Das Kuckuckskind

Die britische Autorin Jenny Diski?spricht angesichts des eigenen Todes erstmals über ihre Ersatzmutter Doris Lessing.

Das Wissen, dass es jetzt nichts mehr zu sorgen, tun und bedenken gab schreckte sie nicht: Die britische Autorin Jenny Diski (Archivbild). Foto: flickr/PD

Das Wissen, dass es jetzt nichts mehr zu sorgen, tun und bedenken gab schreckte sie nicht: Die britische Autorin Jenny Diski (Archivbild). Foto: flickr/PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bloss kein «fucking cancer diary», schwor sich die britische Autorin Jenny Diski, als sie von ihrer unheilbaren Krankheit erfuhr. Schon als Kind hatte sie mit schmerzhafter Klarheit empfunden, dass sie jeden Augenblick tot umfallen könnte. Das Wissen, dass es jetzt nichts mehr zu sorgen, tun und bedenken gab, schreckte die 67-Jährige nicht, die in ihren Romanen, Kolumnen und Essays immer wieder die Kunst des stoischen, neugierigen Ausharrens, das Glück des einsamen Stillhaltens, Verschwindens oder, besser noch, Nicht­geborenwerdens beschworen hatte.

In «Das blaue Herz des Eises» beschrieb Diski ihr Leben einmal als Schlittschuhlaufen auf dünnem Eis, darum will sie jetzt aus ihrem Sterben keine literarische Performance, kein Drama von Sieg und Niederlage, Verzweiflung, Wut und Selbstmitleid machen. In der Post-Postmoderne ist alles schon einmal gesagt und geschrieben worden, weshalb man das Altbekannte neu erfinden, kurz, sein eigenes Ding machen muss.

Das kann Jenny Diski wie kaum eine andere. Ihre Romane zeichnen sich durch ungewöhnliche Stoffe und originelle Erzählerfiguren wie ein Baby ohne Gehirn oder Gott persönlich aus. In ihren Kolumnen macht sie überraschende Bezüge zwischen Barbara Bush und Foucault, Montaigne und Gucci-Handtaschen, alten Hippies und neoliberalen Yuppies. Ihr Hauptthema ist der anarchische Befreiungsrausch der Sixties: Sex und Rock ’n’ Roll, Protest und Emanzipation – und die Frauen und Kinder, die dabei unter die Räder kamen. Sexueller Missbrauch, Vergewaltigung, Drogen, Depressionen, Suizidversuche: Diski hat die dunklen Seiten der Revolte am eigenen Leib erlebt, aber sie bereut nichts. Die psychiatrische Klinik war die Keimzelle ihres Schreibens, die Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing ihre Retterin.

Hochbegabtes, labiles Mädchen

Diski war 15 und gerade von der Schule geflogen, als sie von ihr quasi adoptiert wurde. Lessing hatte das hochbegabte, labile Mädchen, das ihren Sohn Peter als «arrogantes Arschloch» beschimpft hatte, vorher noch nie gesehen, Jenny keine Zeile von ihr gelesen. Es war der Beginn einer komplizierten, konfliktreichen und beglückenden Beziehung, für die Diski nur das Wort Dankbarkeit übrig hat. Ein «Deal» zwischen Lessing und ihrem «Kuckuckskind» sah vor, dass keine über die andere schreiben dürfe.

Das Schweigegelübde hielt 50?Jahre (auch wenn das traumatisierte Mädchen Emily in Lessings «Memoiren einer Überlebenden» unverkennbar Diski war). Jetzt, ein Jahr nach Lessings Tod und zwei oder drei Jahre vor ihrem eigenen, brechen die Dämme. Im «Guardian» erzählt Diski erstmals von ihrer Zieh- und Übermutter: «Ich glaube, ich war kein richtiges Kind und sie keine richtige Mutter.» Lessing lehrte ihr rebellisches Mündel richtig lesen, schreiben und leben – und warf ihr zugleich emotionale Erpressung vor. Sie impfte Diski Selbstzweifel, Schuldgefühle, eine todestrunkene Melancholie ein, aber sie machte sie auch zu einer Schriftstellerin, die weder Tod noch Teufel fürchtet und selbst das Schreckliche und Verstörende durch federleichte Ironie, sprachliche Eleganz und gelassene Lebensweisheit erträglich macht.

Wenn sie aus ihrer Arbeit als Literaturkritikerin etwas gelernt habe, sagt Jenny Diski, dann die traurige, tröstliche Einsicht, dass es «nicht immer ein Happy Ending geben muss».

Erstellt: 11.12.2014, 19:06 Uhr

Artikel zum Thema

Die Feministin mit dem grauen Dutt

Nachruf Die heute verstorbene Schriftstellerin Doris Lessing war prägend für die Emanzipation der Frau. Dennoch hatte die Britin nur böse Worte für «dumme Feministinnen» übrig. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Blogs

Beruf + Berufung «Es braucht ein neues Rollenverständnis»

Von Kopf bis Fuss Wenn Sehnsucht zur Sucht wird

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Spielvergnügen: Kinder spielen in einem 20'000 Quadratmeter grossen und zwei Kilometer langen Maislabyrinth bei «Urba Kids» in Orbe, Waadt. (22. August 2019)
(Bild: Laurent Gillieron) Mehr...