Chinesischer Autor warnt vor Flüchtlingsströmen aus Hongkong

Die Frankfurter Buchmesse ist heuer sehr politisch. Die Schweizer Verleger wiederum zeigen sich zufrieden. Ein Rundgang.

Exilchinese und Friedenspreisträger Liao Yiwu, hier an der Frankfurter Buchmesse 2012.

Exilchinese und Friedenspreisträger Liao Yiwu, hier an der Frankfurter Buchmesse 2012. Bild: Keystone

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«Gibts ein Messethema?», überfällt mich ein gerade angekommener Kollege am ersten Nachmittag. Nun, das kommt darauf an. Nämlich, in welcher Szene – oder Blase – man sich gerade bewegt. Unter deutschsprachigen Kritikern ist das Thema natürlich die Handke-Kontroverse. Pro oder kontra Nobelpreis für Peter Handke, pro oder kontra Sasa Stanisic und seine zur Handke-Schelte umfunktionierte Dankesrede zum Deutschen Buchpreis: Das erregt und spaltet die Kollegen.

Zwar werden auch in der Bücherwelt neue Ereignisse von den neuesten verdrängt, aber diese Kontroverse wird länger dauern und wirken. Weil sie an die grundsätzliche Frage rührt, wieweit politische Irrtümer, zumal wenn sie ins Werk eingehen, den Wert eines Autors beschädigen können. Man möchte ja gern differenzieren, aber eine Auszeichnung, zumal diese, ist eine Entscheidung, also das Gegenteil von Differenzierung. Und das gibt jeder Haltung dazu auch etwas Dezisionistisches.

Für die Norweger ist das Messethema natürlich ihr Gastlandauftritt. Der überrascht mit einer kargen, fast abstrakten Inszenierung. Der dem Ehrengast vorbehaltene Saal ist durch zwei Spiegelwände verdrei-, ja vervielfacht, heller Boden spiegelt weisse Nächte vor. Aber wie wird der Raum genutzt? Spärlich verstreut sind Bücher auf Tischen drapiert, von denen sich Aluminiumstangen in die Höhe winden, man könnte an einen Schlitten, mal an ein Rentier denken. Mit viel Fantasie allerdings. Mach dir deine Bilder im Kopf selber, soll das wohl heissen. Den Sinnen wird Genüge getan mit einer Reihe von Riechdöschen, an denen man den Duft einer Ozeanbrise erschnuppern kann, aber auch die Erinnerung an den ersten Kuss. Na ja.

«Deep Reading» für «Deceleration»

Norwegen hat zwar ein vorbildliches Literatur- und Leseförderungssystem (von dem die Schweiz einiges lernen könnte!), aber auch dort schwindet die Zahl der Buchkäufer. Auch dort gibt man Studien in Auftrag, die ergründen sollen, wie man diejenigen halten kann, die man noch hat, und die zurückgewinnen, die schon gegangen sind. Die Antworten klingen, dort im Norden wie hier bei uns, einigermassen hilflos. Bücher und das ihnen gewidmete «deep reading» seien doch gut für «deceleration», Entschleunigung, und die brauchen wir doch in einer beschleunigten Welt! Ja, schon, aber das müssen die Kunden halt auch so sehen.

Gastland Norwegen: Kronprinz Haakon war auch da.

Einer der grossen Konkurrenten um deren Aufmerksamkeit und Budget heisst Netflix. Mit Kelly Luegenbiehl trat eine Spitzenmanagerin des Unternehmens im sogenannten CEO-Talk im «Frankfurt Pavilion» auf, einer austernförmigen Holzkonstruktion auf dem Hauptplatz des Messegeländes. Lächelnd wischte sie den Konkurrenzgedanken weg: «It’s all about storytelling.» Natürlich bedient sich der neue dominante Player im Unterhaltungsgeschäft gern bei den Verlagen als Ideenlieferant. Wo sei das Problem?

Ein Problem der Verlage ist zum Beispiel, dass ihr Geschäft immer stärker von dem einen Bestseller abhängt, den man hat oder eben nicht hat. Die Lösung haben wir, sagt QualiFiction, ein Start-up, das gerade auf der Buchmesse zum «Content-Start-up des Jahres 2019» gekürt wurde. Die Software von QualiFiction durchleuchtet Manuskripte auf ihr «Potenzial». Geschäftsführer Ralf Winkler kündigt bereits den «Bestseller von morgen» an, macht aber vorderhand Verlagen das Angebot, die unüberschaubare Menge an unverlangt eingesandten Manuskripten zu prüfen. Künstliche Intelligenz soll Lektorate entlasten, Autoren ein faires Feedback geben (statt der üblichen ablehnenden Formbriefe) und letztlich zu «besserer Literatur» führen.

Was aber erkennt die Software? Sie erstellt Wortfelder, misst «Stimmungskurven», erkennt Themen- und Konfliktfelder der Handlung und erstellt eine Grafik der Personenkonstellation. Mit dem, was Literatur ausmacht, mit Sprache und Stil, hat das nichts zu tun. Wörter sind auch Daten, gewiss, aber nicht nur das. So wie Bücher auch Waren sind, aber nicht nur das, und ihr Doppelcharakter lässt sich auf der Messe wunderbar studieren: Hier harte Lizenzverhandlungen, dort Mutmacherreden.

Wer kauft heute noch Bücher? Szene der diesjährigen Buchmesse.

Bei den Schweizern heisst das Messethema offenbar: Uns gehts gut! Paul R. Seger, unser Botschafter in Berlin, gab beim traditionellen Schweizer Empfang den Ton an: Büchner-Preis für Lukas Bärfuss, Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk in einem Zürcher und einem Lausanner Verlag (Editions Noir sur blanc)! Auch der nach 14 Jahren scheidende Geschäftsführer des Schweizerischen Buchhändler- und Verlegerverbandes, Dani Landolf, zeigte sich überzeugt, dass «es schon gut komme».

Olga Tokarczuk war natürlich das Messethema beim Kampa-Verlag. Der kleine Eckstand an der Kreuzung von zwei Gängen war völlig überfordert vom Ansturm der Fans, die im Gedränge ein Foto oder ein Autogramm zu erhaschen suchten. Olga Tokarczuk versuchte in dem manchmal bedrohlichen Trubel gelassen zu bleiben, lächelte und signierte, zog sich dann bald in den Kreis ihrer ausländischen Verleger zurück.

Kein Thema beim Diogenes-Empfang war die Nachricht, dass Philipp Keel die Anteile des verstorbenen Mitbesitzers Rudolf Bettschart gekauft hat. Die Öffentlichkeit erfuhr es tags darauf via FAZ-Interview. Und auch, dass er den kreditgebenden Bankern erst mal erklären musste, wie so ein Verlag funktioniert. Die Besitzverhältnisse sind für die Zukunft geregelt: eine gute Nachricht für Mitarbeiter und Literaturfreunde.

Der Verlag Kein & Aber, der letztes Jahr ein ganzes Turmgerüst bespielte, wartete diesmal mit einem «Kein & Aber Cube» auf, in dem man, durch Tippen auf Buchumschläge ausgelöst, kleine Comicfilme betrachten konnte. Bei Milena Mosers neuem Buch wanderten etwa farbige Totenköpfe über alle vier Wände. Nun denn.

Einhellige Kritik am Fleischkonsum

Natürlich fängt die Buchmesse auch die gärenden Probleme aus aller Welt ein, in Form von Podien, Ständen oder Auftritten aller Art. Eine Mahnwache für Hongkong unterstützte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels ganz offiziell, mit schwarzen Regenschirmen, die die Aufschrift «Free the Word» trugen. Liao Yiwu, Exilchinese und Friedenspreisträger, prangerte die Repression in China an und warnte vor neuen Flüchtlingsströmen nach Europa, diesmal aus Hongkong. Und der Botschafter Taiwans, der als Dolmetscher auftrat, warnte vorbeugend: Die könne sein Land nicht alle aufnehmen.

Kein Thema ist grösser als die Zukunft der Menschheit. Nicht zu gross für die Buchmesse. Beim «Weltempfang» (gefördert vom Deutschen Aussenministerium), waren sich der französische Autor Jean-Baptiste Del Amo und der Spitzengrüne Robert Habeck, wie stets emphatisch und eloquent, einig, dass dem Elend der Massentierhaltung nur beizukommen sei, wenn der Fleischkonsum deutlich zurückgehe. Dafür trügen zwar die Verbraucher ihren Anteil an Verantwortung, vor allem aber die Politik. Es brauche eben doch Lenkung, Regeln und Vorgaben. In zehn Jahren müsse die Produktion an tierischen Produkten um die Hälfte sinken, ebenso die Zahl der neuen Autos. «Das ist nicht Realpolitik, aber das kann es werden.»

Das ist die Frankfurter Buchmesse: Von der Debütlesung vor zwei Zuschauern bis zur Rettung der Welt – alles unter einem Dach.

Erstellt: 18.10.2019, 16:31 Uhr

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