«Das Leben ist ein ungarisches Gulasch»

Stephen King war in Europa und wollte schnell wieder weg. Aber dazwischen erzählte er ein paar Anekdoten aus seinem Eheleben und gestand seine Angst vor Monstern.

Stephen King: Ein wenig sieht er ja schon zum Fürchten aus, dabei ist der Horrorspezialist eigentlich ganz lieb.

Stephen King: Ein wenig sieht er ja schon zum Fürchten aus, dabei ist der Horrorspezialist eigentlich ganz lieb. Bild: Maja Hitij/Keystone

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2000 Menschen haben ihm am Dienstag in München gelauscht, 3000 sind es am Mittwoch in Hamburg, viele, viele waren es letzten Samstag in Paris, und Stephen King (66) erzählte dort den 150 anwesenden Journalisten, er fühle sich «wie Justin Bieber». Jetzt, gestern Nachmittag in Hamburg, wartet wieder die Presse auf ihn und wartet, es ist nicht zum Aushalten, steckt er im Stau? Seit seiner Hochzeitsreise 1971 war Stephen King nicht mehr in Europa. Damals logierten er und seine Frau allein in einem unheimlichen Hotel. Aus der Reise wurde sechs Jahre später «The Shining».

Und dann, um 12.25 Uhr, kommt er endlich, geht schnell an allen Kameras vorbei: Graue Haare, graues Gesicht, und die Augen sind klein und müde und eisblau. Ein bisschen zum Fürchten sieht er aus, der Herr des literarischen Horrors, aber er lacht viel, und dann wirkt er lieb, und was soll man denn auch anderes spüren ausser maximaler Zuneigung, wenn einer sagt: «Oh, ich liebe Sie, ich nehme Sie mit nach Amerika!»

Das kam so: Eine Dame aus Österreich fragte ihn nach seinem Lieblingsbuch von sich selbst, und er sagte ohne Nachzudenken, das sei «Lisey’s Story», die Geschichte einer Frau, die ihren heiss geliebten Mann viel zu früh verloren hat und jetzt im Totenreich nach ihm sucht, ein bisschen Orpheus und Eurydike, nur mit vertauschten Rollen. Ein traumhaftes Buch. «Von allen Büchern, die ich schon gelesen habe, ist das auch mein Lieblingsbuch», sagt man da, und es ist ein bisschen gelogen, aber unter den zehn liebsten ist es wirklich, und Stephen King ist ja Amerikaner, und Amerikaner reden auch immer in diesen emotional total übertriebenen Floskeln. Es ist also sicher erlaubt, und die Reaktion ist toll.

Nur 20 Millionen verdient

«Sind Sie ein Romantiker?», wollen wir wissen. «Natürlich bin ich ein Romantiker, ich liebe die romantische Liebe und die Idee, dass sie das Böse überwinden kann», sagt er und dass der grösste Triumph seines Lebens nicht sein Erfolg und nicht die Bewältigung seiner Alkoholsucht sei, sondern definitiv, dass er schon seit über 40 Jahren so glücklich verheiratet sei. Stephen King, der Mann, der über 350 Millionen Bücher verkauft hat, der mit einem geschätzten Vermögen von 400 Millionen Dollar neben J. K. Rowling und James Patterson der reichste Schriftsteller der Welt ist, auch wenn er für seine Verhältnisse gerade ein schlechtes Jahr hinter sich hat, weil er nur 20 Millionen verdiente. Im Jahr zuvor war es doppelt so viel.

Von J. K. Rowling ist er Fan, er und sein Freund John Irving baten die Britin öffentlich darum, Harry Potter nicht sterben zu lassen. James Patterson kann er nicht ausstehen, «viel zu oft sieht man einen neuen Patterson, der muss ja fast jeden Monat ein Buch veröffentlichen, und dann heisst es immer ‹von James Patterson und so und so›, der Mann ist eine Fabrik».

Das hat man ja Stephen King auch schon oft genug vorgeworfen, dass er sein Quantum gar nicht alleine bewältigen könne, dass er Ghostwriter beschäftigen müsse, dass er eine Fabrik sei. Ist er nicht. Das glauben wir ihm jetzt einfach mal. Julianne Moore, die gerade in der neuen Verfilmung seines Romans «Carrie» die irre Mutter einer irren Tochter spielt, sagt jedem, der sie fragt: «Stephen King ist der Charles Dickens unserer Tage.» Seine Figuren, erklärt sie, seien bei all ihren absurden Abenteuern immer mit einer grossen, packenden Menschlichkeit ausgestattet. Kommt dazu, dass Stephen Kings Tonfall oft ein literarischer ist, dass seine Sprache eine Atmosphäre hat, in manchen Passagen gar eine ganz feine Poesie.

Das muss einer schon selber machen. Und deshalb hat er auch diese Gesichtsfarbe von einem, der noch nie einen Sonnenstrahl gesehen hat. Und deshalb kann er auch so schön vom Erzählen erzählen. Von den «Entzugserscheinungen», die er nach einem fertigen Manuskript habe, wenn er seiner Frau nachlaufe «wie ein Hund» und ihr damit nur im Weg sei. Von der Schreibhütte, die er sich habe einrichten müssen, weil seine Frau nicht ertrage, wenn er zum Schreiben immer schlechte Rockmusik höre. «Mambo Nr. 5» von Lou Bega sei sein Sündenfall gewesen, «wenn du das noch einmal spielst, reiss ich dir den Kopf ab», habe sie gesagt, dann habe er sich ausquartieren müssen.

Die Metaphysik des Grauens

Freie Tage hasst er, nur an Weihnachten arbeitet er nicht. Eine Pressereise wie jetzt diese, anlässlich von «Doctor Sleep» (TA vom 12. 10.), der Fortsetzung von «The Shining», geht ihm vollkommen gegen den Strich, «ein Schriftsteller muss sich zurückziehen, ich sollte Sie beobachten, nicht Sie mich». Er kommt schnell und geht schnell, «ich habe keine Zeit!», sagt er jedem und dass er höchsten noch zehn, vielleicht fünfzehn Jahre als Schreiber vor sich habe, danach, da sei er sich sicher, «wird mich Gott zum Schweigen bringen».

Gott also. Wie christlich ist eigentlich die Matrix, auf der Stephen King Amerika in einen Horrorshop verwandelt? Schliesslich liest sich jedes seiner Bücher wie eine Neufassung der Bibel: Da gibt es die Festschreibung von Gut und Böse, das Jüngste Gericht, die Apokalypse, Schuld und Vergebung. Und obwohl King erst neulich gegen fundamentale Christen in den USA wetterte (und gegen Waffenbesitz und für höhere Steuern für Reiche) und schon lange nicht mehr in die Kirche geht, gab er doch mal zu, regelmässig in der Bibel zu lesen. Wie wichtig ist das also für Ihre Literatur, Herr King? Die Antwort darauf ist dermassen ausweichend und vage: Er schreibe halt einfach über gesellschaftliche Probleme, die ihn beschäftigten.

Die Antithese von Glauben ist Aberglauben. Und die Dinge, die sich Stephen King in seiner Fantasie ausmalt, die holen ihn auf kindliche Weise auch im richtigen Leben ein: «Ich schlafe nicht mehr bei brennendem Licht, das ist ja Quatsch, wenn so ein Monster käme, würde es sich davon ja nicht abhalten lassen. Aber ich schaue immer, dass meine Füsse unter der Decke sind, ich denke, wenn da so was käme, mit Klauen, und mich an den Füssen packen würde . . .» Das ist natürlich rührend. Und verständlich, wenn einer über 70 Bücher über die Metaphysik des Grauens und die Paranormalität geschrieben hat. Dazu kommen Drehbücher, Kollaborationen (etwa mit Michael Jackson) und eine Schriftstellerband. Wann schläft der Mann eigentlich? «Ich habe die Tendenz, immer Ja zu sagen. Meine Mutter sagte früher: ‹Stephen, wenn du ein Mädchen wärst, du wärst dauernd schwanger.›»

Und dann sind exakt 49 Minuten vorbei, und Stephen King, der immer bessere Laune hat, je näher seine Heimkehr nach Maine, zu Frau und Kindern und Enkelkindern rückt, fasst sein Leben, in dem die Liebe und die Literatur und in dieser wiederum das Grauen, die Romantik, die Poesie und manchmal auch ein Witz Platz haben, so zusammen: «Ich finde es furchtbar, wenn man alles voneinander trennen muss. Es gibt doch diese Leute, die schauen auf einen Teller und sagen: ‹Iiiihhhh, das Fleisch und das Gemüse berühren sich!› Ich finde: Das Leben ist ein ungarisches Gulasch. Alles hat drin Platz.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.11.2013, 08:33 Uhr

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Medienkonferenz in Hamburg mit Stephen King

Das erste TV-Interview mit Stephen King (1982)

King stellt in Hamburg sein neues Buch vor

«Carrie», Trailer

«The Shining», Trailer

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