Aus Kafkas Schatten heraus

Eine neue Werkausgabe wirbt für das literarische und essayistische Schaffen von Max Brod. Er tat so viel für andere, dass man ihn selbst dabei vergass.

Ambitionierter Musiker und Komponist, Philosoph und Kunstkritiker: Max Brod. Foto: Getty Images

Ambitionierter Musiker und Komponist, Philosoph und Kunstkritiker: Max Brod. Foto: Getty Images

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Max Brod ist eine vertrackte Kippfigur: Hört oder liest man seinen Namen, denkt man sofort an einen anderen, nämlich an Franz Kafka, dessen Freund, Biograf und erster Heraus­geber Max Brod war. Naturgemäss war Brod aber weit mehr als nur ein Anhängsel seines ein Jahr älteren Freundes. Der 1884 in Prag geborene Brod war sogar ziemlich viel, vielleicht sogar zu viele in einem ­Leben: ambitionierter Musiker und Komponist, Philosoph und Kunstkritiker, der sich bis zu seiner Emigration 1939 als Journalist beim «Prager Tagblatt» verdingte. Nach der Flucht nach Tel Aviv und bis in seine letzte Lebensjahre hinein war Brod dann als Dramaturg am ­Habimah tätig, dem späteren Nationaltheater Israels. Und nicht zuletzt war er neben all dem immer ein hyperproduktiver Autor, der zu Lebzeiten mit seinen Romanen und ­essayistischen Werken wesentlich bekannter war als Kafka.

Das alles ist heute weitgehend vergessen – angesichts der Bedeutung, die der 1968 verstorbene Brod für Kafka hatte. Brod war für Kafkas literarischen Nachruhm derart entscheidend, dass man ihn immer mit seinem Freund in Verbindung bringen wird – und auch soll. Bis heute unbestritten sind seine Verdienste als Bewahrer des Kafka-Nachlasses, den er gleich zweimal vor der Vernichtung rettete. Das erste Mal 1924, als sich Brod über Kafkas Testament hinwegsetzte, demzufolge alle unpublizierten Schriften «restlos und ungelesen» verbrannt werden sollten. Das zweite Mal 1939, als Brod auf seiner Flucht aus Prag den Nachlass vor den Nazis rettete.

Ohne diese Nachlassrettungen gäbe es gerade zehn Prozent von dem, was wir heute von Kafka lesen können. Und ohne sie wäre Kafka wohl nie in den Kanon der Weltliteratur eingegangen. Denn in dem geretteten Kafka-Nachlass befanden sich die Manuskripte aller grossen Romane, mit denen Brod seinen Freund posthum durchsetzen konnte: «Der Process», «Das Schloss» und «Der Verschollene».

Hilfe für den toten Freund

Gewiss, den heutigen Massstäben der Editionsphilologie können Brods frühe Kafka-Ausgaben nicht standhalten. Dafür hat er zu stark in die Texte seines Freunds eingegriffen, als er über ihren fragmentarischen Charakter hinwegtäuschte, verschiedene Fassungen kontaminierte, gestrichene Passagen wieder miteinbezog. Das alles geschah aber nur, weil Brod seinen verstorbenen Freund durchsetzen wollte, was wohl nur mit geschlossenen Werken möglich war.

Vor einigen Jahren machte der Name Brod dann nochmals weltweit Schlagzeilen: Diesmal ging es um seinen eigenen Nachlass, der sich seit seinem Tod im ­Besitz seiner Sekretärin und deren Töchter befand. In diesen Papieren sollen sich Zeichnungen von Kafka sowie die Tagebücher befinden, in denen Brod die ersten Begegnungen mit seinem Freund schildert, über die wir nur wenig Ge­sichertes wissen. Dass diese Dokumente bis heute nicht zugänglich sind, ist ­ärgerlich für Forscher wie Reiner Stach, der in diesem Herbst den ersten und ­damit letzten Band seiner dreibändigen, ebenso epochalen wie megalomanen Kafka-Biografie herausbringen wird.

Ärgerlich ist der Archivstreit aber auch für Brods Nachruhm selbst. Denn wahrscheinlich ist der Zugang zum Nachlass die einzige Möglichkeit, um ihn als ebenso streitbaren wie produktiven Publizisten zu würdigen, der aufgrund seines hervorragenden Netzwerks zahlreiche Künstler durchsetzen konnte, ­darunter auch den Komponisten Leoš ­Janácek: In einem Artikel von 1916 ­feierte Max Brod dessen «Jenufa» als «das grösste künstlerische Erlebnis seit Kriegsbeginn»; zwei Jahre später übersetzt Brod die Oper ins Deutsche.

Für Janácek, bis dahin ein tschechisches Lokalphänomen, bedeutete Brods «Jenufa»-Übersetzung den Durchbruch im deutschsprachigen Raum. Es kam zu einer Zusammenarbeit, die zur Übersetzung von «Kátja Kabanová», «Das schlaue Füchslein», «Die Sache Makropulos» und «Aus einem Totenhaus» führte.

Mehr als 80 Bücher geschrieben

Brods Einsatz für andere Künstler zeugt von einem beeindruckenden En­thusiasmus. Möglich war er aber nur, weil Brod selbst zu seiner Zeit ein Bestsellerautor war, der trotz einer Schaffenskrise während des Zweiten Weltkriegs mehr als 80 Bücher schrieb. In den letzten Jahren war Brods litera­risches Œuvre nur noch in Bibliotheken und Antiquariaten erhältlich. Insofern ist es sehr verdienstvoll, dass der Wallstein-Verlag nun eine zehnbändige Werkausgabe herausgibt, die im kommenden Frühjahr abgeschlossen vorliegen soll.

Bereits nach dem Erscheinen der ersten sechs Bände wird deutlich, dass es bei Max Brod fast immer ums grosse Ganze geht, also um Fragen der Liebe, der Religion, der Philosophie und des Lebens im Allgemeinen. Und im Grunde genommen sind beinahe all seine epischen Werke Bildungsromane, die in der Belehrung der Hauptfiguren münden. So etwa in der Erkenntnis, dass die «unbedingte Liebe» nur den Göttern erträglich ist, «unter Menschen aber todbringend wirken muss». Aushalten könne man sie nur in «Abschwächungen». Das zumindest ist die Lehre aus Brods «Die Frau nach der man sich sehnt», einem Roman von 1927, der zwei Jahre nach seinem Erscheinen mit Marlene Dietrich und Fritz Kortner verfilmt wurde.

Eine andere Lehre bietet der «Stefan Rott»-Roman von 1931. Darin muss der titelgebende Gymnasiast erkennen, dass der von ihm angestrebte Mittelweg zwischen Materialismus und platonischer Weltanschauung und die Versöhnung von Ethos und Eros angesichts des Ersten Weltkriegs nicht gangbar ist. Und in «Tycho Brahes Wege zu Gott» entwickelt Brod aus der Begegnung zwischen dem Astronomen Tycho Brahe und seinem Schüler Johannes Kepler eine religionsphilosophische Erweckungsgeschichte, an deren Ende der ewig mit sich selbst hadernde Tycho die Begegnung mit ­einem Rabbi macht, der ihn erkennen lässt, dass die Menschen da sind, «um Gott zu dienen und ihn zu stützen».

Hinwendung zum Judentum

Brods Sendungsbewusstsein ist unverkennbar. Unverkennbar ist auch, dass er während seines Lebens das Lehr­gebäude seiner Romane mehrfach umbaute: Zu Beginn seiner literarischen Karriere war Brod ein Anhänger des ­«Indifferentismus», einer nihilistischen Version der schopenhauerschen Willensphilosophie, die alles Streben als sinnlos betrachtet und die einer frühen Brod-Erzählung den Titel gibt. Nach einem Zwischenspiel im Expressionismus und dank dem Dialog mit Martin Buber gewinnt das Judentum dann für Brod ­zusehends an Bedeutung, was für seine Vita und sein Werk vor allem nach der Emigration und der Gründung des ­Staates Israel wichtig wird.

So etwa im «Unambo»-Roman von 1949, in dem Brod den jungen Staat ­Israel verteidigt, sich zugleich aber für eine Versöhnung zwischen Juden und Arabern starkmacht.

Neben der Lehrhaftigkeit gibt es ­weitere Konstanten bei Brod: In jedem seiner Romane verhält er sich wie ein Gefühlsreporter, der seinen Figuren mit voller Hingabe in all ihren melodramatischen Höhen- und Tiefflügen folgt, wenn sie mit sich selbst, ihren Sehnsüchten und den grossen Idealen hadern.

Wer mit solchen emotionalen Auf- und Abschwüngen und der romanhaften Bearbeitung der grossen Daseinsfragen nichts anfangen kann, greife zum Essayband «Über die Schönheit hässlicher ­Bilder» von 1913. Darin enthalten sind kurze Alltags- und Kunstbetrachtungen, in denen man die Begeisterungsfähigkeit und die intellektuelle Beweglichkeit eines Mannes erfassen kann, der sich für das Theater und das Kino, die Literatur und die Frauen, für Jaroslav Hasek sowie für Robert Walser interessierte. Ja, auch Walser, der Schweizer Grossmeister der kleinen Form, gehörte zu jenen, die Brod früh erkannt und gefördert hatte.

Max Brod: Ausgewählte Werke. Hrsg. von Hans-Gerd Koch und Hans Dieter Zimmermann. Wallstein, Göttingen 2013–2015. 10 Bände, je ca. 40 Fr.

Erstellt: 21.08.2014, 08:54 Uhr

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