Auf Erfolg abonniert

Der Luzerner Rolf Dobelli ist ein Mehrfachtalent: Der ehemalige Swissair-Manager ist Romancier, Unternehmer – und viel gelesener Sachbuchautor.

Was sich empirisch nicht belegen lässt, hält er für unerheblich: Rolf Dobelli.

Was sich empirisch nicht belegen lässt, hält er für unerheblich: Rolf Dobelli. Bild: Keystone

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Nur Joachim Gauck verkauft sich besser. Sein Bändchen «Freiheit» steht an der Spitze der aktuellen Bestsellerliste des «Spiegels». Vorher fand sich dort einige Wochen lang das Sachbuch «Die Kunst des klaren Denkens» des Schweizer Autors Rolf Dobelli. Der Band, der sich 200'000-mal verkauft hat, versammelt 52 glasklar verfasste Kolumnen, welche in der «SonntagsZeitung» und der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» erschienen sind. Auf den Markt gebracht hat das Buch nicht Dobellis Hausverlag Diogenes, sondern der Münchner Hanser-Verlag.

Wir sitzen im Restaurant Helvetia in Luzern. Rolf Dobelli, gut gekleidet, ist ein smarter, agiler Typ, der aufmerksam zuhört und genauso schnell wie präzise antwortet. «Ja, machet Sii nu», sagt er der Bedienung, als sie den Staub unter unserem Tisch saugen will. Ablenken lässt sich einer, der genau weiss, was er will, nicht so leicht. Ehrgeizig und mit beneidenswerter Konsequenz verfolgt er eine Mission des klaren Denkens. Fest überzeugt und dennoch locker sagt er, dass es «etwa 110 bis 120 systematische Denkfehler» gebe: Selbstüberschätzung, Gruppendruck, Rückprojektionen usw. seien Gründe dafür. Das habe er zusammen mit seinem Vorbild und Vordenker Nassim Nicholas Taleb, dem Finanzjongleur und Verfasser des Weltbestsellers «Der schwarze Schwan», herausgefunden. Diese Fehler, jeweils einen pro Kolumne, beschreibt der 46-jährige Luzerner seit kurzem nicht mehr für die FAZ, sondern für die «Zeit» (der «SonntagsZeitung» hingegen bleibt er treu). Wenn alle Denkfehler aufgedeckt sind, ist sein Ziel erreicht, und das geplante neue Buch «Die Kunst des klugen Handelns» wohl auf dem Weg in die Bestsellerliste.

Hohelied der Empirie

In den USA, wo Rolf Dobelli nach einem «Schwachstromstudium an der HSG» über ein Jahrzehnt als Finanzchef und Leiter verschiedener Tochtergesellschaften der Swissair gearbeitet hat, bringt der angesehene Verlag Harper & Collins das Buch heraus. Wenn nicht alles täuscht, wird auch die amerikanische Ausgabe ein grosses Publikum finden. Im Land der Empirie finden experimentell gestützte Analysen und Studien stets Anklang. «Als Wissenschaftsjournalist versuche ich, die neuesten empirischen Forschungsergebnisse in die Alltagssprache zu übersetzen.» Dobelli freut sich, dass für einmal ein deutschsprachiges Buch den Weg zurück ins Mutterland des datengestützten Denkens findet.

Ganz anders verhält es sich bei seiner 1999 gegründeten Firma Get Abstract. Hier gibt es nur Einwegkommunikation. Amerikanische Businessbücher werden zusammengefasst und internationalen Konzernen im Abonnement oder im Einzelverkauf angeboten. «Wir produzieren jährlich 1000 Zusammenfassungen von Wirtschaftsbüchern. Mittlerweile haben wir eine Bibliothek von 10'000 Zusammenfassungen, die wir an Grossfirmen lizenzieren.»

Es handelt sich um den weltweit grössten Dienst dieser Art. Von den 100 Festangestellten und 120 Freischaffenden arbeiten 35 am Luzerner Hauptsitz von Get Abstract. Weil er ungeduldig sei und keine Menschen führen könne, so Dobelli selbstkritisch, habe er sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Nur die Verträge mit den Grossen der amerikanischen Verlagsszene schliesst er noch ab. Bei der Klärung und Abgeltung der Rechte legten die Big Players Wert darauf, mit einem der drei Firmengründer zu sprechen. Über die 1000 wichtigsten Werke der Weltliteratur, die Get Abstract ebenfalls in der Kürzestversion von acht Seiten herausgibt, meint Verwaltungsrat Dobelli, dass ihm ein solcher Kanon am Herzen liege, auch wenn er daran nichts verdiene.

Überzeugter Atheist

Rolf Dobelli ist allen hypothetischen und spekulativen Theorien abgeneigt. Was sich in seinen Augen empirisch nicht belegen lässt, ist für jede weitere Diskussion nicht erheblich. Die meisten Interpretationen der Germanisten und Philosophen, Psychoanalytiker und Theologen seien zwar nett, aber weder belegbar noch widerlegbar. «Wer über Gott nachdenkt, der vergeudet bloss seine Zeit.» Da sich Gottes Existenz im Sinne Karl Poppers weder falsifizieren noch verifizieren lasse, sei jedes Gespräch darüber ein Leerlauf. Er sei überzeugter Atheist und nicht bloss Agnostiker wie der von ihm bewunderte Max Frisch. Da für ihn nur gültig ist, was sich messen und experimentell wiederholen lässt, hält der strenge Rationalist die Geisteswissenschaften für «überschätzt». Der Mensch sei Teil der Natur und müsse mit naturwissenschaftlichen Methoden beschrieben werden.

In den Bereichen, wo sich der Mensch als Jäger und Sammler evolutionär bewährt hat, spielen, so Dobelli, Instinkt und Intuition nach wie vor eine grosse Rolle. Angeborenes Verhalten reiche aber nicht mehr aus, um sich in der modernen Welt mit allen ihren abstrakten Einrichtungen und Institutionen – wie jene des Finanzkapitalismus – zu orientieren und zurechtzufinden. «Die Evolution hat unser Gehirn für das Leben in der Frühzeit optimiert, nicht aber für unsere immer komplexere Welt.» Um diese Diskrepanz zwischen Reflex und Reflexion geht es in den Kolumnen mit Titeln wie «Die Verlustaversion», «Die Prognoseillusion» oder «Groupthink». Diese Mischung von Unterhaltung und Belehrung trägt wesentlich zum Erfolg des Buches bei – abgesehen davon, dass fehlgeleitetes Denken und Handeln mehr faszinieren als korrektes.

Moderner Salon

Das dritte Kind des vielseitigen, schwer zu fassenden Mannes trägt den Namen «Zurich.Minds». Diese jährlich stattfindende Veranstaltung widmet sich dem Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. «Ich möchte gescheite Leute zusammenführen, damit Manager internationaler Firmen erfahren, mit welchen aktuellen Themen sich die Wissenschaft beschäftigt. Da sie ganz von ihrer Arbeit absorbiert sind, haben sie meistens keine grosse Ahnung davon», sagt Rolf Dobelli.

Im Prinzip nehme «Zurich.Minds» die Tradition des Salons wieder auf, wie sie im Paris der Aufklärungszeit gepflegt wurde. Vergangenen Dezember trafen sich über 300 Persönlichkeiten aus der ganzen Welt im Zürcher Kaufleuten. «Ich verfolge damit auch ein hedonistisches Motiv: Mir macht es Spass, mit intelligenten Leuten zu diskutieren.» Dass der Autor sich selbst dazu zählt, muss er nicht extra sagen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.03.2012, 08:07 Uhr

Rolf Dobelli: Die Kunst des klaren Denkens, Hanser. 246 Seiten, ISBN: 978-3-446-42682-5

Die Kunst des klaren Denkens

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