«Das Leben des Schweins ist mehr wert als der Finger eines Menschen»

Das neue Buch von Friederike Schmitz versammelt die wichtigsten Texte der Tierethik. Im Interview spricht sie über die Philosophie des Vegetarismus – und sagt, warum Biofleisch keine Lösung ist.

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Frau Schmitz, essen Sie Fleisch?
Nein, seit sieben Jahren nicht mehr. Es war ein langjähriger Prozess: Vom Biofleisch zum Vegetarismus zum Veganismus. Heute lehne ich jede Art von Tierhaltung ab, weil fühlende Lebewesen nicht als Waren und Ressourcen behandelt werden sollten. Jede Tierhaltung zur Erzeugung von Nahrungsmitteln bedeutet, Tieren unnötiges Leid zuzufügen.

Wo liegen die philosophischen Wurzeln der fleischlosen Ernährung?
Erste Argumente dafür finden sich bereits in der Antike, bei Plutarch etwa. In östlichen Philosophien ist das Prinzip der Gewaltlosigkeit, Ahimsa, zu nennen. Einzelne Denker der frühen Neuzeit haben ebenfalls ethische Kritik am Töten von Tieren geübt; weiter verbreitet hat sich der Vegetarismus im Westen allerdings erst im 19. und 20. Jahrhundert, oft in Kombination mit anderen gesellschaftskritischen Forderungen.

In Ihrem Buch versammeln Sie Standardtexte der Tierethik, von Peter Singer über Tom Regan bis Cora Diamond. Wie hat sich die Debatte seit Singer entwickelt?
Singer ermöglichte eine breite philosophische Debatte. Seither hat eine Differenzierung stattgefunden, zahlreiche neue Fragen werden diskutiert: Wie stark zählen Tiere tatsächlich? Auf welchen moralphilosophischen Grundlagen lässt sich eine Tierethik aufbauen? Wie könnten Tierrechte beschaffen sein? Geht es nur um den Tierschutz, oder geht es um eine Abschaffung der Tierhaltung? Die Frage nach dem Verhältnis zu Tieren wird aus verschiedensten akademischen Perspektiven betrachtet, auch Politikwissenschaftler und Feministinnen machen sich Gedanken.

Was muss man sich unter einer feministischen Betrachtung des Mensch-Tier-Verhältnisses vorstellen?
Ein Thema ist dabei die Zuordnung von Eigenschaften, die eine minderwertige Behandlung rechtfertigen sollen. Zuordnungen, die auf Frauen wie Tiere angewandt werden: Sie seien weniger rational, seien triebgesteuert. Parallelen zwischen Darstellungen von Frauen und Tieren als Konsumgütern findet man auch im Alltag häufig. In einem Kochmagazin für Männer gab es zum Beispiel mal Bilder davon, wie ein Huhn gerupft wird. Überschrift: «Ich mach dich nackig». Auch Frauenrechtlerinnen selber bedienen sich dieser Analogie: «Eine Frau wird wie ein Stück Fleisch behandelt.»

Welche Rolle spielen biologische Erkenntnisse in der Vegetarismus-Diskussion?
Die Biologie spielt vor allem in Fragen der Empfindungsfähigkeit eine Rolle. Es gilt zu klären, welche Tiere überhaupt Schmerzen und positive Gefühle haben können.

Der Basler Philosoph Markus Wild meinte jüngst in einem Interview mit der NZZ, er würde Insekten essen, da es sich nicht um empfindungsfähige Tiere handle.
Lange hat man darüber gestritten, ob Fische empfindungsfähig seien. Heute muss man von ihrer Empfindungsfähigkeit ausgehen. Im Zweifelsfall sollte man sich deshalb immer für das Lebewesen entscheiden – das halte ich, soweit es geht, auch bei den Insekten so, deren Empfindungsfähigkeit nicht völlig ausgeschlossen werden kann. Allerdings kommen wir aus pragmatischen Gründen nicht darum herum, Insekten geringer zu schätzen. Wie sehr man sich bemüht und ob man will oder nicht – man tötet sie. Beim Autofahren, beim Zugfahren, in der Landwirtschaft…

Wenn Sie beim Autofahren jedes Mal fünfzig Schweine töten würden, würden Sie nicht mehr ins Auto steigen.
Genau.

Wenn Sie zu einer Opferung gezwungen würden: Was würden Sie als wertvoller erachten – das Leben eines Schweins oder den Finger eines Menschen?
Das Leben des Schweins ist mehr wert. Das ist allerdings eine recht konstruierte Gedankenspielerei. In der Realität geht es ja darum, ob wir Tiere gefangen halten, ausbeuten und töten sollten, nur um zum Beispiel ein bestimmtes Geschmackserlebnis zu haben. Wir verlieren ja keine Finger, wenn wir vegan leben. Im Gegenteil ist das oft eine sehr befreiende Entscheidung.

Wirkt sich die akademische Diskussion der Tierethik auch auf das Rechtswesen aus?
Da tut sich kaum etwas. Tierschutzgesetze richten sich noch immer weitgehend nach den Bedürfnissen der Fleischindustrie. Wenn etwa über die Abschaffung der Ferkelkastration diskutiert wird, dann geht es um die Frage, ob die Betäubung billig genug zu haben ist oder ob das übel riechende Eberfleisch nicht doch irgendwie unter die Leute gebracht werden kann. Gegen solche Kleinst- und Pseudoreformen wendet sich auch mein Buch, das die deutschsprachigen Leser mit den grossen tierethischen Fragen konfrontieren will.

Was ist vom Konsum von Biofleisch zu halten?
Er ändert grundsätzlich nichts und ist auch sehr häufig ein Etikettenschwindel. Schweine zum Beispiel haben ein kleines bisschen mehr Platz, aber wirklich herumlaufen oder in der Erde wühlen können sie auch nicht. Es ist ein moderner Ablasshandel, der den Leuten suggeriert, dem Tierschutz Genüge zu tun. Doch das ist falsch. Manchmal gehts den Tieren in Biohaltung sogar schlechter.

Wie das?
Viele Hühner beispielsweise wurden für die Massentierhaltung auf extrem hohe Legeleistung gezüchtet, für die sie entsprechendes Kraftfutter brauchen. Wenn sie nun mit dem speziellen Biofutter ernährt werden, magern sie ab und werden krank. Auch die strengeren Medikamentenvorschriften führen dazu, dass mehr Krankheiten auftreten.

Was ist eigentlich mit den Argumenten pro Fleischessen?
Da verweise ich auf Peter Carruthers, der in meinem Band mit seinem Text «Warum Tiere moralisch nicht zählen» vertreten ist. Für ihn ist Moral ein Gesellschaftsvertrag zwischen rational Handelnden – wozu er Tiere nicht zählt. Mit dieser Position habe ich natürlich Mühe, zumal sie auch die Würde von Kleinkindern oder kognitiv eingeschränkten Menschen tangiert. Weiterhin wird in jüngster Zeit bisweilen ein sehr praktisches Argument für die Tierhaltung angeführt.

Und das wäre?
Dass Landwirtschaft ohne Tiernutzung nicht machbar sei. Dass es für den landwirtschaftlichen Kreislauf die Exkremente der Tiere brauche. Hierauf hat die biovegane Landwirtschaft, die gänzlich ohne sogenannte Nutztiere auskommt, allerdings Antworten. Für die Versorgung des Bodens mit Stickstoff etwa werden Pflanzen wie Hülsenfrüchte angebaut und dann unterpflügt.

In weniger begüterten Regionen der Welt wird der Vegetarismus kaum praktiziert. Bleibt er ein Luxusphänomen?
Tatsächlich gibt es die meisten Vegetarier in Indien. Hierzulande ist es durchaus kostengünstig möglich, sich vegan zu ernähren. Teuer sind nur spezielle Produkte wie pflanzliche Wurst et cetera. Das liegt aber auch daran, dass sie nicht wie Tierprodukte subventioniert werden. Und daran, dass die externen Kosten der Fleischproduktion wie die Zerstörung von Umwelt und Klima nicht im Preis auftauchen.

Wird der Vegetarismus an Bedeutung gewinnen?
Es ist zu hoffen, dass nicht nur der Vegetarismus, sondern auch der Veganismus sich weiter verbreitet, da ja auch für die Erzeugung von Milch und Eiern Tiere leiden und getötet werden. Ich hoffe ausserdem, dass der Aktivismus für Tierrechte weiter zunimmt, denn es braucht eine starke soziale Bewegung, um wirklich etwas zu verändern. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.02.2014, 09:43 Uhr

Friederike Schmitz (*1982) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Philosophie mit dem Schwerpunkt Kant und Deutscher Idealismus. (Bild: zvg)

Friederike Schmitz (Hrsg.): Tierethik. Suhrkamp-Verlag, 2014. 589 S., 39.90 Fr. ISBN 978-3-518-29682-0

Schlüsseltexte versammelt

Friederike Schmitz versammelt in ihrem Buch die Schlüsseltexte der Vegetarismus-Debatte. Peter Singer, der 1974 mit «Animal Liberation» eines der ersten Standardwerke der Tierrechtsbewegung veröffentlichte, ist mit «Ethik und Tiere. Eine Ausweitung der Ethik über unsere eigene Spezies hinaus» vertreten. Weitere berücksichtigte Klassiker der Tierrechtsbewegung sind Tom Regan («Case for Animal Rights») und Cora Diamond. Forschungen jüngerer Philosophen wie Sue Donaldson, David DeGrazia oder Will Kymlicka fanden ebenfalls Eingang in den Sammelband. Die meisten der Texte wurden erstmals ins Deutsche übersetzt. (lsch)

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