Berg der Wahrheit, Gipfel der Ironie

Autor Christian Kracht möchte in Ascona eine Buchhandlung übernehmen – wäre das Städtlein bloss nicht so spiessig.

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Das Tessin leidet seit Jahren unter sinkenden Übernachtungszahlen. Es fehlt an Ideen und Hotels im 2- und 3-Stern-Bereich. Nun hofft man gar auf die Expo in Mailand, die dem Tourismus neuen Schub verleihen soll. Eine freudige Botschaft war folglich die Nachricht, dass der bekannte Schriftsteller Christian Kracht erwägt, die altehrwürdige Buchhandlung Libreria della Rondine in Ascona zu übernehmen.

Kracht, so hiess es, wolle die Bücher seiner Kathmandu Library dorthin übersiedeln. Diese besteht aus Reiselektüre, die Traveller im Hotel Sugat in Kathmandu zurückgelassen hatten, wo sich auch die Redaktion von Krachts Literaturmagazin «Der Freund» befand. Die Sammlung besteht vor allem aus eskapistischer Literatur und Bersteiger-Romanen. Weil das Hotel geräumt wurde, befinden sich die Bücher inzwischen in einem Container der Qatar Airways am Flughafen Frankfurt.

Kein Ort der Begegnungen

Dass Kracht auf Ascona stiess, ist kein Zufall. Die Gemeinde liegt am Fusse des Monte Verita, einer Wiege der Alternativkultur. Am vergangenen Wochenende erinnerte ein Literatur- und Philosophie-Festival an die vergangenen progressiven Lebenskonzepte. Kracht, der in seinem letzten Roman «Imperium» von einem gescheiterten Aussteiger erzählt, war zu einer Lesung im Rahmen der «Youtopia»-Reihe eingeladen. Vor allem aber wollte er, der zwar Schweizer ist, aber noch nie im Tessin war, sich ein Bild von Ascona machen. Könnte der Ort ein würdiger Nachfolger für Kathmandu werden?

Also begab sich der Literat zusammen mit Eckhart Nickel, mit dem er in Kathmandu «Der Freund» herausgab, auf den Monte Verita, wo er an einem Panel sein Vorhaben erläuterte. Nun ist es beim Ironiker Kracht nicht immer einfach, zwischen Ernst und Scherz zu unterscheiden. So auch in dieser Angelegenheit; irgendwann glaubte man aber zu erkennen, dass er die Libreria als zu teuer einstufte. Auch sei Ascona wohl nicht der richtige Ort für die Kathmandu Library: träge, alt, «kein Ort der Begegnungen». Will heissen: zu spiessig.

Bereits wähnte man die Angelegenheit erledigt – als ein Mann im Publikum aufstand, der sich als Vertreter der Libreria vorstellte. Er würde gerne die Fakten klarstellen. Die Pacht betrage keineswegs 100'000 Franken für drei Jahre. Sondern 1500 pro Monat. Dies habe er Krachts Anwalt mitgeteilt. Ob es sonst noch Missverständnisse gebe? Nun wurde es den Dandys auf der Bühne, die sich inzwischen trotz Rauchverbot Zigaretten angezündet hatten, sichtlich unwohl – zumal sich eine weitere Stimme aus dem Publikum erhob: Ascona, sagte der alte Mann, sei schon vom Reformgeist entseelt gewesen, als er ein kleiner Junge war. Das wisse man doch. Darauf meldete sich der Bürgermeister von Ascona, der auch inkognito im Publikum gesessen hatte, zu Wort. Er erklärte den Abfluss des kulturellen Kapitals seiner Stadt – leider sei Kultur auch eine Frage des Gelds. Das Angebot an Kracht bestehe aber weiterhin.

Heiterkeit im Publikum

So prallte kosmopolitische Ironie auf pragmatische Lokalpolitik. Eine Frau im Publikum brachte das Geschehen, das inzwischen für grosse Heiterkeit im Publikum sorgte, auf den Punkt: Ist doch alles Dada! Ein anderer Zuschauer wollte derweil wissen, wieso man ein paar gebrauchte Bücher vom Himalaja in die Schweiz retten will.

Ja, wieso? Alfred Hitchcock prägte einst den Begriff des «McGuffin»: Ein Objekt, das in einem Film dazu dient, die Handlung auszulösen oder voranzutreiben, ohne selbst von besonderem Interesse zu sein. Auch auf dem Monte Verita, dem Berg der Wahrheit, fragte sich wohl mancher insgeheim, ob es besagten Container mit Büchern überhaupt gibt. Dem Ironiker Kracht wäre ein solcher Scherz zuzutrauen. Und vielleicht hat ja auch Tessin Tourismus etwas dazugelernt.

Erstellt: 25.03.2013, 16:03 Uhr

Undatierte Aufnahme des theosophischen Eingangstors des Sanatoriums Monte Verità.

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