«Auswandern wäre eine Option»

Der US-Schriftsteller und Pulitzerpreisträger Richard Ford befürchtet bei einer Wahl Mitt Romneys eine Tragödie. Allerdings traut er auch den Linksliberalen nicht über den Weg.

«Wenn Amerikaner das Wort ‹regieren› hören, gähnen sie schon», sagt Richard Ford. Vorbereitungen zum TV-Duell vom 3. Oktober in Denver.

«Wenn Amerikaner das Wort ‹regieren› hören, gähnen sie schon», sagt Richard Ford. Vorbereitungen zum TV-Duell vom 3. Oktober in Denver. Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Stimmt es, dass Sie nach der Wahlnacht 2008 mit einem Lächeln auf dem Gesicht aufgewacht sind?
Ja. Und jetzt befürchte ich eine Tragödie. Und viele, viele Falten im Gesicht: Amerika ist so flatterhaft, so kurzsichtig, so dumm. Barack Obama hat als Präsident Fehler gemacht – jeder macht Fehler. Aber er ist ehrlich, ausdauernd, konsequent, und er setzt sich voll und ganz für das Land ein. Und dafür sollten wir ihn wählen. Unbedingt!

Aber auch die linksintellektuelle Szene ist von Barack Obama enttäuscht.
Ich traue unseren Liberalen nicht über den Weg. Sie sind so wankelmütig. Bei den Republikanern ist es klar: Sie sind uns feindlich gesinnt. Der hiesige Linksliberale dagegen ist oft ein weisser Mann mit «Rassenbewusstsein», das ihn blind macht für das Wesentliche.

Was meinen Sie damit?
Solche Liberalen sind keine Rassisten. Aber sie sind sich sehr bewusst, dass sie einen Schwarzen gewählt haben; das macht sie extrem stolz – auf sich selber. Wenn dann etwas nicht so läuft, wie sie es sich vorgestellt haben, ist das so etwas wie eine persönliche Kränkung für sie. Sie sind dann unangemessen stark enttäuscht. Darum kann man auf sie nicht wirklich zählen.

Gibt es keine Gründe für diese Enttäuschung?
Okay, Guantánamo sollte längst geschlossen sein, die Soldaten aus Afghanistan abgezogen, und Barack Obama hätte weniger kompromissbereit gegenüber den Republikanern sein sollen – die grosse Versöhnung des gespaltenen Landes hat ja trotz aller Konzilianz nicht stattgefunden. Aber andererseits war Präsident Obamas Leistung immens. Und er hat sie unter erschwerten Bedingungen erbracht.

Auf welche Hindernisse stiess Obama denn?
Er hat nicht nur ein schweres Erbe angetreten, sondern die Republikaner hatten über die letzten vier Jahre ein einziges Ziel: Barack Obama zu desavouieren. Koste es, was es wolle, sogar den Fortschritt dieses Landes oder eben die Versöhnung der beiden Lager. Dennoch hat Obama eine Gesundheitsreform durchgesetzt, Frauenrechte gefördert, Bin Laden kassiert, geholfen, Diktatoren zu stürzen, und die Arbeitslosenzahlen gesenkt. Es wäre gut und wichtig für Amerika, wenn er auf diesem Weg weitermachen könnte.

Hatte nicht vielleicht Noam Chomsky doch recht, als er 2008 meinte, Barack Obama sei im Grunde nichts als ein verkappter Konservativer?
Professor Chomsky hat immer eine sehr eigene Sicht auf die Dinge. Die manchmal an der Realität vorbeigeht.

Seinerzeit konnte Barack Obama mit dem Schlagwort «Change» punkten.
Jetzt muss der Slogan «Weiter gehts» lauten. Das klingt weniger sexy, aber genau darum geht es. Den grossen Aufbruch hat man Obama verwehrt. Aber er ist ein Mitte-links-Pragmatiker, ein wenig wie Bill Clinton, und auf diese Weise erreicht er eine Menge.

Warum begreifen denn so viele der kleinen Leute nicht, dass eine Form von sozialer Marktwirtschaft für sie ein Segen wäre, zum Beispiel auch für die Bildung ihrer Kinder?
Die Amerikaner verstehen nicht, was Regieren bedeutet. Wenn sie das Wort «regieren» hören, gähnen sie schon; und beim Wort «Steuern» bekommen sie Ausschläge. Das geht bis auf die Gründung der Vereinigten Staaten und die Unabhängigkeitserklärung zurück. Und es wurde immer wieder neu ins Bewusstsein eingepflanzt, beispielsweise von Präsident Ronald Reagan, der die Bewunderung der Reichen predigte und ans «Trickle-down-Prinzip» glaubte – also daran, dass vom Reichtum der Superreichen immer ein signifikanter Anteil für die Ärmeren abfällt. Das stimmt leider nicht.

Anders als in Europa gibt es aber in den Vereinigten Staaten wirklich ein Verantwortungsgefühl der Reichen, man denke etwa an die Bill-&-Melinda-Gates-Stiftung.
Solche Initiativen sind schön, decken aber bei weitem nicht den Bedarf. In Europa gibt es staatliche Verpflichtungen, und anders geht es wohl nicht. Auch ich hasse es, Steuern zu zahlen, klar! Aber wir jammern bei 20 Prozent Einkommenssteuer, und die Franzosen diskutieren gerade über 75 Prozent! In unserer puritanischen Gesellschaft interessieren die Armen einfach nicht; und es werden ihrer immer mehr. Aber trotzdem ängstigen sich die Leute vor dem «Kollektivismus», «Kommunismus» und «Sozialismus». Die Köpfe stecken im Kalten Krieg fest.

Zurzeit reisen Sie mit Ihrem Roman «Canada» durch Deutschland. Behalten Sie sich Kanada als Fluchtort vor wie Ihr Romanheld aus Montana?
In der Tat, auch wenn mein Roman keineswegs ein politisches Buch ist und mit der aktuellen Situation nichts zu tun hat. Die eigenen Möglichkeiten als Mitglied der Zivilgesellschaft sind beschränkt – und bei mir langsam erschöpft. Bei einer Wahl von Mitt Romney wäre Auswandern immer noch, wie damals 2008 bei John McCain, eine Option.

Bei der ersten Fernsehdebatte von Romney und Obama hat der Kandidat der Republikaner Boden gutmachen können.
Es ist ja auch leichter, zu polemisieren und stark aufzutreten, wenn Sie nichts zu verlieren haben. Romney hat einfach seine Legenden geändert und blieb dabei ganz bei sich selbst. Barack Obama wirkte müde, schwer beladen von der Bürde der Erwartungen, vielleicht aber auch deprimiert wegen der Launenhaftigkeit seiner Fans. Er wird sich selber wiederfinden, da bin ich sicher. Ob die Debatte zwischen den Vizepräsidentschaftskandidaten Paul Ryan und Joe Biden ihm hilft, ist ungewiss. Denn sein Mann Biden ist wie ein wild gewordener Bulle. Wenn der den Mund öffnet, weiss man nie, was passiert, hoffentlich verhaut er die Debatte nicht.

Was entsteht, wenn Sie wieder schreiben?
Jedenfalls kein Text mehr über Montana! Meine Frau würde mir den um die Ohren hauen. Ich arbeite im Augenblick an einem Erzählband. Denn zurzeit fasziniert mich die Grazie des ökonomischen Schreibens. Das hat wohl etwas mit dem Alter zu tun. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2012, 08:44 Uhr

Richard Ford

Der 1944 in Jackson (Mississippi) geborene Autor wurde durch die Roman-Triologie «The Sportswriter» (1986), «Independence Day» (1995) und «The Lay of the Land» (2006) berühmt.

Artikel zum Thema

«Nixon war viel schlimmer, als wir dachten»

Richard Nixon habe lange vor dem Watergate-Skandal zu illegalen Methoden gegriffen. Das sagen die Reporter Carl Bernstein und Bob Woodward, 40 Jahre nachdem sie die Affäre enthüllten. Mehr...

«Barack Obama, das kleinere Übel»

Die meisten US-Intellektuellen unterstützten Obama. Für den Star-Linguisten und Politikaktivisten Noam Chomsky ist er aber nicht links genug. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Jetzt von 20% auf alle Digitalabos profitieren

Mit dem Gutscheincode DIGITAL20 erhalten Sie 20% Rabatt auf alle nicht-rabattierten Digitalabos.
Jetzt einlösen!

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Höhenflug: Im Vorfeld der Viehauktion in der schottischen Stadt Lairg springt ein Schaf über andere Schafe der Herde. Die Auktion in Lairg ist eine der grössten europaweit mit bis zu 15'000 Schafen. (14.August)
(Bild: Jeff J Mitchell/Getty Images) Mehr...