«Churchill verstand Hitler besser als die meisten»

Historiker Wolfram Pyta analysierte Hitler als gescheiterten Künstler – und entdeckte eine bemerkenswerte Verwandtschaft.

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Wann stellte Hitler seine künstlerischen Versuche ein?
1914 mit Ausbruch des Krieges verabschiedete sich Hitler vom Zeichnen als Broterwerb. Bezüglich Hitlers Künstlertum gibt es übrigens ein weit verbreitetes Missverständnis: die Aquarelle, die heute als typische Hitler-Werke angenommen werden und die er bis zum Kriegsausbruch anfertigte, zeichnete er nur zum Broterwerb. Da war keine Leidenschaft dabei – diese galt vielmehr dem Architekturzeichnen.

Hitler glaubte offenbar, als verhinderter Künstler Militärkarten intuitiv besser verstehen zu können als seine Generäle. War die Annahme in irgendeiner Form berechtigt?
Für den Westfeldzug liess sich Hitler eine aufwendige Reliefkarte bauen. Und tatsächlich setzte er nicht zuletzt deswegen auf die verwegene, letztlich erfolgreiche Idee, die Ardennen mit Panzern zu durchqueren – wovon ihm die meisten Militärs ja abgeraten hatten. Dieser überraschende Triumph bestärkte Hitler im Wahn, genialisch als Kriegskünstler die Feldzüge dominieren zu können.

In Ihrem Buch erwähnen Sie eine bemerkenswerte Notiz: Churchill begrüsste 1944 nach dem Stauffenberg-Attentat in einer ironischen Note Hitlers Überleben. So bliebe ihm ein höchst dilettantischer Gegner erhalten.
Churchill verstand Hitler besser als die meisten Zeitgenossen. Auch der Brite versuchte sich ja in verschiedenen Berufen – als Schriftsteller, Soldat, Offizier, Politiker. Nur tat er das eben in allen Gebieten besser als Hitler. Und weil Churchill auch militärisch solide ausgebildet war, sah er Hitlers Stümpereien noch deutlicher. Im Gegensatz zu Hitler wusste er genau, wann er das Feld kompetenteren Militärs überlassen musste.

Wann wurde Hitlers Nimbus als «Kriegskünstler» gebrochen?
Ganz gebrochen wurde der Nimbus nie – bis zum Schluss, bis zur Eroberung Berlins 1945, nicht. Zu Ende des Krieges kam sogar ein neuer Geniediskurs auf: der Wunderwaffendiskurs, der vor allem auf die neuen Raketentechnologien abstützte. Hitlers unergründlicher Schöpferkraft sei damit ein entscheidendes, die Wende herbeiführendes Wunder gelungen, so die Behauptung der Propaganda.

Der junge Hitler war ein Wagnerianer. Wie beeinflusste ihn Wagner und seine Musik?
Bis 1919 sah Hitler in Wagner den Künstlergott, den perfekten Künstler schlechthin. Danach, als Hitler sich der Politik zuwandte, begann ihn vor allem Wagners Idee des Gesamtkunstwerks zu faszinieren. Hitler studierte Wagner aufs Neue, und das sehr genau: Er wollte lernen, wie man einen Auftritt perfektioniert.

«Lernte» Hitler auch vom Antisemiten Wagner?
Das hingegen weniger. Wagner war ein kultureller Antisemit: Er sah in den Juden vor allem erfolgreiche, ruchlose Kapitalisten, die ihm den Erfolg streitig machten. Es ging ihm also nicht um eine «Rasse», sondern vielmehr um ein Verhalten, das ihm zuwider war. Ein Jude im wagnerschen Sinn konnte sich also «bessern», sich ändern. Bei Hitler ist das anders. Sein Antisemitismus ist konsequent rassistisch, es gibt keinen Ausstieg und keine Erlösung vom Schicksal. Und dieses Schicksal sollte nach Hitlers Willen die Vernichtung sein.

Bereits Thomas Mann beschäftigte sich mit der Beziehung Wagner - Hitler. Eine bildungsbürgerliche Idée fixe?
Das politische Phänomen Hitler war mit den herkömmlichen Kategorien nicht zu erfassen. Die Figur des Richard Wagner, die trotz seiner Exzentrik und seines Antisemitismus noch vom Bildungsbürgertum akzeptiert werden konnte, schien da als Erklärungsfigur nahezuliegen, zumal Hitlers Wagner-Verehrung offenkundig war. Dies ist hinsichtlich der Ästhetisierung der Politik, der totalitären Adaptation der Idee des Gesamtkunstwerks sicher berechtigt, führt aber in mancher Hinsicht in die Irre. Unzutreffend ist etwa, dass Hitler bei seiner Herrschaft von Anfang an einen apokalyptischen Untergang analog der Götterdämmerung gedacht habe.

Das Œuvre Hitlers erfreut sich ja makabrer Beliebtheit, seine Bilder erzielen auf Auktionen Höchstpreise. Was halten Sie davon?
Man muss erst mal aufpassen, ob es sich denn überhaupt um eine originale Hitler-Zeichnung handelt. Da täuschen sich viele nämlich gewaltig. (lacht) Bereits als Hitler 1933 Reichskanzler wurde, machte ein ehemaliger Geschäftspartner Hitlers aus Österreich ein schönes Geschäft daraus, Fälschungen anzufertigen. Künstlerisch sind die Preise natürlich in keiner Weise zu rechtfertigen – einerlei, ob es sich nun um einen Original-Hitler handelt oder nicht.

Erstellt: 29.05.2015, 10:33 Uhr

Wolfram Pyta (*1960) ist Geschichtsprofessor der Universität Stuttgart. (Bild: PD)

Wolfram Pyta: Hitler. Der Künstler als Politiker und Feldherr. München 2015. 846 Seiten, 53 Franken.

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