Aus den Trümmern der Tatsachen

In seinem Roman «Kastelau» erfindet Charles Lewinsky vor der Kulisse des untergehenden Hitler-Reichs eine Filmcrew, einen schwulen Widerstandskämpfer und einen irren Naziarzt.

Verpackt seine neue Geschichte als Dokufiktion: Charles Lewinsky. Foto: Sophie Stieger

Verpackt seine neue Geschichte als Dokufiktion: Charles Lewinsky. Foto: Sophie Stieger

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Die Verstrickung von Künstlern ins NS-Regime beschäftigt Historiker. Aber auch Schriftsteller: So hat Klaus Mann in seinem Roman «Mephisto» schon Gustaf Gründgens, Schauspieler, Regisseur und Staatsrat von Hermann Görings Gnaden, als «Affen der Macht» und «Clown zur Zerstreuung der Mörder» porträtiert. Nun erscheint ein neuer Roman über ­Nazischauspieler – geschrieben von Charles Lewinsky, einem Autor, der auch kluge Kommentare zum politischen Zeitgeschehen schreibt und Bücher mit interessanten Geschichten über interessante Figuren vorlegt. So auch in «Kastelau», mit dem es der 68-Jährige erstmals auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat.

Inspiriert von einem Tagebucheintrag von Erich Kästner, erzählt Lewinsky die Geschichte einer Filmcrew, die in den letzten Monaten des Naziregimes das bombenverhagelte Berlin verlassen hat. Ein «kriegswichtiger» Napoleon-Film soll in Bayern gedreht werden, genauer gesagt im fiktiven Kastelau. In diesem Nest muss die Crew ihr «Lied der Freiheit», so der sinnige Titel des Films, nach einem Bombenangriff wiederholt neu erfinden – vor einem Dorfpublikum, in dem die Phalanx der Nazis nur langsam zu bröckeln beginnt, und obwohl es in den Endtagen des Hitler-Regimes schon längst kein Filmmaterial mehr gibt, das man belichten könnte. Gedreht und gespielt wird trotzdem, damit man nicht zurück nach Berlin muss.

Fahrt auf dem Gefühlskarussell

Damit Lewinsky diese possenhafte Geschichte glaubhaft erzählen kann, hat er sie als Dokufiktion verpackt: Wie die Dreharbeiten in Bayern hat er einen ­jungen Amerikaner namens Samuel A. Saunders erfunden, der in den 80er-Jahren seine Dissertation über die letzten Filme des NS-Regimes schreiben will. Und weil der fiktive Saunders mit seiner Dissertation nie zu einem Ende kam, präsentiert Lewinsky in seinem Roman das montierte Material aus dessen Nachlass. Es umfasst Interview­transkripte, Tagebucheinträge, Fussnoten, erfundene Wikipedia-Artikel und etwas kleiner gedruckte Passagen, die Saunders mit dem Rotstift markiert hat, weil sie ihm zu emotional waren.

Der Roman besteht also aus einer Assemblage von verschiedenen, gut gemachten Genre-Imitationen, ohne grös­sere Ambitionen auf rhetorischen Witz. Eine Pointe freilich stammt aus der Wirklichkeit: Das real existierende Filmarchiv, in dem Saunders’ Nachlass liegen soll, befindet sich an der Melnitz-Avenue in Los Angeles – und erinnert an Lewinskys überaus erfolgreichen Familien­roman «Melnitz» von 2006.

Lewinsky geht es in «Kastelau» offensichtlich weder um eine Parodie der Textsorte Dissertation noch um eine Hommage an diese. Vielmehr will er mit der Montage eine möglichst plausible Kulisse aufbauen, vor der er sein melodramatisches Karussell in Schwung bringen kann. Die Fahrt beginnt bei Lewinsky damit, dass er Samuel A. Saunders ins Lokal «Bei Titi» führt, in dem sich allabendlich «entschlossene Trinker» zum Besäufnis versammeln.

Geführt wird die Kneipe von Tiziana Adam, einer früheren Schauspielerin, die zum Drehteam in Kastelau gehörte. Im NS-Regime war Tiziana «nicht gerade ein Star, aber doch jemand, der ein Star hätte werden können, wenn die Zeiten anders gewesen wären». Und weil die Zeiten eben so waren, wie sie waren, hat es Tiziana nur zur Kneipenwirtin geschafft. Immerhin kann sie nun dem amerikanischen «Bubi» von der «Hitlerei» und dem Filmdreh in Kastelau erzählen. Dabei raucht die Adam wie ein Schlot und motzt über die Mentholzigaretten, die schmecken, als ob man «einen Apotheker ablutscht», was man bei der frivolen «Titi» nun so oder so verstehen kann.

Mit Tiziana Adam ist Lewinsky eine farbige Figur gelungen, die historisch versierte Leser in Verzückung versetzen wird: Sie erzählt von der «Reichsklagefrau», einer Schauspielerin, die Lewinsky ebenfalls erfunden hat, aber mit der er auf Kristina Söderbaum anspielt, die wegen ihrer Auftritte in Bergfilmen und anderen Werken als «Reichswasserleiche» verspottet wurde.

Auch sonst hat Lewinsky in seinem Roman ein buntes Ensemble zusammengestellt. Dazu gehört ein irrer Naziarzt auf Speed, der im zerbombten Berlin «ein grosses Experiment» sieht, das man sich nicht entgehen lassen dürfe. Und selbstverständlich gibt es einen mephistophelischen Bösewicht. Diesen Part übernimmt Arnie Walton, der einst Walter Arnold hiess und ebenfalls Teil des Filmteams von Kastelau war. In seinen von Lewinsky fingierten Memoiren «From Berlin to Hollywood» wird er zu einem Helden des Widerstands gegen das Hitler-Regime und erhält einen ­Ehren-Oscar. In Wahrheit hatte Arnold, als Homosexueller im «Dritten Reich» hochgefährdet, seine Haut gerettet, indem er einen Deserteur verriet.

Wüten mit der Spitzhacke

Der Filmhistoriker Saunders erfährt schon früh von diesem Verrat, kann mit den Erkenntnissen aber nichts anfangen, weil der berühmte Walton mit seinen Anwälten die Publikation der Dissertation verhindert. Damit ähnelt der erfundene Walton auffällig dem realen Gustaf Gründgens, der sich als Homosexueller durchs Dritte Reich hindurchlavierte und als erfolgreicher Intendant die Publikation von Klaus Manns «Mephisto»-Roman in der BRD verhindern konnte. Und wie Klaus Mann, der sich 1949 das Leben nahm, bleibt auch Lewinskys Protagonisten am Ende nichts anderes als der melodramatische Tod: Saunders hackt so lange auf dem Walk of Fame mit einer Spitzhacke auf Arnie Waltons Stern ein, bis er von einem Polizisten niedergestreckt wird.

«Die Dramaturgie meines Ruins könnte aus einem Handbuch für Scriptwriting stammen», sagt Saunders mal von sich selbst. Mit «Kastelau» zeigt Charles Lewinsky, dass er – nach «Gerron», auch das ein Schauspielerroman, allerdings über eine historisch verbürgte Gestalt – einen Geschichtsstoff ge- oder erfunden und mit den gewählten Erzähltechniken plastisch umgesetzt hat. Ein wenig mehr Mut zum erzählerischen Risiko und zur gestalterischen Raffinesse hätte man sich von einem Autor seiner Qualität allerdings gewünscht.

Charles Lewinsky: Kastelau. Roman. Nagel & Kimche, München 2014. 398 S., ca. 34 Fr.

Erstellt: 23.08.2014, 02:27 Uhr

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