Auftritt des Weltmetzgers

In seinem 25. Todesjahr entdeckt die Forschung Friedrich Dürrenmatt neu: über seine fantastischen, provokanten Bilder.

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An der Laubeggstrasse in Bern tobt in einer Mansarde das Chaos, es tobt seit Stalingrad bis heute. Salome hält den abgehackten Kopf von Johannes dem Täufer in die Höhe. Nietzsche streckt den Arm zum Hitlergruss. Jesus wird ans Kreuz geschlagen. Eine Pickelhaube geht zum Angriff über. Von oben herab glotzt eine grässliche Medusa.

Die Mansarde wird heute für wenig Geld an Künstler und Kuratoren der nahe gelegenen Kunsthalle vermietet. Jedoch gäbe es immer wieder Leute, die sofort wieder ausziehen würden: weil sie unter diesen Bildern keine Nacht verbringen möchten, so der Hausabwart. Die Gemälde, die den Besucher von den schrägen Wänden grossflächig bedrängen, sind Ausdruck eines Menschen, der Tumult hatte in und um sich: Friedrich Dürrenmatt malte sie von 1943 bis 1946. Damals war der Emmentaler noch ein ziemlich lausiger Student, der nicht wusste, ob er nun Maler werden sollte oder doch lieber Schriftsteller. Er wurde dann Autor, neben Max Frisch der wichtigste der Schweiz des 20. Jahrhunderts. Sein Drama «Der Besuch der alten Dame» (1956) machte ihn weltberühmt und reich.

«Seinen Texten ebenbürtig»

Doch Dürrenmatt blieb immer auch ein bildender Künstler, geprägt vom seinem frühen Mentor Walter Jonas, einem Zürcher Expressionisten. Er zeichnete und malte bis ans Lebensende: Ölgemälde, Lithografien, Collagen, Tuschezeichnungen und Karikaturen. Das im Jahr 2000 gegründet Centre Dürrenmatt in Neuenburg, wo Dürrenmatt mehrere Jahrzehnte wohnte, verwaltet die Bilder. Viele Jahre galt seine Malerei als vernachlässigbares Hobby; so, wie ja auch Victor Hugo oder Johann Wolfgang von Goethe feierabends gern noch ein wenig pinselten.

Doch die systematische Erfassung in Neuenburg zeigt nun je länger, desto mehr, wie ungeheuer aufwendig, vielfältig und abgründig die Arbeiten sind. «Ich betrachte seine Malerei als den Texten ebenbürtig», sagt stellvertretend für eine neue Forscher-Generation die junge Kunsthistorikerin Myriam Minder, die derzeit über Dürrenmatt promoviert.

Einen Einblick in die neuesten Forschungen zum Maler Dürrenmatt gibt der jüngst vom Centre Dürrenmatt herausgegebene Sammelband «Dramaturgien der Phantasie». Seit zwei Jahren können Minder und ihre Kollegen auf das Inventar von rund 1500 Dürrenmatt-Bilder zugreifen.

Blick aufs Schlimmstmögliche

Die Berner Mansarde bildet den Urknall von Dürrenmatts Künstlertum ab. Seine Gemälde waren damals schon von prägnantem Witz, in ihrer Drastik aber auch schockierend. Nicht wenige wirken wie ein einziges grosses, sardonisches Gelächter. «Viele Betrachter, die die Bilder erstmals sehen, fühlen sich instinktiv abgestossen», sagt Myriam Minder. Wie in seinen Dramen interessierte sich Dürrenmatt als Maler und Zeichner für die «schlimmstmögliche Wendung».

Er dachte das bisher Unerhörte und Unmögliche, zeichnete es dann – und liess es so seinen Zeitgenossen plötzlich, als denkbar erscheinen. Häufig halten seine Bilder jenen fatalen Moment fest, an dem das Unheil hereinbricht. In der Serie zum heiligen Amokläufer «Piff-Paff» werden verschiedene Idyllen ganz eigentlich abgeknallt (Bildlegende: «Er erlegte noch 3 Liebespaare und ein Schwein, beim Mondenschein»). In der «Letzten Generalversammlung der Eidgenössischen Bankanstalt» erhängen sich Financiers gleich reihenweise. In «Die Katastrophe» bricht eine Brücke unter einem dicht besetzten Zug zusammen, während am Himmel Gestirne kollidieren.

Dieses Bild zeugt auch von Dürrenmatts Misstrauen gegenüber der modernen Technik und Wissenschaft, deren Zusammenhänge niemand mehr kapiert und kontrolliert und die zu einer menschenverschuldeten Apokalypse zu führen drohen.

Lieblingsfigur Minotaurus

Der abstrakten Wissenschaftsmoderne versuchte er, mit seiner Komödie «Die Physiker», aber eben auch mit Bildern beizukommen. So zeichnete er die Atombombe mitunter als schwarzes, böse grinsendes Gespenst. Die grotesken Züge seiner Bilder waren für Dürrenmatt schlechterdings notwendig. «Das Groteske ist ein sinnliches Paradox», sagte er, «die Gestalt einer Ungestalt, das Gesicht einer gesichtslosen Welt.» Das Malen, das er häufig in den Morgenstunden nach dem nächtlichen Schreiben betrieb, war für Dürrenmatt somit immer ein Aneignungsprozess: Indem er sich ein Bild machte von einer verwirrenden Sache, näherte er sich ihrem Verständnis. Dabei bediente er sich antiker und biblischer Mythen, mit denen der Pfarrerssohn schon als Jugendlicher souverän spielte.

Bei der Durchsicht seines Bildwerks fällt keine Figur häufiger auf als der Minotaurus, der im neuen Dürrenmatt-Sammelband zu Recht ausführlich thematisiert wird. In ihm, dem ins Labyrinth verbannten griechischen Mischwesen, sah Friedrich Dürrenmatt einen Leidensgenossen des modernen Menschen, der sich heillos verliert beim Versuch, die Welt zu verstehen. Das Motiv taucht erstmals in den späten 1930ern auf, als die Familie Dürrenmatt vom Emmentaler Dorf Konolfingen nach Bern zog; das beschauliche Städtchen erschien dem Jugendlichen wie ein Babylon. In seiner Mansardenmalerei verband er seine spätpubertäre Verwirrung dann mit dem Horror des Zweiten Weltkriegs.

Selbstauslöschung der Schweiz

Auch später zeichnete Dürrenmatt Kriegsszenen, das Ölbild «Der Weltmetzger» ist darunter das Schrecklichste. Sehr merkwürdig ist die kaum bekannte, auch von der Wissenschaft noch unberührte mehrteilige Serie «Zorniger Schweizer, Atombombe werfend», in der Friedrich Dürrenmatt eine helvetische Selbstauslöschung satirisch darstellt.

Solche Bilder kamen nicht von Ungefähr: Dürrenmatt beschäftigte die glückliche, fast wundersame Verschonung der Schweiz während der Weltkriege und die realistische Möglichkeit weit schlimmerer Wendungen. Jahrelang arbeitete er an der Erzählung «Winterkrieg in Tibet», in der er die Schweiz dem Krieg aussetzt und zu einer fanatischen Nuklearmacht verkommen lässt.

Der vermeintliche Buddha

Die Gegenüberstellung «eskapistischer Dürrenmatt versus politischer Frisch» ist eine beliebte, aber dennoch falsche Konstruktion. Wahrscheinlich würde Dürrenmatt heute den Jihad in seiner ganzen Groteskheit malen.

Wer sich in Friedrich Dürrenmatts Bilder vertieft, ist gewappnet für die anstehenden Zeremonien und Hudeleien des angebrochenen Année Dürrenmatt. Der wird sich heftig sträuben gegen die ärgerliche Tendenz, Dürrenmatt zum gmögigen Schweize Buddha zu verniedlichen. Denn wer sich in der Berner Mansarde oder im seit gestern Montag wieder geöffneten Centre Dürrenmatt umschaut, erkennt einen Künstler, der sich seine und unsere Abgründe ausmalte – und dies radikal und beharrlich wie kaum ein anderer. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.01.2015, 07:26 Uhr

Schriftsteller, aber auch Maler und Zeichner: Friedrich Dürrenmatt (1921-1990). (Bild: Keystone )

Dramaturgien der Phantasie. Heraus¬gegeben vom Schweizerischen Literaturarchiv und vom Centre Dürrenmatt Neuchâtel. Wallstein-Verlag Göttingen 2014. 310 S., ca. 35 Fr.

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