Live-Poesie

«Aus allen Nähten»

Heute besuchte Krimi-Autor Sunil Mann die Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Redaktion. Lesen Sie hier seine Geschichte, in der auch sein bekannter Privatdetektiv Vijay Kumar auftritt.

Textete einen Kurzkrimi auf der Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Redaktion: Krimi-Autor Sunil Mann. (© Carina Faust)

Textete einen Kurzkrimi auf der Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Redaktion: Krimi-Autor Sunil Mann. (© Carina Faust)

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Die Leiche lag nicht mehr im Keller. Rasch überprüfte ich jeden Winkel des Raumes, bevor mein Blick an einem der Regale hängen blieb, welche die gesamte rechte Seite des Gewölbes einnahmen. Nachdenklich fuhr ich mit der Schuhspitze über den lehmigen Boden, dann rannte ich die Treppe hinauf. Auch im Erdgeschoss traf ich keine Leiche an, lediglich in der Küche köchelte eine trübe Flüssigkeit in einem Topf.

Ich schlich in den ersten Stock hinauf und blieb einen Moment lauschend stehen, bevor ich vorsichtig in Chantal Dégagés Schlafzimmer spähte. Was ich dort entdeckte, war so widerwärtig, dass es sich auch mein halbverdautes Frühstück unbedingt ansehen wollte.

Am Ende war es Bill Clintons Suppe, die ihr zum Verhängnis wurde, doch das wussten weder sie noch ich, als sie an diesem Freitagmorgen in meinem Büro erschien. Das heisst, sie stand wahrscheinlich schon längere Zeit vor meinem Sofa, auf dem ich mich hin und wieder zu einem Inspirationsnickerchen hinlegte, doch für mich erschien sie tatsächlich. Stückweise schälten sich nämlich ihre Umrisse aus dem Nebel, der mich umgab. Was weniger mit ihrer Zigarette zu tun hatte, die sie mit Filter rauchte, sondern mit meinem Donnerstagabend. Dem einzigen Tag, an dem man als Kreis-4-Bewohner noch ausgehen konnte, ohne sich durch randalierende, brüllende Massen von Agglomerationjugendlichen kämpfen zu müssen.

Auf jeden Fall waren der Abend und die Diskussionen lang geworden und die Drinks entsprechend zahlreich, und als sich meine brandneue Kundin nun in den Sessel vor meinem Schreibtisch setzte und ihre langen Beine übereinanderschlug, spürte ich mehr als nur einen leichten Druck hinter meiner Stirn.

«Sie sind schon Vijay Kumar?» Ihr zweifelnder Blick liess erahnen, dass sie zwar genau wusste, dass sie sich in meinem, mit meinem Namen angeschriebenen Büro an der Dienerstrasse befand, aber in der Hoffnung auf irgendeine glückliche Fügung eine gegenteilige Antwort erwartete. Ich musste sie enttäuschen.

«Korrekt», krächzte ich und schenkte mir ein Glas Amrut ein, mein indischer Lieblingswhisky und Retter in allen Lebenslagen. «Was kann ich für Sie tun?» Sie schob ihre Gucci-Sonnebrille hoch und fixierte mich mit dramatisch aufgerissenen Augen. «Ich werde verfolgt», hauchte sie, als stünde ihr Stalker gleich hinter ihr. Seufzend leerte ich das Glas. «Mhm.» Die Gucci-Sonnebrille landete wieder auf ihrem angestammten Platz.

«Ich befinde mich in einer absoluten Notsituation, Herr Kumar!», hauchte sie lauter, was irgendwie an einen defekten Staubsauger erinnerte. «Kennen Sie Ihren Verfolger?», erkundigte ich mich betont freundlich und setzte meine Therapeutenmiene auf. Sie wandte sich um, schob die Sonnebrille wieder ins Haar und setzte einen wohl panisch gemeinten Gesichtsausdruck auf.

Ganz genau konnte ich das nicht erkennen, denn ihr Gesicht sah aus, als hätte jemand ausserordentlich Gutbezahltes einen hauchdünnen Gummihandschuh darübergestülpt und diesen irgendwo im Nacken festgezurrt. Alles war faltenfrei gebügelt, derweil die Augen schräg abstanden und beinahe über den Rand ihres Antlitzes ragten. «Katzenartig», hatte wohl die Bestellung beim Chirurgen gelautet, erinnern tat es mich an «in empfindliche Körperteile gekniffener Kater», denn der Mediziner ihres Vertrauens hatte es zu gut gemeint und wohl auf Vorrat liften wollen. Jedenfalls sah sie mich jetzt aus ihren Schlitzen empört funkend an.

«Wissen Sie überhaupt, wer ich bin?», fauchte sie. Ich wusste es, guckte aber dennoch unbeeindruckt. Vor mir sass Chantal Dégagé. Einst, als man noch etwas geleistet haben musste, bevor man über rote Teppiche wandeln durfte oder in den Klatschspalten der teuer erstandenen Zeitungen erschien, war sie eine Art Vorreiterin gewesen, eine Jeanne d'Arc der C-Prominenz, deren Leistung sich hauptsächlich darauf konzentriert hatte, sich die jeweils prestigeträchtigsten Männer des Landes zu angeln. Eine gute Handvoll davon hatte sie auch gleich geehelicht, allein die Anzahl der Gatten sprach natürlich gegen lang anhaltendes Eheglück.

«Was erwarten Sie von mir?», erkundigte ich mich und versuchte sie nicht spüren zu lassen, wie sehr mich ihre Angelegenheit anödete. Doch ein Blick auf meinen Kontostand hätte mir nur allzu deutlich klargemacht, dass es nicht drin lag, aufzustehen und die verblühte Societylady aus meinem Büro zu schmeissen. «Na, was wohl?» Immer noch dieses Fauchen. Das Kätzchen begann, sauer zu werden. «Was Detektive in einem solchen Fall halt so tun!» Ich schenkte mir einen weiteren Amrut ein.

Dann spulte ich herunter, was in so einem Fall vorgesehen war: Ich würde ihre Villa observieren, ihre Post durchsehen, ihren Bekanntenkreis befragen unsoweiterundsofort. Schon beim Gedanken daran fielen mir die Augen zu. «Und was ist, wenn der richtig gefährlich ist? Wenn mir etwas passiert?» Ihre aufgeblähten Lippen zitterten ängstlich. Ich gab eine Reihe beruhigender Laute von mir, die ihre Wirkung nicht verfehlten, dann schickte ich die Dame nach Hause und versprach, auf sie aufzupassen.

Nachdem sie mein Büro verlassen hatte, lief ich geschäftig ein paar Runden in demselben herum, bis ich wieder einigermassen klar denken konnte, dann setzte ich mich erneut. Der Fall war heikel. Ich wusste, dass Chantal Dégagé zu denjenigen Prominenten gehörte, die eine Standleitung zur Boulevardpresse unterhielten und keine Sekunde zögerten, selbst privateste Details preiszugeben. Nach dem Motto: Nur wenn ichs als Bildbericht gelesen habe, ist es auch wirklich passiert. Ich musste vorsichtig sein, wenn ich sie beschattete. Ich legte einen Feldstecher bereit, einen Hut, der mich tarnen sollte, und eine Zeitung, in die ich ein Loch schnitt. Es gab viel zu tun. Ich schenkte mir einen weiteren Whisky ein.

Als ich wieder erwachte, machte mir der dämmernde Morgen klar, dass ich lernen musste, meine Aufgaben ernster zu nehmen. Ich duschte und lief hinunter, um in einer der immer rarer werdenden Spelunken an der Langstrasse einen Kaffee zu trinken. Natürlich war ich nicht alleine, überall sass Jungvolk mit irgendwelchen Energydrinks auf den Gehsteigen, die Pupillen tellergross, der Blick leer. Als ich das verschmierte Make Up des Mädchens betrachtete, das sich am Nebentisch die Seele ausweinte, erinnerte ich mich an meine eigene Jugendzeit, als Spasshaben am Wochende anders ausgesehen hatte - irgendwie mehr nach Spass.

Als ich beim Kaffee kurz die heutige Gratiszeitung durchblätterte, stockte mir der Atem: Ist sie in Todesgefahr?, schrie mir das Blatt in fetten Lettern entgegen, darunter war ein jahrealtes Bild der Dégagé, als sie noch weniger Nähte an ihrem Körper gehabt hatte als eine Patchworkdecke. Sie hatte also tatsächlich die Standleitung benutzt. Ich stürzte den Kaffee hinunter und raste in meinem hellblauen Käfer zur Villa der armen Verfolgten. Während ich darauf wartete, dass sie auf mein Klingeln öffnete, wurde ich den Eindruck nicht los, dass sie die ganze Geschichte erfunden hatte, um endlich wieder einmal in den Medien zu erscheinen.

«Es ist alles so schrecklich!», miaute sie, als ich die marmorne Eingangshalle betrat. «Schon bald werden Übertragungswagen in meinem Vorgarten stehen, und ich werde keinen Fuss mehr vor die Tür setzen können, ohne dass gleich ein Blitzlichtgewitter losbricht.» Sie sah dabei alles andere als unglücklich aus.

«Ich hatte schon auf ein wenig mehr Diskretion gehofft», wandte ich ein und folgte ihr in die Küche. «Mein neues Kochbuch», sagte sie beiläufig und deutete ohne auf meinen Einwand einzugehen auf einen Stapel ausgedruckter Blätter. «Ach!», machte ich, weil mir gerade nichts anderes einfiel. Und als es dies doch tat, war es, dass die Dégagé eigentlich nicht wie jemand aussah, von dem man vertrauensvoll Rezepte übernahm. Sie war hager, beinahe dürr, und irgendwie konnte ich sie mir nicht so recht mit einem Kochlöffel vorstellen, mit dem sie in einem süssen Teig rührte oder so. «Ich suche noch einen Verleger», meinte sie, als ich einen Blick auf das oberste Gericht warf. Bill Clintons Kohlsuppe, stand da.

«Promirezepte», fügte sie an. «Diejenigen, die die Sammlung schon lesen durften, finden sie genial!» «Kohlsuppe?», fragte ich und tippte auf das Rezept. «Bill Clinton hat damit hunderte von Kilos abgenommen», erklärte sie mir. «Im Verlauf der Jahre natürlich.» Fast ein Lächeln, aber vielleicht war auch nur das Silikon herumgerutscht. «Aha», erwiderte ich.

Ich hatte ihre Post durchsucht, die wenigen übriggebliebenen Bekannten befragt und schliesslich zwei Nächte im Käfer vor ihrer Villa Wache gehalten, während mich Kaffee, Amrut und die niveaulos hämmernde Musik von David Guetta am Einschlafen gehindert hatten. Doch da war niemand. Kein Stalker, kein Übertragungswagen, nicht einmal ein Ehemann. Nichts. Die Dégagé begann mir mit einem Mal leid zu tun.

In den frühen Morgenstunden der dritten Nacht, also gegen elf Uhr, tat sich endlich was. Ich war vielleicht eine Millisekunde lang eingenickt, als mich eine Bewegung vor dem Gartentor aufschreckte.

Doch es war nur die Dégagé, die das Tor schloss und sich nach allen Seiten umsah, bevor sie hastig ins Haus zurückkehrte. Offenbar hatte sie mich nicht entdeckt, was daran liegen mochte, dass ich während meines Nickerchens im Sitz nach unten gerutscht war. Ich stieg aus und folgte ihr, doch als ich vor der Villa stand, sah ich, dass die Stufen voller Blut waren. Erschrocken klingelte ich, doch als sich nichts rührte, rüttelte ich an der Tür. Sie war verschlossen. Ich rannte ums Haus herum, um nach einem Hintereingang oder einem angelehnten Fenster zu suchen, als ich von der Terrasse her bemerkte, wie sich die Dégagé dem Haupteingang näherte. Ihr Gesicht war verzerrt, als fühlte sie sich nicht wohl, und erst jetzt entdeckte ich die Leiche, die direkt hinter der Tür lag.

Weswegen ich sie vorhin auch nicht hatte sehen können. Die Dégagé beugte sich über den Toten,neben dem ein Blumenstrauss und eine prall gefüllte, schwer aussehende Louis-Vuitton-Handtasche lag. Ein harmloser Verehrer vermutete ich, sie musste ihn erschlagen haben, als sie ihn im Garten entdeckt hatte.War er ihr Stalker? Oder war der nur ein Hirngespinst? Ich wusste es nicht, beides schien mir möglich.

Ich sah ihr zu, wie sie die Leiche ruckartig anhob und in den Keller hinunterschleppte. Sobald sie verschwunden war, suchte ich fieberhaft nach einem Einstieg ins Haus, doch es fand sich keine Möglichkeit. Es blieb mir nichts anderes übrig, als einzubrechen. Ich rannte zu meinem Wagen zurück, um meine Jacke zu holen, und als ich wieder beim Haus war, wickelte ich sie fest um meinen Unterarm, bevor ich eines der tiefliegenden Kellerfenster einschlug. Behutsam stieg ich ein, doch als ich in den Keller kam, war da keine Leiche mehr. Ich eilte nach oben, sah Bill Clintons Suppe auf dem Herd köcheln und als ich das Schlafzimmer der Dégagé betrat, wurde mir übel.

Der Kohl hatte seine Wirkung getan und die Dégagé war im wahrsten Sinn des Wortes aus allen Nähten geplatzt. Nachdem ich die Boulevardzeitung angerufen hatte - soviel war ich meiner Klientin schuldig - fand ich auch den geheimnisvollen Besucher. Sie hatte ihn im Luftschutzkeller in einen Trog gelegt und mit Salzsäure übergossen. Die Lücken im Regal waren mir gleich aufgefallen. Als ich ihn entdeckte, war er erst halb zersetzt. Sie musste sich tatsächlich in etwas hineingesteigert haben und den Mann in einem panischen Anfall erschlagen haben, denn er war eindeutig ein Journalist. Ich konnte gerade noch feststellen, dass er einen Fotoapparat und ein Diktafon bei sich getragen hatte, die nun in der verfärbten Flüssigkeit schwammen.

Nächste Woche nimmt der Schriftsteller Thomas Meyer, der für seinen Debütroman «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» eben für den Schweizer Buchpreis nominiert worden ist, am Live-Poesie-Experiment teil.

Erstellt: 14.09.2012, 13:25 Uhr

Sunil Mann liest seinen Text. (Video: Linus Schöpfer)

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