Bärfuss vs Berset

Die Welt ist in Aufruhr, die Schweiz verunsichert. Die 37. Literaturtage Solothurn reagierten darauf mit einem politischen Schwerpunkt, einem Bundesrat – und dem üblichen Massenauftritt heimischer Autoren.

Auf Abgrenzung bedacht:  Lukas Bärfuss (links) mit Bundesrat Alain Berset am Sonntag bei den 37. Literaturtagen Solothurn. (Foto: Dominique Meienberg)

Auf Abgrenzung bedacht: Lukas Bärfuss (links) mit Bundesrat Alain Berset am Sonntag bei den 37. Literaturtagen Solothurn. (Foto: Dominique Meienberg)

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In der Aare treiben keine toten Flüchtlinge. Aber in unserem Bewusstsein treiben sie schon lange, genährt durch schreckliche Bilder, unerträgliche Zahlen: 24 000 Menschen sollen in den letzten Jahren im Mittelmeer ertrunken sein. Wenn das die Schriftsteller nicht aufwühlt, die, wie allgemein angenommen, als Seismografen der Gesellschaft früher und intensiver spüren, was anliegt, wen dann? Die Frage, was man tun kann, tun soll, als Bürger im Allgemeinen und als Autor im Besonderen, bewegte, ja dominierte diese 38. Solothurner Literaturtage. Schliesslich sind die Ertrunkenen Symptom und Konsequenz des krassen Unterschieds der Lebensverhältnisse zwischen Nord- und Südhalbkugel, die die Globalisierung teils einebnet, teils noch verschärft, und aus dem jeder Flüchtling auf seine eigene, notgedrungen lebensgefährliche Weise einen Ausweg sucht.

Was tun also, wie schreiben?, fragten mehrere Podien in Solothurn mit Titeln wie «Literatur im Krisenfall» oder «Ängste und Verunsicherung gehen um in unserer Gesellschaft». Der rührige Verein Kunst+Politik hatte regelrechte Schreibaufträge vergeben, und die vorgetragenen Texte oszillierten zwischen literarischem Spiel – etwa dem vielsprachigen Auftritt von Ariane von Graffenried, die etwas kokett ihre «Überforderung, diesen Text zu schreiben», kundtat – und direktem politischem Appell. So forderte Martin R. Dean farbige Nachrichtensprecher und eine Seconda-Bundesrätin, Marica Bodrozic und Lukas Hartmann insistierten auf der Empathie als zentraler ­Tugend im Umgang mit den Armen und Verfolgten (und ist nicht Literatur die beste Schule der Empathie?). Wilfried N’Sondé, französischer Autor aus dem Kongo, konstatierte hintersinnig: «Die Welt muss neu gedacht werden, und wir haben das Glück, dass wir das tun müssen.»

Das Neudenken der Welt ist nun nicht in drei Tagen Solothurn zu bewerkstel­ligen; leichter tut man sich zweifellos mit dem Kehren vor der eigenen Tür, also mit der Kritik an einer herzlosen, selbstgerechten und latent fremdenfeindlichen Schweiz. Diesem in Schriftstellerkreisen nicht seltenen Vorwurf gewann Pedro Lenz in einem rasanten ­Vortrag wenigstens eine ironische Pointe ab, als er nämlich einen Shit­storm in den sozialen Medien imaginierte, ausgelöst von der skandalösen Tatsache, dass eine Apotheke in Zofingen neuerdings fünf Rappen für einen Plastiksack verlange. Man kann Aufmerksamkeits- und Empörungsfehl­leitung nicht besser illustrieren.

Lenz gehörte zu den umjubelten Stars dieser Literaturtage, auch Altmeister Bichsel und Michael Fehr, der neue Heilsbringer aus der Mundartszene, sowie Ruth Schweikert mit ihrem neuen Roman «Wie wir älter werden» (dazu bald mehr) hatten volle bis übervolle Säle. Das Publikum strömte aber auch zu kleineren Formaten, zu Dichtern, Debütanten, Übersetzern.

Bärfuss kontra Berset

Der grösste Zulauf galt erwartungs­gemäss dem Dialog zwischen dem intellektuellsten Bundesrat und dem politisch exponiertesten Schriftsteller. Alain Berset und Lukas Bärfuss tauschten sich – beide mühelos und oft über Kreuz deutsch-französisch – über den unterschiedlichen Umgang mit Sprache in Literatur und Politik aus. Die hohen Erwartungen, die man an das Zusammentreffen dieser beiden Hochkaräter stellen durfte, erfüllten sich freilich nicht; zu wenig gingen beide auf die Rede des jeweils anderen ein, zu früh ­gaben sie die Initiative an das Publikum ab; das Fehlen eines aktiven Moderators war schmerzlich fühlbar.

Lukas Bärfuss’ Rede, kantig, aber auch wenig originell, setzte auf Abgrenzung: Schriftstellern geht es um das ­Individuum, Politikern um Mehrheiten und Massen; Schriftsteller sprechen auch für die Abwesenden – hier tauchten die Flüchtlinge wieder auf –, sogar für die Toten und künftige Generationen, Politiker nur für Stimmbürger. Ein Aufschlag, den Berset nicht mit einem ­Return beantwortete, sondern mit einer Reihe von Pirouetten wegzutanzen versuchte. Das machte er mit einiger rhetorischer Eleganz, die ihm etlichen Lachern und Entspannungsapplaus eintrug (während Bärfuss gewissermassen moralisch beklatscht wurde).

Inhaltlich waren Bersets Anekdoten ergiebiger als seine eher plakativen Thesen («ohne Sprache ist Politik nichts»). Überraschungsfrei, wenn auch zutreffend, die Ausführungen über Begriffe in Politik und Medien. Je gröber, desto leichter setzten sie sich in der Öffentlichkeit durch («Scheininvalide» hier, «Abzocker» dort). «Steter begrifflicher Tropfen höhlt den Stein»: Das Gerede von einem Mitte-links-Bundesrat sei so verbreitet, «dass ich es fast selbst glaube». Der Schriftsteller betreibe das Gegenteil dieser «Komplexitätsreduktion»; er lasse die Dinge in ihrer Unauflösbarkeit, im Nebel oder im Zwielicht.

Bärfuss war aber gar nicht nach Zwielicht zumute, sondern nach Konfrontation. Die Behauptung, dass alles so komplex sei, gehöre selbst zur politischen Ideologie; komplex seien vielleicht die neuen Instrumente der Finanzwirtschaft, aber die dahinterstehenden Interessen – Gier und Macht – sehr einfach und also auch einfach zu benennen. Überhaupt die Finanzwirtschaft! Die habe doch das Sagen, längst nicht mehr die Politik. Demnach bräuchte Bärfuss das nächste Mal einen Joe Ackermann oder Anshu Jain als Kontrahenten.

Und sonst, jenseits der politischen Debatte, wie zeigte sich die Literatur? Solothurn ist ein schmuckes Städtchen mit freundlichen Bewohnern, die auch Unbekannte auf der Strasse grüssen. Zwischen Landhaus und Gasthaus Kreuz kennt sich dann jeder, auf der Bühne ist der Duzfaktor hoch. Die Aare sorgt, nicht nur weil leichenfrei, für sofortige Entschleunigung des Besuchers. Am fehlenden Genius Loci kann es also nicht liegen, dass im Vergleich das viel kleinere Leukerbad-Festival als das spannendere erscheint, dass man schon bei Lektüre des Programmheftes hier – soll man überhaupt hinfahren? – zögert, während man dort – unbedingt! – nicht lange überlegen muss.

Was und wer fehlte

Vielleicht erklärt ein Blick aufs Solothurner Festivalplakat mehr. 81 Eingeladene sieht man dort, darunter nur 11 Nichtschweizer (ein sehr viel geringerer ­Anteil als an der Bevölkerung). Es ist seltsam, dass eine Veranstaltung, die sich so sehr mit Flüchtlingen und Immigranten beschäftigt, so schweizzentriert auftritt. Ohne attraktive Namen der ­internationalen Literatur – die braucht es nicht, um die Säle zu füllen, die füllen sich auch so –, aber für den einen oder anderen Glanzpunkt. Stolz verweisen die Veranstalter auf Grass oder Coetzee, die einmal nach Solothurn kamen. Ausserdem fehlten diesmal auch einige namhafte Schweizer, weil sie gerade nichts Neues veröffentlicht haben, wie Peter Stamm, Thomas Hürlimann oder Jonas Lüscher. Das war zu spüren.

Notgedrungen – oder aus innerer, kommissionstypischer Überzeugung? – setzten die Organisatoren um die Geschäftsführerin Reina Gehrig auf Masse statt Klasse. Dabei täte eine strengere Auswahl bei den Einladungen den Literaturtagen durchaus gut – manches, was dort gelesen wurde, von Altgedienten wie von Newcomern, fiel eher brav als inspiriert aus, oder um es gut schweizerisch zu sagen: «rächt», und trug zu dem Eindruck bei, in Solothurn dürfe man auch mit mittlerem Mass (um es nicht hässlicher zu sagen) ins Schaufenster. Aber vielleicht sollte man es ungeschminkter sagen: Wenn Leukerbad der literarische Delikatessenladen ist, dann muss Solothurn aufpassen, dass es nicht zum Supermarkt wird.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.05.2015, 20:39 Uhr

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