Bloss weg vom Hier, Jetzt und Ichsein

Eleonore Freys Helden sind «Unterwegs nach Ochotsk». Ankommen tun sie nicht.

Schrieb ein Buch über das gleichnamige Buch im Nichtort Ochotsk: Eleonore Frey.

Schrieb ein Buch über das gleichnamige Buch im Nichtort Ochotsk: Eleonore Frey. Bild: Keystone

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Die einen träumen von Sansibar, die anderen von Timbuktu; Traum- und Sehnsuchtsorte schliessen nicht zwingend Palmen und Sandstrand mit ein. Aber Ochotsk? Das liegt im eiskalten Sibirien, ist kaum zugänglich auf dem Landweg, bevölkert von abgewrackten Industrieanlagen, eine trostlose Zivilisationsruine – wer will da schon wirklich hin? Tatsächlich kommt es auf das «wirklich» gar nicht an. Ochotsk ist für Eleonore Freys Personen eine Projektion, attraktiv gerade durch das Fehlen wirklicher Attraktionen. Nichts Genaues stört die Fantasie, die sich eigentlich bloss wegwünscht vom Hier, Jetzt und Ichsein.

So geht es Sophie, einer jungen Frau, die in der Buchhandlung ihres Onkels arbeitet, eine Ehe hinter sich und zwei halbwüchsige Kinder bei sich hat. Sie verspürt das «dringende Verlangen nach einem Nirgendwo, das leergefegt ist von allem, was sonst ein Leben möbliert und ausmacht.» Ochotsk, ein Nichtort also, in welchem Begriff das griechische Ou-topos aufscheint. Und utopisch ist dieses Verlangen, denn nach Ochotsk führt der Weg nur über ein Buch.

Dieses Buch heisst «Unterwegs nach Ochotsk», geschrieben hat es ein gewisser Mischa Perm, was aber ein Pseudonym ist (wegen des Permafrosts?), der bürgerliche Vorname des Autors ist Robert, und viel mehr erfahren wir über ihn nicht, obwohl er eine der Hauptfi­guren in Eleonore Freys Erzählung ist (einen Roman möchte man das 120-Seiten-Bändchen nicht nennen). Es ist Roberts erstes und letztes, sein einziges Buch, das, obwohl es nur aus fragmentarischen Landschaftsbeschreibungen besteht, «seit Monaten Sensation macht» und sich so gut verkauft, dass der Autor von den Tantiemen leben kann.

Alle lesen Roberts Buch

Ob mans glaubt oder nicht, in Freys Erzählung (sie heisst ebenfalls «Unterwegs nach Ochotsk») lesen jedenfalls alle Roberts Buch, nicht nur Sophie und ihr Onkel; auch Otto, der Arzt, ein Realist und Pragmatiker, eigentlich nicht mal ein Leser, wird davon so angeregt, dass er sich um einen Posten als Schiffsarzt bewirbt, bloss um nach Ochotsk zu kommen.

Sophies Kinder allerdings, die sehr in dieser Welt leben, haben andere, konkrete und erreichbare Sehnsuchtsorte: Ithaca im Bundesstaat New York, wo ihr Vater mit seiner neuen Lebensgefährtin lebt, und Alaska, wohin er mit ihnen fahren will, um Lachse zu fangen und Bären zu beobachten. Das sind Attraktionen von anderem Kaliber, weshalb Sophie fürchtet, ihre Kinder an sie zu verlieren.

Robert wiederum verliert sich gerade selbst; er weiss nicht mehr so recht, wer er ist, und die Erzählerin folgt ihm in diesem Selbstverlust: «Einer, der Robert hiess, der noch früher Mischa Perm hiess und der jetzt keinen Namen mehr braucht, geht flussabwärts aus der Stadt hinaus.» Er möchte «obdachlos zur Probe» sein, unwillkürlich denkt man an Schuberts wandernden Müllerburschen, der sich auch verliert und schliesslich im Bach sein Grab findet.

Theres, die im selben Haus wie Robert wohnt, ist sich schon abhanden gekommen; sie ist nicht bei Trost, wie man das landläufig nennt, und findet auch keinen mehr in dieser Welt – über derartige Sprachwendungen und was sie an Bedeutung verbergen, weiss sich die Autorin in subtilen Bemerkungen auszulassen. Theres liebt Robert, hoffnungslos; Robert und Sophie haben kurz etwas miteinander, auch Sophie und Otto. Aber nichts geht tief oder hat Dauer. Es ist alles ein Hin und Her, ein rechtsum und linksum, ein Ballett des Sehnens und Verfehlens, zu dem Eleonore Frey eine freundliche Sprachmusik spielen lässt.

Schwimmen im Kreis

Diese Musik hat durchaus etwas Verführerisches. Man gibt sich ihr eine Weile gern hin, lässt sich hierhin und dorthin tragen, ohne rechtes Ziel, so wie auch die Personen kein Ziel kennen, sondern nur ein Unterwegssein. Die Erzählung schwimmt im Erzählstrom dahin, der hat eine angenehme, körperwarme Temperatur, aber es ist ein Schwimmen im Kreis. Den Leser – jedenfalls den Autor dieser Rezension – packt dann doch das unwiderstehliche Bedürfnis nach ein paar Stromschnellen, einer schwimmerischen Herausforderung, einer kalten Dusche oder etwas Reibungshitze.

Literarisch gesprochen: Nach einem Wechsel des Tons, des Satzrhythmus, der Perspektive. Das ist allzu gleichförmig, allzu plan, allzu temperamentlos für ein Meisterwerk, als welches «Unterwegs nach Ochotsk» von einigen bejubelt wird. Es ist ein feines Buch, säuberlich und liebevoll konstruiert und ausgeführt, aber auch ein kleines Buch, klein im Umfang, aber auch in der Geste, im Zugriff.

Eleonore Frey: Unterwegs nach Ochotsk. Engeler, Solothurn 2014. 120 S., ca. 29 Fr.

Erstellt: 09.07.2014, 06:49 Uhr

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