Ein belesener Schreiber, der nur von den Besten nahm: Max Dohner. Foto: PD

Ein belesener Schreiber, der nur von den Besten nahm: Max Dohner. Foto: PD

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Das Leben sei sehr lang, sagte T. S. Eliot, der Lyriker, und das hatte in seiner ­Banalität ja schon etwas Wahres und ­Tiefes. Besonders bei Männern um die 60, wenn die Frage sich stellt, ob noch etwas nachkommt ausser der Zeit, die vergeht, und der Erinnerung an die verpassten existenziellen Möglichkeiten und falschen Abzweigungen.

Da mag es dann vorkommen, dass eines melancholischen Sommertags zwei solche Männer den Zürichsee entlanggehen wie in «Das Glück der Flüchtigen», dem Roman des Aargauers Max Dohner: nämlich Marcel Imsand und Klaus Bänninger, lebenslange Freundfeinde, die voneinander wissen wollen, ob sie ihr Leben «verpfuscht» und «vergeigt» haben, in der Schweiz und in Italien, in Nicaragua und Kuba, miteinander, auseinander, in Freundschaft und Feindschaft und in gelebten und ungelebten Lieben.

Drei Figuren, eine Stimme

Die beiden fühlen und benehmen sich wie Frédéric Moreau und Charles Deslauriers am Ende von Flauberts «L’éducation sentimentale», holen ihre Jugend aus dem Grab und die Zeit ihres reiferen Jüngerseins. Sie machen sich gewissermassen selbst zu Flaubert-Zitaten, obwohl der Autor Dohner es dem Bänninger doch noch in den Mund legt, dass man nicht in eine «literarische Szene reinpfuschen» solle zwischen Bürkliplatz und Zürichhorn. Sie können nicht anders, weil auch ihr Erfinder nicht anders konnte, der sie dann ins Limmatschiff zum Tram am Bürkliplatz steigen und es im Bänninger weiterdenken lässt, «niemals und jederzeit» stehe in den Sternen geschrieben, «an welcher Station wir irgendwann umsteigen in den schlammgrünen Nauen», und man versteht: Das Leben ist sehr nebulös und ­sicher nur der Tod.

So ist dieses Buch: wahr und manchmal tief im Banalen; und fast nicht zu ertragen in seiner prätentiösen und preziösen Zitiererei, in seiner gekräuselten Ironie und in der Zwanghaftigkeit, mit der jede mögliche Einfachheit sich zur schönen Wendung schnörkelt.

Genau genommen sind es vier ­Lebensbücher, in denen man weit in Welten und Jahren herumkommt. Sie heissen «1979 Imsand» und «2001 Bänninger», dazu «2006 Elena»: Elena, die Spanierin, war Imsands «Mädchen» ­damals in den 70er-Jahren und Bänningers Ehefrau und Ex-Ehefrau später, eine Anarcho-Feministin mit strengen, geradezu moraljuristischen Begriffen von der Freiheit der Liebe und der ­Ritterlichkeit der Seele. Drei Ich-Stimmen also, die sich ergänzen, und ein vierter Teil dann – «2011 Alle vier» –, der hinter dem Romanpersonal quasi noch ordentlich aufräumt: Das ist der literarische Anspruch.

Die literarische Wirklichkeit ist: Wir hören nur eine Stimme, es ist die von Max Dohner, und jede Zeit hat dieselbe Melodie, der Imsand klingt wie der ­Bänninger und der Bänninger wie die Elena. Und alle eben wie Dohner, weil hier ein Schriftsteller seine Figuren nicht zu Fleisch und Blut gestaltet hat, sondern zu Handlangern der Reflexion. Zu Funktionären des Erinnerns. Alles Er­leben ist ihnen Vergleichsgelegenheit. Noch in den feuchtesten Träumen und dampfendsten Sexualfantasien (bei den Männern, diesen verschämten Pornografen, sinds nicht wenige) haben sie kein Talent zur Sinnlichkeit, sondern nur Begabung zum Sinnbild. Derart ­erlebt man in diesem Roman überhaupt die erzählte Wirklichkeit: nie als «etwas», immer als «wie etwas».

In Imsands Teil geht es noch an. Da entfaltet sich ein «Toskana-Melodram» vom Lieben übers Kreuz, von genossenem Leid, von den Qualen der Toleranz. Man kann es – das entsprechende Alter vorausgesetzt – lesen als eine parodistische Nostalgie nach dem weichlichen Denken der späten 70ern, das an seiner Freiheit litt.

Ein Grosszitat der Formen

Marcel Imsand macht einem dann ­beträchtlich Freude als wehmütiger Sarkast. Aber auch er ist schon geschlagen mit einer gezierten Gespreiztheit der Rede. Und was soll man sagen zur ­pubertären Alterslüsternheit in dieser Beschreibung von Weiblichkeit: «Für ihre Oberweite, einen sogenannten Atombusen, wäre die Generation vor uns noch frohlockend ohne Schutzanzug in den Strahlentod gegangen.»?

Dohner hat so viel gelesen, dass es ­locker reicht, um drei Figuren mit Metaphorik und vergleichendem Gefühls­leben auszustatten. Und er nahm nur von den Besten: von Flaubert ganz bestimmt, von den fantastischen Südamerikanern wahrscheinlich und vom feinschwülstigen Psychologen Arthur Schnitzler, vielleicht auch ein wenig vom skurril verschnörkelten Heimito von ­Doderer oder von Alfred Polgar, dem Schnitzler auf die Nerven ging (denn selbst die Ironie scheint einem: er-lesen). Dieses Grosszitat der Formen und Buch der Bilder und Bildung hat den ermüdenden Charakter eines uneigenen Reichtums. Und dann läufts doch nur darauf hinaus, dass der Mensch unsicher lebt und sicher stirbt und die Männer es nie leicht haben mit den Frauen.

Max Dohner: Das Glück der Flüchtigen. Braunmüller, Wien 2014. 280 S., ca. 33 Fr.

Erstellt: 24.04.2014, 08:25 Uhr

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