Das Alter ist keine Krankheit

Laufen. Lernen. Lieben. Lachen. Wer diese vier L befolgt, altert gut und glücklich. Das schreibt der Philosoph Otfried Höffe in einem lesenswerten Essay.

Es ist nicht so, dass man sich im Alter zurücklehnen kann: Regelmässige Bewegung hilft, Körper und Geist fit zu halten. Foto: Urs Jaudas

Es ist nicht so, dass man sich im Alter zurücklehnen kann: Regelmässige Bewegung hilft, Körper und Geist fit zu halten. Foto: Urs Jaudas

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Mit steigender Lebenserwartung gewinnt die Thematik des Alters und Alterns an Bedeutung. Die Verlage haben dies erkannt und bringen einen Ratgeber nach dem anderen auf den schnell wachsenden Markt. Nicht alle Bücher sind so erhellend und lehrreich wie «Die hohe Kunst des Alterns» des Tübinger Philosophen Otfried Höffe.

Leicht zu merken und populär sind die vier mit L beginnenden Aktivitäten, die der Autor ins Feld führt: Wer läuft und lernt, liebt und lacht, altert besser. Wie der Körper, so brauche auch der Geist Bewegung; und wie das private, so brauche auch das gesellschaftliche Leben humorvolle Teilnahme. «Im Idealfall entwickelt man sich wie ein guter Wein: Mit zunehmendem Alter gewinnt man Charakter und strahlt Lebenserfahrung aus», schreibt der Autor über die «gewonnenen Jahre». 

Ärger abwerfen

Die vier L müssen gehegt und gepflegt, nicht bloss gelehrt werden: Denn die gesellschaftliche Anerkennung und das Gefühl, geliebt oder zumindest gebraucht zu werden, wirken stärker als manche Medikamente oder Therapien. So wie man beim Laufen, das kein modisches Joggen sein muss, den täglichen Ärger abwirft, wirkt das Lachen, diese Musik der Seele, befreiend auf die Psyche.

Dabei ist es nicht so, dass man sich im Alter zurücklehnen kann, im Gegenteil. «Wenn man alt ist, muss man mehr tun, als da man jung war», wusste schon Johann Wolfgang von Goethe, der 83 Jahre alt wurde zu einer Zeit, als die durchschnittliche Lebenserwartung halb so lang war wie heute.

Scharf kritisiert der Philosoph das überhandnehmende ökonomische Denken, dem nichts mehr heilig sei. «Dass Fragen der Wirtschaftlichkeit notwendig sind, rechtfertigt nicht deren Übermacht.» Die dominierende Kultur der Rentabilität ruiniere das Gesundheitssystem auch in den wohlhabenden Staaten. Diesem Trend setzt Otfried Höffe eine Besinnung auf Grundsätzliches entgegen.

Im Kern kreisen die luziden Betrachtungen des Autors um den Begriff der Menschenwürde, der auf Selbstachtung und Selbstbestimmung basiert und auch bei hochbetagten Menschen nicht infrage gestellt werden darf.

Gegen Altersverachtung

Nicht alles, was «Die hohe Kunst des Alterns» ausbreitet, ist neu oder überraschend. Doch der Autor, der lange Jahre in der Schweiz lehrte, versammelt auf knappem Raum die wesentlichen – vor allem westlichen – Überlegungen zu diesem Thema und formuliert eine Sozialethik des Alters, in deren Zentrum die goldene Regel steht: «Was du als Kind nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem Älteren zu!»

In den modernen Gesellschaften, die dem Jugendwahn frönen, erkennt Otfried Höffe eine Häufung negativer Altersbilder – und damit Anzeichen eines wenn auch nicht virulenten, so doch latenten «âgisme». Allein in der Tatsache, dass die Menschen zwar lange leben, aber nicht alt werden wollten, komme diese Abwertung, ja Verachtung zum Ausdruck. Dabei sollte bereits in jungen Jahren ins Alter investiert werden, damit diese Lebensphase Früchte tragen kann.

Hochbetagte stellen grössere Herausforderungen an ihre Betreuer als selbstbestimmte und selbstbewusste Alte.  

Da Ruhm, Erfolg und Karriere im Alter ihren Glanz verlieren und verblassen, ist es nach Höffe sinnvoll, schon früh diese vermeintlich höchsten Ziele zu relativieren. Die Momente privaten oder sozialen Glücks im Mit­einander werden in unseren materialistischen Gesellschaften sträflich unterschätzt. Dabei hätten schon die antiken Denker einen erheblichen Teil ihrer Philosophie als Lebenskunst verstanden.

Da jedes Lebewesen von Geburt an ein Sterbewesen ist, sollte man, so Michel de Montaigne, «allezeit gestiefelt und reisefertig» sein. Zu seiner Zeit, dem 16.Jahrhundert, war es selten, geradezu aussergewöhnlich, an Altersschwäche zu sterben. Ein Buch über die Kunst des Alterns in unseren Tagen aber muss sich genau damit auseinandersetzen. Denn hochbetagte oder gar demente Menschen stellen grössere Herausforderungen an ihre Betreuer als selbstbestimmte und selbstbewusste Alte.  

Kunst des Unterlassens

Wer von Berufes wegen mit solchen Menschen zu tun hat, muss sich nach Otfried Höffe auch auf die Kunst des Unterlassens verstehen. Nicht alles, was wir zu tun vermögen, ist auch sinnvoll – weder für die Patienten noch die Angehörigen. Wo genau die Grenzen verlaufen, lässt sich nur von Fall zu Fall entscheiden – mitunter aber sind Worte des Trostes hilfreicher als Taten der Verzweiflung.

«Wehe dem, der nicht im Schutz der Liebe altert», heisst es in poetischer Überhöhung. In der Tat bietet sie die beste Garantie dafür, dass das Dasein in ein würdevolles Sterben mündet. Mit diesen etwas pathetischen, dem Thema allerdings adäquaten Ausführungen beschliesst der 75-jährige Philosoph seinen dichten, aufmunternden Essay über eine Kunst, die Gelassenheit meint.

Schliesslich erinnert er an die eindrücklichen, fast vergessenen «Dikate über Sterben und Tod» des Zürcher Strafrechtlers Peter Noll, welche auch nach dreissig Jahren lesenswert sind.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 07.09.2018, 18:12 Uhr

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Otfried Höffe



Die hohe Kunst des Alterns. Kleine Philosophie des guten Lebens.

C.-H.-Beck-Verlag, München 2018.
187 S., ca. 29 Fr.

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