Das Genie schrieb schon als Zwölfjähriger wie ein Erwachsener

Die ­Jugendwerke von Truman Capote, die der Zürcher Verlag Kein & Aber in New York aufgespürt hat, sind nicht nur für ­Spezialisten aufschlussreich.

Schriftsteller Truman Capote als 24-Jähriger 1948 in New York. Foto: TA-Archiv

Schriftsteller Truman Capote als 24-Jähriger 1948 in New York. Foto: TA-Archiv

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«Erhörte Gebete» waren für Truman Capote stets die schrecklichsten, und das galt auch für seinen Skandalroman «Answered Prayers». Als der erste Teil, «La Côte Basque», 1975 erschien, wandten sich selbst seine engsten Freunde von ihm ab. Die Schönen und Reichen New Yorks hatten den Dandy («Ich bin schwul, ich bin süchtig, ich bin ein Genie») lange als amüsante Klatschbase und brillanten Unterhalter geduldet, ja verhätschelt, aber diesmal war der schwule Giftzwerg zu weit gegangen: Der Hofnarr hatte den Society-Fürsten die Wahrheit über ihr leeres, hohles ­Leben ins Gesicht zu spucken gewagt.

«Answered Prayers» gilt bis heute als verschollen. Angeblich deponierte Capote das Manuskript kurz vor seinem Tod 1984 in einem Bahnhofsschliessfach, aber das war vielleicht nur einer seiner Mystifikationen. Auch sein angeblich vernichteter Erstling «Summer Crossing» wurde erst 2005 aus dem Nachlass wiederentdeckt. Auf der Suche nach «Answered Prayers» wurden auch der Zürcher Verleger Peter Haag und seine Frau Anuschka Roshani, Heraus­geberin der verdienstvollen Capote-Ausgabe bei Kein & Aber, bei ihren Recherchen in New York nicht fündig.

Erfolgreiche Literaturdetektive

Aber statt des legendären Spätwerks fanden sie in den 34 Pappkartons von Capotes Nachlass in der Public Library aufregende Frühwerke: bislang unbekannte Gedichte und etwa 20 Erzählungen aus Capotes Highschool-Zeit zwischen 1935 und 1943. Vier davon wurden im Buchmessen-Magazin der «Zeit» erstmals veröffentlicht; im Herbst 2015 soll unter dem Titel «Wo die Welt anfängt» die von Ulrich Blumenbach übersetzte Buchausgabe bei Kein & Aber erscheinen.

Der Fund wurde weltweit als Sensation gefeiert; auch Haag spricht stolz von einem «grossen Scoop»: Zwei Literaturdetektive aus Europa hatten durch hartnäckiges Graben einen Schatz gehoben, den Nachlassverwalter, Erben und Literaturwissenschaftler achtlos oder ignorant übersehen hatten.

Man muss Haags Begeisterung über die literarische Qualität seiner erhörten Gebete («Chapeau!») nicht unbedingt teilen. Aber jene der Texte, die man bislang lesen konnte, sind sicherlich mehr als nur für Spezialisten interessante Juvenilia. Der Autor von «In Cold Blood» und «Breakfast at Tiffany’s» schreibt schon am Anfang seiner Karriere erstaunlich sicher, selbstbewusst und stilistisch diszipliniert über so schwere Themen wie Liebe, Tod und Rassendiskriminierung.

Nicht alles sind Werke eines früh­reifen Genies. «Das Grauen im Sumpf», das zwei Kinder auf der Jagd nach einem entlaufenen Sträfling im Gespensterwald erleben, ist lediglich eine Abenteuer­geschichte in Huckleberry-Finn-Manier, «Das hier ist von Jamie» eine arg rührselige Story um einen achtjährigen Buben, der seinem todkranken Freund seine Comics schenkt und dafür dessen Hund erbt.

Aber selbst die Welpen-Schnulze ist zumindest biografisch aufschlussreich: Wie der achtjährige Teddy litt auch der junge Truman unter Eltern und Kindermädchen, die sein grosses Bedürfnis nach Anerkennung, Freundschaft und Liebe nicht erfüllten. Nach der Scheidung seiner Eltern bei alten Tanten in Monroeville, Alabama, aufgewachsen, entwickelte er ein bemerkenswert feines Gespür für die Einsamkeit und Melancholie der «Nigger».

In «Samstagnacht» schildert Capote nicht ohne Klischees über den «Wahnsinn des finstersten Afrika», aber doch auch sehr einfühlsam und genau den Saturday-Night-Fever-Albtraum eines Liebespaars zwischen Daisys Jukebox-Schuppen und dem «Negerhimmel» im Kino (so wurde dort die Galerie genannt, in der Zeit der Rassentrennung war Schwarzen der Zutritt zum Parkett verboten). In der besten Erzählung beschämt eine alte Schwarze, die schrullige Miss Belle Rankin, nicht nur die arroganten weissen Drugstore-Cowboys, sondern auch den Erzähler: «Ich war so jung, dass ich nie daran gedacht hatte, je alt werden, je sterben zu können.»

Schlicht und ergreifend

Truman Capote dachte sehr früh daran, dass er ein grosser Schriftsteller, ein Art Missing Link zwischen Proust und Popkultur werden würde. Mit 8 kaufte er sich seine erste Schreibmaschine, mit 12 veröffentlichte er seine ersten Geschichten in der Schülerzeitung, mit 16 verkehrte er bereits in den Nachtclubs der Upper West Side. Mit 23 Jahren gelang ihm der Durchbruch mit seinem Coming-out-Roman «Andere Stimmen, andere Räume», nicht zuletzt dank eines Coverfotos, auf dem sich das Wunderkind provozierend unschuldig wie auf ­einem Präsentierteller für pädophile ­Sugardaddys inszenierte.

Schon merkwürdig: Der Mann mit den knabenhaften Zügen und der kindlichen Piepsstimme, der immer gern damit kokettierte, dass er wie ein Zwölfjähriger aussah (und bei Partys gelegentlich für den Sohn der Gastgeberin gehalten wurde), schrieb schon mit zwölf Jahren wie ein Erwachsener: schlicht und ergreifend, ganz ohne boshafte Sottisen und manierierte Metaphern.

Erstellt: 11.11.2014, 17:53 Uhr

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