Büchner-Preis für Sibylle Lewitscharoff

Nach einigen diskutablen bis bestreitbaren Entscheidungen in den letzten Jahren kann man als Leser und Kritiker wieder herzhaft Ja! zu diesem Büchner-Preis sagen.

«Erzählerische Phantasie, sprachliche Erfindungskraft»: Die Büchnerpreis-Jury über Autorin Sibylle Lewitscharoff.

«Erzählerische Phantasie, sprachliche Erfindungskraft»: Die Büchnerpreis-Jury über Autorin Sibylle Lewitscharoff.

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Mit einem knallenden «Peng» betrat sie die Literaturszene. Oder so ähnlich. Denn «Pong» hiess der Text, mit dem Sibylle Lewitscharoff sich 1998 in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis erlas. Ein Schelmenstück, das auch zum Roman ausgebaut die Kritik begeisterte. Fortan kam man um die Stuttgarterin nicht mehr herum, es hagelte Anerkennungen und Auszeichnungen, vom Preis der Leipziger Buchmesse bis zum Kleist-Preis, um nur die wichtigsten zu nennen, und dass sie auch den allerwichtigsten erhalten würde, war nur eine Frage der Zeit. Die ist jetzt gekommen. Die Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung hat Sibylle Lewitscharoff den Georg-Büchner-Preis 2013 zuerkannt. Er ist 50 000 Euro wert und wird am 26. Oktober in Darmstadt verliehen.

Nach einigen diskutablen bis bestreitbaren Entscheidungen in den letzten Jahren kann man als Leser und Kritiker wieder herzhaft Ja! zu diesem Büchner-Preis sagen. Sibylle Lewitscharoffs Romane – «Montgomery» (2003), «Consummatus» (2006), «Apostoloff» (2009) und «Blumenberg» (2011) – sind intelligent und kühn, voller Winkelzüge und Überraschungen. Sie greifen nach den Sternen und machen sich lustig darüber. Sie entstehen nicht aus Mangelverwaltung, sondern aus einem nur mit grosser Disziplin zu bändigenden Überfluss.

Blosser Realismus langweilt sie. In «Blumenberg» erhält der gleichnamige Philosoph Besuch von einem Löwen, den nur er (und der Leser) sehen kann, in «Consummatus» tritt ein Studienrat in einem Stuttgarter Café in Kontakt mit Toten, die in blasserer Drucktype reden. Die studierte Religionswissenschaftlerin hat nicht vergessen, das Schrift auch Offenbarung sein kann, dass der Mensch auch in entgotteten Zeiten das Bedürfnis nach der ganzen Wahrheit hat, nicht nur nach intellektueller Zergliederung, aber dass diese ganze Wahrheit nicht mehr so einfach zu haben ist.

Zur Schweiz hat die 1954 geborene Tochter eines Bulgaren und einer Deutschen eine intensive, fast innig zu nennende Beziehung. Sie war Gastautorin in Lenzburg (und für den «Tages-Anzeiger» Gastberichterstatterin aus Solothurn), als Trägerin des Spycher-Preises immer wieder Gast in Leuk, und 2011 hielt sie die dreiteilige Poetik-Vorlesung im Zürcher Literaturhaus. Titel: «Zweifel am Guten, Wahren, Schönen». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.06.2013, 14:29 Uhr

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