Kultur

Bruder Himmelsstürmer, Schwester Leinwandgöttin

In ihrem Roman «Das zweitbeste Glück» erzählt Margrit Schriber die tragische Geschichte des Schweizer Geschwisterpaars Bider, das in der Zeit des Ersten Weltkriegs kollektive Sehnsüchte verkörperte.

«Sie schwebten ganz einfach davon»: Leny Bider mit ihrem Bruder Oskar in seinem Blériot-Flugzeug auf dem Flugplatz Bern-Beundenfeld, 1913.

«Sie schwebten ganz einfach davon»: Leny Bider mit ihrem Bruder Oskar in seinem Blériot-Flugzeug auf dem Flugplatz Bern-Beundenfeld, 1913. Bild: zvg

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Im Zürcher Nobelhotel Bellevue au Lac erschiesst sich am 7. Juli 1919 die 25-jährige Julie Helene Bider, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Leny Harold. Einige Stunden zuvor war ihr Bruder Oskar, ein international gefeierter Flugpionier, in Dübendorf tödlich verunglückt. Am Vorabend hatten die Geschwister mit Offizierskameraden feuchtfröhlich Oskars Abschied vom Militär gefeiert. Der 28-Jährige war eine lebende Legende, der das Fliegerhandwerk bei Blériot in Frankreich gelernt hatte: Wenn im Schweizer Himmel ein Flugzeug auftauchte, dann riefen die Kinder aufgeregt: «eine Bider, eine Bider».

«Filmreifes Leben, filmreifer Tod»

Angeblich in angetrunkenem Zustand soll sich der Erstbezwinger von Pyrenäen und Alpen am frühen Morgen des 7. Juli 1919 in waghalsiger Flugakrobatik versucht haben. War es ein Unfall? Ein absichtlich herbeigeführter «Fliegertod», um einem komplizierten Liebesleben zu entkommen? Die Schweiz stand unter Schock, das «filmreife Leben» des glamourösen Geschwisterpaars mündete in einen «filmreifen Tod».

Die erste Filmdiva der Schweiz hatte sich den Traum von der Schauspielerei gegen alle Widerstände und zeitweilige Verbannungen in «Pensionatskäfige» erfüllt. Ihre beiden Filme waren kommerziell erfolgreich und umstritten: In der Komödie «Frühlingsmanöver», von General Wille gar nicht geschätzt, statten Offiziere einem Mädchenpensionat einen turbulenten Besuch ab. Und in «Der Bergführer» verkörpert sie eine selbstbewusste junge Hotelierstochter zwischen zwei Rivalen. Der erste Kuss der Schweizer Filmgeschichte elektrisierte das Publikum und entfachte einen mittleren Skandal. Und jetzt sind beide tot: Die strahlendsten Exemplare der helvetischen Jeunesse dorée, Kinder eines wohlhabenden Baselbieter Tuchfabrikanten, werden drei Tage später in ihrem Heimatdorf Langenbruck beigesetzt, der Sarg des Nationalhelden wird von einer Schweizer Fahne bedeckt und ist mit Blumen geschmückt, denjenigen der Selbstmörderin ziert lediglich ein schwarzes Tuch.

Der Verlobte Lenys aus der feinen Zürcher Gesellschaft veröffentlicht eine offizielle Erklärung, um Gerüchten zu begegnen, wonach die Geschwister eine inzestuöse Beziehung verband: «Das starke Herz, das schwesterlich-mütterlich so lange Zeit nur für den Bruder geschlagen hatte, musste brechen, als sein Held gefallen.» Eine Freundin der Familie, die «Pariserin» genannt, gelangt in den Besitz von Julie Helene Biders Tagebuch und fragt sich: «Warum? Eine Frage. Tausend Antworten. Jede richtig. Jede falsch.»So weit die Ausgangslage im neuen Roman von Margrit Schriber, die in den vergangenen Jahren in Romanen wie «Die falsche Herrin» oder «Das Lachen der Hexe» handwerklich gekonnt historisch-biografische Stoffe gestaltete, in deren Zentrum meist rebellisch-widerständige Frauenfiguren standen.

Seltene Spezies hinter Glas

Als Grundlage für ihren neuen Roman «Das zweitbeste Glück» – in Anlehnung an den Topos vom grössten Glück, nie geboren worden zu sein – dienten der Autorin einmal mehr Dokumente und Zeugnisse, darunter ein Tagebuch von Julie Helene Bider aus den Jahren 1910–1912. Erzählt wird die Geschichte dieser «Geschwister ohne Wurzeln» auf zwei Ebenen: einmal gleichsam in der Gegenwart vom Todestag bis zur Beerdigung, durchsetzt von Rückblenden, welche Herkunft und Lebensweg der Geschwister nachzeichnen. Der kühle, sachliche Erzählton transportiert Emotionen – bei einem fast zwangsläufig zur Melodramatik verleitenden Stoff – eher zwischen den Zeilen und lässt die innere Beteiligung nur erahnen.

Diese Distanz hat viel mit der gewählten Erzählfigur zu tun und führt dazu, dass die Geschwister wie eine seltene, kostbare Spezies hinter Glas erscheinen. Die «Pariserin» scheint es tatsächlich auch gegeben zu haben. Die alleinstehende Elsässerin war mit ihrem halbwüchsigen Sohn vor der deutschen Besatzung nach Basel geflohen und hatte dort den ebenfalls verwitweten Tuchfabrikanten Jacob Bider kennen gelernt. Sie wird zu einer «Hausfreundin» und hofft vergeblich auf eine Heirat; der scheue, linkische Sohn verliebt sich hoffnungslos in Leny, folgt ihr als «ewiger Bewunderer» jahrelang wie ein Schatten und lässt ihr regelmässig anonym Kamelien schicken. In ihrem Tagebuch charakterisiert Leny die «Pariserin» maliziös als «steife Person mit viel Oberweite, grossem Ausschnitt und noch grösseren Hüten». Die Erzählerin muss nach dem plötzlichen Tod von Jacob Bider ihre Hoffnungen begraben, als «Mutterersatz» wird sie von Oskar und Leny nicht akzeptiert. Entsprechend ist nach dem Tod der Geschwister ihre Ursachenforschung nicht frei von leiser Verbitterung und Selbstmitleid («Niemand tröstet eine hinterbliebene Geliebte»).

Das eigene Leben als Kunstwerk

Auch die «Pariserin» vermag das Rätsel um den Tod der Geschwister nicht zu lösen. Die theatralische Leny, die gerne mit ihrer Dogge Cäsar auf der Bahnhofstrasse flanierte, scheint ihre Rollen auf und abseits der Leinwand – vom Vamp über Mata Hari und die Diva bis zur scheinbar vernünftig gewordenen Verlobten eines Zürcher Grossbürgersohns – wie verschiedene Identitätskleider ausprobiert zu haben. Sich selbst als Kunstwerk zu erschaffen bis hin zum finalen Theatercoup nach dem Tod des Bruders: Danach habe Leny, glaubt die «Pariserin», ihr kurzes Leben lang gestrebt.

Diesen attraktiven Stoff hat Margrit Schriber nur teilweise in den Griff bekommen. Die Erzählkonstruktion krankt nicht zuletzt daran, dass diese Aussensicht der «Hausfreundin» nicht durchgehalten werden kann und immer wieder Passagen aus der auktorialen, allwissenden Perspektive weicht. Die beiden Geschwister hängen so als Figuren auf halbem Weg in der Schwebe zwischen einem realistischen Zugriff und einer konsequenten Stilisierung: Weder sind sie konkret modelliert aus Fleisch und Blut, noch sind sie «Bigger than life»-Kunstfiguren, die sich ihre eigene Wirklichkeit erschaffen.Wenn die Lektüre des Romans trotzdem lohnend ist, dann wegen der Einblicke in spannende Kapitel der Schweizer Technik- und Kulturgeschichte. Oskar und Leny Bider waren die prägenden Gesichter in der Frühzeit des Schweizer Films und der Luftfahrt. Beide avancierten sie zu Projektionsfiguren und verkörperten kollektive Sehnsüchte: Sie liessen scheinbar unüberwindliche geografische Grenzen hinter sich. Sie waren Sterne, die kurz strahlten und rasch verglühten – und sie erweiterten den Schweizer Blick auf die Welt. Auf der Kleinen Schanze in Bern steht seit 1924 ein Denkmal, das an Oskar Bider erinnert. Es zeigt einen Mann, auf einer Kugel balancierend, der mit weit ausgebreiteten Armen wie ein Ikarus zum Abflug bereit ist. (Der Bund)

Erstellt: 26.09.2011, 16:33 Uhr

Leny Bider auf dem Tennisplatz, ca. 1918. (Bild: zvg)

Buch

Margrit Schriber: Das zweitbeste Glück. Roman. Nagel & Kimche, 168 S., Fr. 25.90.

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