«Das Alter ist voller Chancen»

In seinem neuen Roman widmet sich der Jurist und Schriftsteller Bernhard Schlink zwei grossen Themen, der Vergänglichkeit und der Gerechtigkeit. Die gute Nachricht: Es gibt keinen Grund, zu verzweifeln.

«Der Kampf für Gerechtigkeit ist nicht uferlos für den Einzelnen»: Bernhard Schlink. Foto: Gaby Gerster (Laif)

«Der Kampf für Gerechtigkeit ist nicht uferlos für den Einzelnen»: Bernhard Schlink. Foto: Gaby Gerster (Laif)

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Wichtig bei einem Buch sei Ihnen, sagten Sie einmal, dass es wirklich «Ihr Buch» sei. Was muss man sich darunter vorstellen?
Ein Buch ist meines, wenn ich es genau so geschrieben habe, wie ich es schreiben wollte, wie ich es geschrieben sehen will, wie ich meine, dass es geschrieben gehört. Schreiben bedeutet auch, sich zu exponieren, und gegen die Ungewissheit, wie das Buch aufgenommen wird, hilft die Gewissheit, dass ich mein Buch geschrieben habe.

Wie lebt es sich mit selbst geschaffenen Figuren?
Sie sind mir nahe – so nahe, dass jedes Mal, wenn ich mit einem Roman oder einer Geschichte fertig bin, der Abschied von ihnen schmerzhaft ist. Sie sind meine Geschöpfe, aber zugleich Gestalten, die mir begegnen; ich schreibe sie, aber zugleich schreibe ich über sie. Sie gewinnen eine Qualität als Subjekte – obwohl ich das Manuskript jederzeit vernichten kann und sie dann nie den Weg in die Welt finden.

Die Heldin Ihres neuen Romans «Die Frau auf der Treppe» ist Geliebte dreier Männer: eines Unternehmers, eines Künstlers und eines Anwalts, und sie ist Grenzgängerin zwischen verschiedenen Welten – eine ideale Projektionsfläche für männliche Vorstellungen?
Ja, und zunächst lässt sie sich auch darauf ein und ist ihrem reichen Ehemann die Trophäe, die er sich an seiner Seite wünscht, und dem Maler die Muse, die er braucht. Dann merkt sie, dass sie in diesen Rollen nur fest- und klein gehalten wird, und verweigert dem Anwalt die Rolle als Prinzessin, die von ihm, dem starken Ritter, gerettet wird. Sie dreht den Spiess um und benutzt ihn.

Sie wird schliesslich zur Kämpferin für Gerechtigkeit. Die Rebellion von 1968 war auch das Thema Ihres Romans «Das Wochenende». Diese bleibt für Sie ein grosses Thema?
Es war der Versuch meiner Generation, Politik und Gesellschaft mit moralischem Anspruch anders, besser zu gestalten. Das bleibt für mich wichtig – in seinem Gelingen und Scheitern, in seiner Ernsthaftigkeit und Anmassung.

Sie sind im bürgerlichen Heidelberg aufgewachsen, mit einem Theologieprofessor als Vater, der klug, aber wohl auch dogmatisch war. Wie verlockend war für Sie die 68er-Perspektive?
Zwischen mir und meinem Vater gab es tatsächlich Spannungen. Er hing an der Universität in ihrer überkommenen Gestalt, während ich fand, es müsse sich vieles ändern: an der Universität, in der Gesellschaft, in der Politik. Dabei war die 68er-Perspektive in ihrer radikalen Variante für mich nie verlockend. Ich war mit Überzeugung Jurist und glaubte, eine konsequent freiheitliche, rechtsstaatliche Auslegung und Anwendung der Verfassung werde die gesellschaftlich-politische Öffnung herbeiführen.

Hat sich die Hoffnung erfüllt?
In den 70er- und 80er-Jahren hat sich in Gesellschaft und Politik in der Tat vieles geöffnet. Aber seit dem Ende des Kalten Krieges steht die westliche Welt unter ganz neuen Parametern.

Aufklärung gegen Gegenaufklärung?
Menschenrechte und Demokratie gegen Islamismus und andere Fundamentalismen? Ich meine etwas anderes. Bis zum Ende des Kalten Kriegs musste der Westen besser sein als der Osten, der Kapitalismus musste sozial, die wirtschaftliche Dynamik musste reguliert, die Verteilung der Erträge musste gerecht sein. Seit die Herausforderung durch die Alternative des Ostens entfallen ist, gilt das nicht mehr. Die neoliberale, kapitalistische Entwicklung des Westens ist nicht mehr zu zügeln, Gerechtigkeit ist immer schwerer zu gewährleisten und die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auf.

Ihr Icherzähler ist Anwalt, engstirnig und erfolgsorientiert. Sie sind auch Jurist. Fanden Sie es leicht, sich in die Figur des Icherzählers hineinzudenken?
Ich schreibe leichter über einen Juristen als über einen Förster. Ein bisschen was von dem Wunsch, zu funktionieren, auch unter Belastung, und zu kämpfen und zu siegen, steckt in jedem Juristen und auch in mir. Den Icherzähler treibt lange nur dieser Wunsch. Er wurde von früh an nicht recht wahrgenommen, und wenn man nicht wahrgenommen wurde, ist es schwer, andere wahrzunehmen – und sich selbst.

«An der Kathedrale der Gerechtigkeit arbeiten viele Steinmetze», lassen Sie ihn sagen.
Das sagt er, um seine Arbeit im Rückblick schönzureden. Ich glaube nicht, dass er sich während seiner Arbeit tatsächlich als Steinmetz an der Kathedrale der Gerechtigkeit sah.

Was ist in diesen schwierigen Zeiten zu tun?
Viel. Bleiben wir in der Welt des Rechts, in der der Icherzähler operiert. Wenn ich die Zeitung aufschlage, lese ich wieder und wieder, wie die Justiz den Versuchungen der Medienwelt erliegt und sich in Szene setzt, statt einfach ihre Aufgabe zu erfüllen. Die Würde des Juristen liegt in seinem Eintreten für Gerechtigkeit, in nichts anderem. Dafür braucht es Bescheidenheit und Widerständigkeit.

Krieg in Syrien, kein hinreichendes Umdenken in der Umweltfrage, in der Frage der Tierhaltung, eigentlich nirgends – ist der Kampf für Gerechtigkeit uferlos?
Für den einzelnen ist er nicht uferlos. Er steht an seinem Platz und kann dort die Dinge laufen lassen, wie sie laufen, oder sich für mehr Gerechtigkeit einsetzen.

Also konkret. Sollen wir die Grenzen für syrische Flüchtlinge stärker öffnen?
Deutschland hat sich in der Mitte Europas rechtlich mit einem Gürtel von Staaten umgeben, in die es Flüchtlinge zurückschicken darf. Das ist nicht fair, und steht einem reichen, sicheren Land wie Deutschland schlecht an. Ich weiss nicht, wie viele syrische Flüchtlinge genau wir aufnehmen können. Aber ich weiss, dass wir mehr aufnehmen können, als wir aufnehmen.

Anfang Juli sind Sie siebzig geworden. Die Vergänglichkeit ist neben der Gerechtigkeit das zweite grosse Thema in dem Roman.
Nicht das zweite, das erste. Was hat es mit dem letzten Lebensabschnitt auf sich? Ermöglicht er eine neue Wahrhaftigkeit sich selbst und anderen gegenüber? Welchen neuen Reichtum an Wahrnehmungen eröffnet er? Welche Erfahrungen? Ich bin davon überzeugt, dass der letzte Lebensabschnitt voller Chancen und Herausforderungen ist.

Wie stark beschäftigen Sie Alter und Vergänglichkeit persönlich?
Immer wieder. Bis hin zu dem oft beschriebenen Phänomen, dass frühere Erinnerungen stärker ins Bewusstsein kommen. Woran liegt das? Was haben die Neurowissenschaften dazu zu sagen? Liegt es daran, dass man früher im Leben alles, was passierte, als Vorbereitung auf das sah, was erst noch kam, und das Vergangene erst später zu seinem Recht kommt und als Erinnerung zählt?

Im Buch ist dem Icherzähler, «als zittere das Haus unter der Last der Beherbergung der unverträglichen Menschen». Schopenhauer vergleicht den Menschen mit einem Stachelschwein: Beide suchen die Nähe und Wärme, dabei pieksen sie sich aber auch.
Das hat nicht mit der Gattung, sondern mit den Einzelnen zu tun: Die einen pieksen, die anderen pieksen nicht. Nicht einmal bei Kindern funktioniert ein Menschenbild. Früher dachte ich, Kinder seien gut – oder ich müsste sie doch gut finden. Inzwischen gestehe ich mir ein, dass es ganz grässliche Kinder gibt. Aber es gibt genug andere. Es gibt überhaupt keinen Grund, an den Menschen und an der Welt zu verzweifeln.

Bernhard Schlink: Die Frau auf der Treppe. Roman. Diogenes, Zürich 2014. 245 S., ca. 30 Fr.

Am 20. September um 20 Uhr liest Bernhard Schlink im Pfauen.

Erstellt: 16.09.2014, 13:52 Uhr

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Bernhard Schlink

Jurist und Schriftsteller

Geboren 1944, lehrte Bernhard Schlink als Professor für Öffentliches Recht in Bonn und bis 2009 an der Humboldt-Universität. Seine literarische Karriere begann er mit Krimis. Sein Roman «Der Vorleser» (1997) wurde ein internationaler Bestseller, in 50 Sprachen übersetzt und 2008 verfilmt. Neben zwei Erzählbänden schrieb Schlink die Romane «Das Wochenende», «Heimkehr» und nun «Die Frau auf der Treppe» (TA-Rezension am 27. 8.). Schlinks Bücher erscheinen im Diogenes-Verlag. (TA)

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