Auf der Spielwiese des Teufels

Im Zorn gegen die Mächte der Finsternis: Oksana Sabuschkos «Museum der vergessenen Geheimnisse» ist ein gewaltiger Roman über die Ukraine von gestern und heute.

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Über weite Strecken des 20. Jahrhunderts war die Ukraine die «Spielwiese des Teufels», wie eine Figur in diesem Roman das nennt. In den 20er-Jahren, als sie zum ersten Mal nach nationaler Unabhängigkeit strebte, zerrissen in einem blutigen Bürgerkrieg. In den 30ern Opfer einer von Stalin gezielt ausgelösten Hungersnot, die Millionen das Leben kostete (in der Ukraine heisst sie «Holomodor», was nicht nur klanglich an «Holocaust» erinnert). Im Zweiten Weltkrieg Schauplatz der heftigsten Kämpfe, der schlimmsten Massaker.

Der Kampf ging weiter

Nach der Niederlage des Dritten Reiches wollten viele Ukrainer nicht unter Stalins Knute zurück, blieben in den Wäldern und kämpften weiter. Dieser Partisanenkrieg, von dem man im Westen wenig erfuhr und noch weniger wissen wollte, endete 1949 mit der totalen Niederlage der sogenannten Bandera-Leute. Alles, was mit Stepan Bandera und der Aufstandsarmee UPA zu tun hatte, wurde von der sowjetischen Geschichtsschreibung totgeschwiegen. Erst mit der nationalen Unabhängigkeit 1991 öffneten sich die ukrainischen Archive – und gaben frei, was nicht vorsorglich verbrannt oder nach Moskau abtransportiert worden war.

Oksana Sabuschkos Roman «Das Museum der vergessenen Geheimnisse» rekonstruiert eine Episode aus dem Partisanenkrieg und entwirft zugleich ein Panorama der ukrainischen Gesellschaft unserer Tage. Das Buch, geschrieben 2002 bis 2009, ist schwer wie ein Backstein und gefüllt mit Zorn. Diesen Backstein schleudert die Autorin auf die Fassade aus Ignoranz, Fälschung und angeordnetem Verschweigen, die jahrzehntelang vor der Vergangenheit eines ganzen Volkes hochgezogen worden war. Sie hat einen Nerv getroffen; gleich mit dem Erscheinen stürmte das «Museum» an die Spitze der ukrainischen Bestsellerliste.

Starke Kost für westliche Leser

Mit ihrem Erstling, den «Feldstudien über ukrainischen Sex» (1996, deutsch 2006), war Oksana Sabuschko auf einen Schlag berühmt geworden. Neben Juri Andruchowytsch ist die 50-Jährige heute die führende Autorin ihres Landes. Eine Powerfrau, die in Kunstphilosophie promoviert und in Harvard gelehrt hat. Eine Kämpferin gegen alte Lügen und neue Korruption. Ihr neuer Roman, 750 Seiten stark, vermag westliche Leser, die sanftere, sensiblere, geschmackvollere Kost gewöhnt sind, in die Knie zu zwingen. Aber sich dem auszusetzen, lohnt unbedingt. Und umgekehrt ist man nach der Lektüre für behutsame literarische Nabelschau aus hiesigen Gefilden für eine Weile verdorben.

Das «Museum der vergessenen Geheimnisse» ist wie ein wirkliches Museum aufgebaut, mit acht «Sälen», die literarische Installationen der verschiedensten Art enthalten: innere Monologe und journalistische Interviews, Erinnerungen und Träume, personale und Ich-perspektive. Den roten Faden bildet eine Recherche, die die Journalistin Daryna Hoschtschynska führt. Sie ist auf ein Foto gestossen, das fünf UPA-Partisanen auf einer Waldlichtung zeigt, darunter eine Frau. Diese Frau mit dem Decknamen Helzja hat es ihr angetan: «Wie ein Kugelblitz kam sie durch ihr Foto über mich.» Daryna fühlt sich wie aus dem Jenseits beauftragt, das Schicksal Helzjas aufzuklären und in einer Reportage ihrer TV-Sendung «Leuchter des Diogenes» bekannt zu machen.

Es fehlt jede Spur

Sie muss sich unkonventioneller Recherchemethoden bedienen, denn die Archive sind zwar mittlerweile zugänglich, aber eben voller Lücken. Von Helzja und den Mitkämpfern, die 1947 in ihrem Versteck aufgespürt wurden und im Kampf mit sowjetischer Geheimpolizei umkamen, fehlt jede Spur. Wie es der Zufall will – aber in diesem Roman gibt es keine Zufälle –, lernt Daryna Adrian kennen, den Enkel von Helzjas Schwester Lina. Sie verlieben sich ineinander, und es kommt der etwas esoterisch angehauchten Journalistin so vor, als sei auch diese Verbindung von der toten Partisanin geknüpft.

Daryna glaubt fest daran (und der Leser muss diesen Glauben nicht teilen, um dem Fortgang atemlos zu folgen), dass Frauen wie sie mit einem «zusätzlichen Sinn begabt» sind, dass sie «das Verschwestertsein mit allem Lebendigen, unabhängig von Zeit und Raum» befähige, Helzjas Geschichte durch Einfühlung zu erfahren und zu erzählen. Auf Adrian springt ein Teil dieser Begabung über, denn er träumt intensiv von der Besatzungszeit und schlüpft in die Gestalt eines anderen Adrian, der erst gegen die deutschen Besatzer, dann gegen die Sowjets kämpft und zusammen mit Helzja umkommt. Damit nicht alles auf übersinnlichen Wegen vermittelt werden muss, lässt die Autorin noch einen Geheimpolizisten auftreten, dessen Vater einst die Kommandoaktion gegen Helzjas Gruppe geleitet hat.

Leichen säumen den Weg

So entsteht ein Bild mit klaren Konturen, eine Geschichte von Mut, Entbehrung, Leidenschaft, Idealismus und Verrat. Bevor Daryna ihren Film fertigstellen kann, wird ihr Sender privatisiert und sie entlassen – für eine Castingshow, die man ihr anbietet und die vordergründig TV-Starlets, eigentlich aber Nachwuchs für die heimischen und westlichen Bordelle rekrutieren soll, gibt sie sich nicht her.

Der Zorn der Heldin (und der Autorin) trifft neben den Vergangenheitsklitterern auch die Protagonisten der unabhängigen Ukraine, in deren demokratischem Gerüst sich alte Machthaber und junge Mafiosi bestens eingerichtet haben (die Handlung endet vor den Präsidentenwahlen 2004, die die Orange Revolution auslösten). Auch ihren Weg säumen Leichen: Oksana Sabuschko mischt wirkliche Opfer wie den Journalisten Georgi Gongadse oder den Oppositionsführer Wjatscheslaw Tschornowil, die durch «Unfälle» ums Leben kamen, mit ihrem fiktiven Personal. Darynas Freundin verunglückt mit ihrem Auto an just jener Stelle, wo es auch den historischen Tschornowil erwischte, unter bis heute ungeklärten Umständen: auf der Schnellstrasse zum Kiewer Flughafen, deren Trassee auf einem Massengrab von Holodomor-Opfern angelegt wurde.

Kein blosser Verschwörungsbrei

Oksana Sabuschko verknüpft alles mit allem, ohne dass daraus ein blosser Verschwörungsbrei à la «Politiker und Geschäftsleute sind alle Verbrecher» würde. Sie lässt die Handlungsfäden, verstärkt durch allerlei symbolische Knoten, bei ihrer Heldin Daryna zusammen-, von dort aber in alle Richtungen auseinanderlaufen, weit zurück in die Kriegs- und Vorkriegszeit, aber auch in die Zukunft: Das Kind, das Helzja nicht austragen konnte – ihre Chronistin wird es bekommen. Und das Prinzip Hoffnung, so möchte es der Leser glauben, wird sich gegen das gegenwärtig herrschende und übermächtig scheinende Prinzip Zynismus durchsetzen.

«Das Museum der vergessenen Geheimnisse» ist ein Opus magnum et horrendum, in dem gegen die Mächte der Finsternis alles mobilisiert wird, was die Waffenkammern der Literatur hergeben: die grossen Gefühle, die Gewalt des Pathos, die bezwingendsten Bilder. Der Roman verabreicht eine Überdosis an Gestalten und Verwicklungen, Motiven und Metaphern. Er führt in die Todeszone der jüngeren Geschichte und in die fiebrige Vitalität unserer Tage, zu Mördern, Glücksrittern, Profiteuren und auch ein paar Moralisten. Ein Roman der Gewalt – und ein gewaltiger Roman.

Erstellt: 03.12.2010, 20:04 Uhr

Kämpferin gegen alte Lügen und neue Korruption: Die ukrainische Schriftstellerin Oksana Sabuschko. (Bild: Keystone )

Das Buch

Oksana Sabuschko: Das Museum der vergessenen Geheimnisse. Roman. Aus dem Ukrainischen von Alexander Kratochvil. Droschl, Graz 2010. 760 S., ca. 46 Fr.

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