«Da kommt unser Stadtschreiber!»

Auch Zürich hat jetzt seinen «writer-in-residence». Wie sinnvoll sind solche Aufenthaltsstipendien? Das kommt auch auf den Autor an.

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Was kann man für Schriftsteller tun, diese armen Schlucker? Die Antwort: «Ihnen Geld geben!», befriedigt Stadtväter und Kulturdezernenten im deutschsprachigen Raum schon lange nicht mehr. Stipendien, Werkjahre, Förderpreise: schön und gut. Aber gibts nicht etwas Originelleres? Etwas über die Nullachtfünfzehn-Förderei hinaus? Das der geldgebenden Kommune umgekehrt etwas einträgt – Aufmerksamkeit, Publizität, im Idealfall sogar eine literarische Verewigung?

All dies erfüllt der Stadtschreiber ideal. Deshalb leisten sich immer mehr Orte einen. Vor allem in Deutschland boomt die Stadt-, Dorf-, Turm-, ja sogar Inselschreiberei. Und wem dieser Titel ein bisschen altbacken vorkommt – er geht tatsächlich ins Mittelalter zurück, als Stadtschreiber die Protokollanten der Ratssitzungen waren und auch allerlei andere Amts- und Sekretariatstätigkeiten zu absolvieren hatten –, der nennt das Ganze gut amerikanisch «writer-in-residence». So auch Zürich, wo der erste Gast eines neu installierten Projekts, der Finne Olli Jalonen, vor ein paar Tagen eingetroffen ist.

Wohnung ist nur ein Angebot

Die Karriere des modernen Stadtschreibers begann 1974 in Bergen-Enkheim, damals ein Vorort von Frankfurt (inzwischen eingemeindet). Die von Franz-Josef Schneider, Bürgermeister und Schriftsteller (sogar Teilnehmer an Gruppe-47-Treffen), erfundene Institution ist mehr oder weniger Vorbild für alle anderen Autoren-Residenzen. In Bergen-Enkheim hält sich derzeit der 37. Stadtschreiber auf, Thomas Rosenlöcher aus Dresden. Er hat Wohnrecht im Stadtschreiberhäuschen für ein Jahr, erhält ein Preisgeld von 20'000 Euro, und zu Beginn seiner Amtsperiode wird ein Stadtschreiberfest ausgerichtet. Und wenn er einen Kollegen für eine Lesung einladen will – auch dafür gibt es einen Etat. Bergen-Enkheim hat bei der Eingemeindung gut verhandelt.

Und das Ganze für – nichts. Gegenleistungen werden nicht verlangt. Kein Roman über Bergen-Enkheim ist zu verfassen, nicht einmal ein Gedicht. Auch die Wohnung ist nur ein Angebot; die ursprünglich verlangte Anwesenheit wurde aus den Statuten gestrichen. Als Herta Müller vor einigen Jahren zur Stadtschreiberin berufen wurde, gab sie zu bedenken, dass sie im vorgesehenen Zeitraum ein Gastsemester in den USA zugesagt habe. Kein Problem, erinnert sich Joachim Netz, Geschäftsführer der ausrichtenden Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim: Der Rest reiche.

Nur sechs von den möglichen zwölf Monaten war auch Paul Nizon da, dafür ging er immer mit dem Hund des Bürgermeisters spazieren. Andere verfielen dem Genius loci: Ingomar v. Kieseritzky war, so Netz, überhaupt nur eine einzige Woche nicht in Bergen-Enkheim. Robert Gernhardt oder Wilhelm Genazino wiederum, in Frankfurt wohnhafte Preisträger, zogen nicht extra in den Vorort um.

«Mach selber was draus»

Die Anwesenheit ist der wunde Punkt aller Stadtschreiberstellen. Ältere Autoren oder Autorinnen haben manchmal Partner und Kind und, wenn sie es zu etwas gebracht haben, auch ein heimeliges Heim und ihre Gewohnheiten. Die geben sie nicht gern für eine kleine, möglicherweise ihr Stilempfinden störende Wohnung auf. Unter Schriftstellern erzählt man sich gern hinter vorgehaltener Hand, welche Orte attraktiv, welche unzumutbar sind und wer alles hier oder dort kaum, ja gar nicht gewohnt hat.

Der Berliner Autor Ulrich Peltzer sagt es frei heraus: Man soll den Autoren lieber das Geld direkt geben, damit sie dort schreiben können, wo sie es am besten können – zu Hause. Peltzer war in Bergen-Enkheim auch gern, wenn auch nicht allzu oft. Auch Michael Kleeberg braucht zum Arbeiten seine Handbibliothek und das gewohnte Ambiente (sowie die Nähe zu Frau und Tochter). Den Stadtschreiberpreis von Mainz hat er trotzdem angenommen, sich in die Stadt und ihre lesefreudigen Einwohner «verguckt» und war deshalb viel öfter da, als er eigentlich vorhatte. Und er hat selbst etwas auf die Beine gestellt: Die «Mainzer Freiheitsgespräche».

Einfach hineingeschmissen

Worauf es also ankommt, hat Peter Bichsel (Bergen-Enkheim 1981/82; Mainz 1996) vor Jahren so formuliert: «. . . das ist ja das Fantastische an dieser Idee, dass Leute einfach hineingeschmissen werden, und es wird ihnen gesagt: Jetzt bist du Stadtschreiber, und wir sagen dir nicht, was das ist: Mach selber was draus!» Was draus zu machen, versucht auch der Rumänien-Schweizer Catalin Dorian Florescu, im Moment eine Art Stadtschreiber-Hopper. Nach Stationen in Dresden und Erfurt meldet er sich jetzt aus Baden-Baden: «Man muss es wollen und können.» Er nimmt Kontakt zur jeweiligen Lokalzeitung auf, schreibt Kolumnen, richtet eine Sprechstunde ein oder einen Stammtisch, knüpft Kontakte, schliesst Freundschaften. Er wird von Institutionen, aber auch von Privatleuten zu Lesungen eingeladen, tritt in Schulen, aber auch in einem Gefängnis auf. «Irgendwann sagen die Leute, wenn sie mich sehen:‹Da kommt unser Stadtschreiber!›» Florescus Strategie: die verschiedenen Wohnstätten auf Zeit gezielt nutzen, um dort ein Lesepublikum zu generieren, das die Sympathie für den «Autor zum Anfassen» in Buchkäufe umsetzt.

Auch Sibylle Lewitscharoff, die Stuttgarterin mit bulgarischen Wurzeln, betont: «Man muss ein bisschen gesellig sein.» Introvertierte Typen eignen sich nicht als Stadtschreiber. Sie hat ihre Aufenthalte in Lenzburg («Das Häusle war so schön!») und Leuk ungeheuer genossen und jede Menge Leute getroffen, die Bücher lesen – ihre und andere.

Eher etwas für Jüngere

Auch Joachim Netz hat festgestellt, dass die Stadtschreiber das literarische Leben beflügeln. Er ist überzeugt, dass die Buchhandlung von Bergen-Enkheim ohne die Stadtschreiber längst hätte schliessen müssen, und: «Unsere Stadtteilbibliothek hat die höchsten Ausleihzahlen in ganz Frankfurt.»

Zu lang darf die Stadtschreiberei aber nicht dauern: Da sind sich alle befragten Autoren einig. Der Aufenthalt, seine Dauer und Frequenz: Alles muss freiwillig sein, sonst führt er nicht zur Inspiration, sondern zur Verkrampfung. Und: Wer es zu Hause gut hat und schon etwas arriviert ist, zieht nicht mehr so gern in ein Stadtschreiberhüsli. Annette Mingels meint: Vieles ist eher etwas für 25-Jährige als für 45-Jährige. Etwa der «Esslinger Bahnwärter», ein dreimonatiges Aufenthaltsstipendium in einem ehemaligen Bahnwärterhaus in Baden-Württemberg. Die Züge fahren immer noch vorbei, viele Züge, auch nachts – «da wackelten die Wände». Ausserdem liegt das Häuschen in einem grossen, nachts natürlich verlassenen Park: «Ziemlich unheimlich.» Und Urs Widmer erinnert sich, dass er als junger Autor gern Stadtschreiber in Graz war, als älterer nicht mehr ganz so gern (und oft) in Mainz. Dass er mit einem ZDF-Team einen Film drehen konnte – das Angebot gehört zum Stadtschreiberpaket – hat ihm aber sehr gefallen.

Das liebe Geld

Letzter heikler Punkt: das Geld. Vom freien Wohnen wird der Stadtschreiber nicht satt. Und zu Hause laufen die Kosten weiter – Miete, eventuelle familiäre Verpflichtungen. Manche haben auch einen Job neben dem Schreiben, aus dem sie nicht so leicht herauskommen. Wie kompensiert man das? Am grosszügigsten ist ausgerechnet das kleine Bergen-Enkheim: 20'000 Euro erhält der dortige Stadtschreiber für sein Jahr. Mainz zahlt 12'500 für den gleichen Zeitraum. In ähnlichen – wenn man ehrlich ist: bescheidenen – Dimensionen bewegen sich viele Kommunen: Tübingen, Mannheim, Esslingen zahlen 1000 Euro im Monat, auch Eisenbach im Schwarzwald, das den einzigen «Dorfschreiber» beherbergt, hält da drei Monate lang mit. In Dresden – immerhin Landeshauptstadt von Sachsen! – sind es nur 900 Euro, in Baden-Baden, wo Pensionäre ihren Reichtum spazieren führen, schäbige 760 Euro im Monat. Da ist der Turmschreiber von Deidesheim schon bessergestellt. Ihm stehen neben dem Salär vier Wochen lang täglich drei Flaschen Pfälzer Wein zu: Inspirationsförderung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.12.2010, 20:12 Uhr

Wird während sechs Monaten die Stadt beobachten: Der Finne Olli Jalonen. (Bild: PD)

Olli Jalonen ist Zürichs erster «writer-in-residence»

Beatrice Stoll ist begeistert vom neuen Projekt des Literaturhauses. Die Initiative dafür ging von unerwarteter Seite aus: Die Stiftung zur Erhaltung von preisgünstigen Wohn- und Gewerberäumen der Stadt Zürich, kurz PWG, hat zu ihrem 20-jährigen Bestehen eine Dreizimmerwohnung oberhalb des Hegibachplatzes zur Verfügung gestellt. Sie ist mit allem ausgestattet, «bis hin zum Sparschäler» (Stoll). Fürs Erste fünf Jahre lang sollen, alle sechs Monate wechselnd, Autoren aus Finnland, Irland, Indien und Argentinien dort wohnen.

Diese Länderauswahl hat die dreiköpfige Jury, in der auch Literaturhausleiterin Stoll sitzt, für die nächsten zweieinhalb Jahre getroffen, danach wird gewechselt. Osteuropa, ein literarisch attraktiver Halbkontinent, bleibt vorerst ausgespart, weil die Stiftung Landis & Gyr mit ihren Aufenthaltsstipendien dort einen Schwerpunkt hat.

Die (Vor-)Auswahl der Autoren treffen fachkundige Kuratoren in den jeweiligen Ländern. Bedingungen: Die Autoren müssen eine der Landessprachen sprechen (oder Englisch) und einige Publikationen vorweisen können. Anfänger will man also nicht. Und sie müssen, das steht im Vertrag, fünf von sechs Monaten hier wohnen. Ein Knebelpassus, von dem man andernorts längst abgekommen ist.

Rund 2200 Franken gibt es pro Monat, zuzüglich Krankenversicherung; das Geld kommt von Stadt und Kanton (nicht aus dem Literaturhaus-Etat). Beatrice Stoll und ihr Team wollen «Gastgeber sein, nicht Kindermädchen». Sie wollen Kontakte knüpfen, bei der Vernetzung helfen. Stoll ist zuversichtlich, dass das Projekt auf die Autoren und die Stadt anregend wirken wird. Dass in der Schweiz Ähnliches bereits gescheitert ist, macht ihr keine Angst – das «writer-in-residence»-Programm des Literaturhauses Basel musste nach wenigen Jahren wegen Geldmangels aufgegeben werden, in Zug sorgte eine Volksabstimmung 1994 für die Beerdigung des dortigen «Stadtbeobachters».

Olli Jalonen, der erste «writer-in-residence» in Zürich, wird am 20. Januar um 20 Uhr von seiner Übersetzerin Annegret Ruoff im Literaturhaus vor-gestellt. Die deutsche Übersetzung seines Romans «Vierzehn Knoten bis Greenwich» ist im Mare-Verlag erschienen.

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